SachbuchDie Zeit wird knapp

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Bedrohlicher Herausforderer: Militärparade im vergangenen September in Peking zum 80. Jahrestag der Kapitulation Japans im Zweiten Weltkrieg.
Bedrohlicher Herausforderer: Militärparade im vergangenen September in Peking zum 80. Jahrestag der Kapitulation Japans im Zweiten Weltkrieg. Xing Guangli/XinHua/dpa
  • Der norwegische Historiker Odd Arne Westad warnt in seinem neuen Buch vor einem kommenden großen globalen Konflikt zwischen den USA und China.
  • Westad zieht Parallelen zum europäischen Staatensystem vor 1914 und sieht China als bedrohlichen Herausforderer der USA, ähnlich wie Deutschland das britische Empire herausforderte.
  • Als neuralgischen Streitpunkt identifiziert Westad Taiwan und plädiert für klare Kommunikation, starke Bündnisse und präzise Wahrnehmung der anderen Seite zur Kriegsvermeidung.
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Der norwegische Historiker Odd Arne Westad hat die beste Geschichte des Kalten Kriegs geschrieben. Jetzt warnt er vor dem nächsten großen globalen Konflikt.

Von Gustav Seibt

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Der norwegische, in Yale lehrende Historiker Odd Arne Westad hat 2017 die beste Globalgeschichte des Kalten Kriegs publiziert. Diese Darstellung ist ein Großwerk, das lange Linien der Ideengeschichte mit klassischer Geschichte internationaler Beziehungen und mit Militärgeschichte verbindet, das zugleich einen umfassenden Blick auf den ganzen Globus mit seinen Teil- und Ablegerkonflikten wirft. Der Kalte Krieg war ein Weltkampf, der bis in afrikanische Urwälder, lateinamerikanische Diktaturen und pazifische Inselstaaten hineinwirkte.

Sein neues schmales Buch, das vor einem kommenden großen Krieg warnt, verdient unbedingt Aufmerksamkeit. Hier schreibt kein leichtfertiger „Analyst“ mit Lust an grellen Szenarien, sondern ein ruhiger, bedachter Kopf, dem sogar ein gewisser Hang zu Pedanterie nicht abzusprechen ist. Diese kleine Fachhistorikerschwäche führt bei seinem neuen Buch allerdings auch zu Problemen: Es ist interessant und überreich an Kenntnissen, steht sich allerdings streckenweise selbst im Weg.

Westad landet beim europäischen Staatensystem vor 1914

Westad will zunächst zeigen, dass sich die globalen Probleme seit dem Kalten Krieg fundamental verändert haben. Die Welt sei multipolar geworden! Überraschung, aber vielleicht ist diese Vorklärung für einen Historiker mit seiner Vorgeschichte wirklich nötig und sogar fruchtbar. Wenn die jüngste Vergangenheit nicht weiterhilft, dann vielleicht die vorvergangene. Hier landet Westad, auch nicht wirklich überraschend, beim europäischen Staatensystem vor 1914 mit dessen Selbstvernichtung im Ersten Weltkrieg.

Daraus folgt eine kleinteilige Engführung von Analogien – „genau wie“, „ähnlich wie“ sind Dauerformulierungen – von damals und heute. Den Platz einer herausgeforderten Supermacht besetzen hier das britische Empire (damals) und die USA (heute). Der bedrohliche Herausforderer war damals Deutschland, heute ist es China. Und so geht es weiter: Indien verhält sich zu China wie damals Frankreich zu Deutschland. Und weil das k. u. k. Reich 1914 Deutschlands einziger Verbündeter war, muss heute Russland als wichtigster Verbündeter Chinas in dessen Rolle schlüpfen.

Der norwegische Historiker Odd Arne Westad, Jahrgang 1960, lehrt in Yale und ist Experte für den Kalten Krieg. Jetzt sagt er einen heißen voraus.
Der norwegische Historiker Odd Arne Westad, Jahrgang 1960, lehrt in Yale und ist Experte für den Kalten Krieg. Jetzt sagt er einen heißen voraus. Alamy Stock Photos / Nick Moore/mauritius images / Alamy Stock P

Man ahnt das Pedanterie-Problem, das sich aus solchen Analogien ergibt. Die Analogie – der mehrgliedrige Vergleich – prämiert die Ähnlichkeit und führt dazu, Unterschiede kleinzuhalten. Punktuelle, präzise abgegrenzte Vergleiche sind dagegen offen für Ähnlichkeiten und Unterschiede, sie erlauben so die Identifizierung aktueller Besonderheiten – und auf die kommt es ja an, wenn man die Gegenwart begreifen will. Da nun Westad durchaus detailliert vorgeht, fallen bei aller Gezwungenheit des Gesamtmodells immer noch zahlreiche solcher punktuellen Einsichten ab, die sein Buch doch lesenswert machen.

So weiß er viel zu sagen über die fatale Rolle gegenseitiger Fehlwahrnehmungen zwischen den Mächten, über strategische Panik (Rüstungswettläufe, Demografie), über Zeitdruck, den moderne Technik erzeugt (damals Eisenbahnen, heute künstliche Intelligenz), über innere Spannungen, die Kriege befördern. Valide bleibt die nicht neue Grundeinsicht, dass eine alte Weltmacht – damals England, heute USA –, sich durch einen Aufsteiger nicht nur herausgefordert sieht, sondern sich in einem relativen Abstieg befindet.

