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SZ-Serie: Die grüne Frage:Gülle ist Gold

Wer nicht mehr kann und mag, kann aussteigen und zurück in die Stadt ziehen. Aufs Große und Ganze wären diese einfachen Systeme nur um den Preis der individuellen Freiheit anwendbar. Zum Beispiel der Freiheit, gelegentlich ein Schnitzel zu essen oder sich im Klo eine Wasserspülung zuzulegen.

Unter konsequentem grünen Leben versteht man im Ökodorf Sieben Linden unter anderem, Plumpsklos zu benutzen. In der Siedlung nordöstlich von Wolfsburg in der Altmark kommen die etwa 130 Bewohner vor allem mit dem Solarstrom aus ihrer genossenschaftlichen Erzeugung aus. Wasser kommt aus dem Brunnen. Sie versuchen, sich selbst zu versorgen, so weit es geht. Nur ein Drittel des Obstes und Gemüses, das sie verbrauchen, müssen sie zukaufen.

Das Geld, das die Siebenlindener dazu brauchen, nehmen sie durch die zahlreichen Seminare ein, die sie anbieten. Die Teilnehmer bilden sie in allen Belangen des ökologischen Lebens aus: Vom Bau eines Lehmhauses über die Errichtung eines Holz- und Strohballenbaus bis zum Transition-Training, das ein Diplom-Physiker mit langjähriger Erfahrung in buddhistisch geprägter Gruppenarbeit leitet und das die Workshopper auf einen "kraftvollen, persönlichen Weg hin zu größerer persönlicher Resilienz" führen soll, und zum Kreativtanzkurs "Well dance - Tanz dich frei!" bieten sie ein überaus breit gefächertes Programm.

Bei Mitarbeitswochen zahlen die Gäste nur für die Verpflegung. Allerdings dürfen sie dann richtig ran: Jan Grossarth musste mit einem Sinnsucher aus Cottbus einen achtzig Meter langen Wassergraben ausheben. Beim Schaufeln ereilte ihn eine Halluzination: In einem roten Sandstein sah er eine Trüffelleberwurst. Als er sich dann mal zwei Stunden Freizeit gönnte, um für sein Buch zu recherchieren, kam die Kursleiterin mit der Pferdekutsche und sagte, er müsse arbeiten oder gehen. Er ging. Allerdings sollte er noch einen Teilnahmebeleg unterschreiben, mit dem das Ökodorf eine Erwachsenenbildungszulage vom Land Sachsen-Anhalt beantragen konnte.

Nur ein ''Irrer''

Trotz aller Entbehrungen auf seiner Reise zu den Aussteigern beschreibt Grossarth seine Gastgeber ziemlich nüchtern. Ohne Spott und Häme - auch seine spirituell, nun ja, abenteuerlicheren Gastgeber wie den Stamm der Likatier in Füssen, Allgäu, und die Föderation Damanhur. Beide erinnern in ihrer Weltanschauung an Sekten. Die bizarren Erlebnisse dort - die Praxis, sich Tiernamen zu geben bei den einen, die Lizenz zur freien Liebe bei den anderen - werden ebenso neutral geschildert wie das karge Leben der katholischen Ordensgemeinschaften, bei denen der Autor sich in Köln und Nürnberg einquartierte.

Der Begriff Spinner kommt in diesem Buch nicht vor. Nur einmal glaubte Grossarth, bei einem "Irren" gelandet zu sein, lässt sich aber belehren und revidiert sich. Er verweist auf Michel Foucault: Wenn der Vernünftige nicht mehr mit dem Wahnsinnigen kommuniziere, sei er selbst wahnsinnig. Also ist der niedersächsische Ökobauer, der sich auf die Vorstufe der allgemeinen Zivilisation begeben und die Flucht von Frau und Kindern in Kauf genommen hat, kein Wahnsinniger, sondern ein Andersdenkender. Der Mann sagt: "Für mich ist Scheiße Gold. Dass wir aus Scheiße Sondermüll gemacht haben, darin sehe ich das Symbol für den Niedergang unserer Kultur." Dieser Landwirt nimmt jedoch immer noch teil an der Gesellschaft: Donnerstags radelt er ins Wirtshaus. Zum Tangotanzen. Barfuß.