Odd Arne Westad: Der kommende Sturm – Der nächste große Krieg und wovor die Geschichte uns warnt. Aus dem Englischen übersetzt von Helmut Dierlamm. Klett-Cotta-Verlag, Stuttgart 2026. 266 Seiten, 26 Euro.
Odd Arne Westad: Der kommende Sturm – Der nächste große Krieg und wovor die Geschichte uns warnt. Aus dem Englischen übersetzt von Helmut Dierlamm. Klett-Cotta-Verlag, Stuttgart 2026. 266 Seiten, 26 Euro. Klett-Cotta Verlag

Da Westad die Juli-Krise von 1914 luzide analysiert – dabei sehr klug das Nacheinander von wochenlangem Zaudern und finaler Hektik herausarbeitend –, kommt aber doch unvermeidlich ans Licht: Es waren nicht Spannungen zwischen dem Britischen Empire und dem Deutschen Reich, die den Weltkrieg auslösten. In der Kettenreaktion, die mit dem Angriff Österreich-Ungarns auf Serbien in Gang kam – Russland trat an die Seite Serbiens, Deutschland unterstützte Österreich gegen Russland, Frankreich und Russland aktivierten ihr Bündnis, woraufhin Deutschland seinen Schlieffenplan in Gang setzte und in Frankreich einfiel – in dieser Kettenreaktion stand England erst ganz am Ende.

Diese lange Undeutlichkeit hält Westad sogar für den wichtigsten Grund des Kriegsausbruchs: Hätten die Briten von vornherein kommuniziert, dass sie bei einem deutschen Angriff über Belgien auf Frankreich nicht neutral bleiben würden, dann hätten sie womöglich die Kettenreaktion stoppen können. Nun könnte man einwenden, dass die britische Entscheidung mit Blick auf die europäische Geschichte – die Kämpfe Englands gegen Ludwig XIV. und Napoleon – nicht überraschend kam. Deutschland spielte vabanque, getrieben von seinem Aufmarschplan, bei dem alles auf Schnelligkeit ankam.

Könnte die Kräfteverschwendung der USA im Persischen Golf China und Russland zur Eskalation verführen?

Doch was lehrt dieses immer wieder erschütternde Drama für die Gegenwart? Westad mustert eine Reihe von Konfliktherden durch, die zu einem Krieg zwischen den USA und China führen könnten, und landet wenig überraschend bei Taiwan, überhaupt im südostasiatischen Raum (für den Westad Spezialist ist). Das Arrangement über Taiwan, das auf Suspension von Grundsatzfragen bei Aufrechterhaltung des Status quo gebaut ist, wirkt prekär und instabil. Einen vergleichbar neuralgischen Streitpunkt gab es zwischen England und Deutschland 1914 nicht. Trotzdem kann man die Frage anschließen, ob sich auch heute Möglichkeiten für eine globale Kettenreaktion wie damals zeigen.

Wenn es dumm läuft, unbedingt. Unter anderem, weil in den USA ein Regent herrscht, der übrigens recht wilhelminisch-sprunghaft wirkt, also im System der Vergleiche geradezu deutsch. Und weil in Russland ein Autokrat regiert, dessen Überleben am Kriegsausgang in der Ukraine hängt. Könnte, um die jüngsten Ereignisse einzubeziehen, die Westad noch nicht berücksichtigen konnte, eine fatale Kräfteverschwendung der USA im Persischen Golf China und Russland zur Eskalation verführen? Welche Rolle spielt in Chinas Wahrnehmung seine eigene alternde Demografie im Kontrast zur Jugendlichkeit des indischen Subkontinents? Wie viel Zeitdruck herrscht, das ist eine Frage, die sich in Staatensystemen immer wieder stellt.

Wie meist bei solchen Vergleichen: Am Ende läuft es auf Klugheitsregeln hinaus, und Gott sei Dank nicht auf prognostische Gewissheiten. Die Geschichte wechselseitiger Fehlwahrnehmungen warnt, auch ein leichtfertiges diplomatisches Krisenmanagement, unklare Signale erhöhen Risiken, heute wie damals. Westad plädiert vor allem für Klarheit in den wechselseitigen Kommunikationen (ein großes Thema im Kalten Krieg), für starke defensive Bündnisse (Trumps Zerstörung der Nato ist ein globales Unglück), für Abschreckung, für präzise Kenntnisnahme der Wahrnehmungen der anderen Seite (die aktuelle Laiendiplomatie der USA ist hochriskant), kurze Drähte zwischen den Mächten. Und was man halt so hofft.

Kurzum, Westad hat ein problematisches, aber immer wieder anregendes Buch geschrieben, das seine Aufgabe zu warnen im Ganzen gut erfüllt. Denn es führt vor Augen, wie fragil die Lage ist, wie leicht alles schiefgehen kann. Aber eigentlich weiß das auch jeder aufmerksame Zeitgenosse.

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