Gentrifizierung Mr. President als Nachbar

Barack Obama stellte 2017 in Chicago selbst die Pläne für das Presidential Center im Jackson Park vor.

(Foto: AP)
  • Barack und Michelle Obama haben sich als Standort für den Bau der Obama Presidential Library für die South Side Chicagos entschieden.
  • Das "Obama Presidential Center" soll 800.000 Besucher jährlich anlocken und 2000 Arbeitsplätze schaffen.
  • Kritiker fürchten dagegen Mietsteigerungen und die Abwanderung der einkommensschwachen Familien im angrenzenden Wohngebiet.
Von Anna Lea Berg

Die South Side Chicagos ist berüchtigt für afroamerikanische Armut und Gangkriminalität. Arbeitslosigkeit und Schulabbrecherquoten sind hoch, der Zustand der Häuser oft desolat. Hinzu kommt die alltägliche Waffengewalt. Chicago steht, nicht zuletzt aufgrund der Stadtpolitik der vergangenen Jahrzehnte, wie keine andere Stadt in den USA für die Segregation zwischen Schwarz und Weiß.

Hier soll nun die Obama Presidential Library gebaut werden. Der ehemalige US-Präsident Barack Obama hatte seine politische Karriere als Community Organizer in der South Side begonnen, bevor er später für Illinois in den Senat gewählt wurde. Hatte Obama es anfangs noch schwer, das Vertrauen der South Siders zu gewinnen, weil er nicht in dem Viertel aufgewachsen war und an elitären Universitäten studiert hatte, wurde er dort nach seiner Wahl zum ersten schwarzen Präsidenten trotzdem verehrt und gefeiert. Es schien deshalb völlig einleuchtend, dass Michelle und Barack Obama sich 2015 für die South Side als Standort für die Obama Presidential Library entschieden und damit Chicago den Vorzug vor anderen Bewerbern wie Hawaii oder New York gaben. In der South Side soll sie ein Monument des Aufbruchs sein.

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Als Bauplatz wurde ein Teil des Jackson Parks auserkoren, direkt am Ufer des Lake Michigan. Der vom amerikanischen Landschaftsarchitekten Frederick Law Olmsted entworfene Park gilt als ein historisches Wahrzeichen der Stadt, hier wurde 1893 die Weltausstellung World's Columbian Exposition abgehalten. Wie 2017 bekannt wurde, soll Obamas Bibliothek im Gegensatz zu den 13 bereits bestehenden Presidential Libraries, die vor allem Forschungszwecken dienen, nicht als Archiv für die Dokumente aus Obamas Präsidentschaften dienen - diese sollen online zugänglich gemacht werden. Sie wird auch nicht wie die anderen Libraries von Behörde der Nationalarchive (NARA) geführt werden. Die Leitung des Bauvorhabens und der laufenden Operationen wird die Obama Foundation selbst übernehmen, welche die auf 500 Millionen Dollar geschätzten Kosten für den Bau durch Spendengelder finanzieren wird. Um diesen Bruch zu markieren, verkündigte die Stiftung 2017, man baue keine Presidential Library, sondern das Obama Presidential Center (OPC).

Die Stadt plant außerdem einen von Tiger Woods designten Golfplatz in einem Naturschutzgebiet

Das erste Design des New Yorker Büros Tod Williams Billie Tsien Architects zeigt ein weißes, hochaufragendes Gebäude, in dem ein Museum über Obamas Präsidentschaftszeit eröffnen soll. Nebenan ein Flachbau mit Dachgarten für eine Filiale der Chicago Public Libraries. Ein drittes Gebäude, das Forum, bietet Platz für lokale Vereine und die Büros der Obama Foundation. Auch der Park wird neu gestaltet: Es soll ein Schlittenhügel aufgeschüttet und eine viel befahrene Straße durch den Park stillgelegt werden, sodass Besucher zu Fuß das Museum of Science and Industry - den anderen Besuchermagneten im Süden der Stadt - erreichen können. Die Obama Foundation hofft auf 800 000 Besucher jährlich; das Center soll 2000 Arbeitsplätze schaffen. Es wäre ein Rieseninvestment in die lokale Infrastruktur, auf das viele in der South Side seit Jahrzehnten warten.

Aber nicht alle teilen die Vorfreude über das OPC. Umweltgruppen kritisieren, dass die Stadt den öffentlichen Park für das Center zur Verfügung stellt und damit eine Ressource für die Bewohner gegen eine andere austauscht, anstatt eine der unzähligen Freiflächen in der South Side zu nutzen. Besonders skeptisch sind die Kritiker gegenüber den Plänen der Stadt, einen von Tiger Woods designten Golfplatz im Süden des Parks einzurichten, für den ein Naturschutzgebiet und ein kleiner öffentlicher Golfplatz weichen müssten. Außerdem ist man unzufrieden über die Art und Weise, wie Stadt und Foundation die Planungsschritte kommunizieren. "Es ist eine Schande", sagt Herbert Kaplan von der Organisation Friends of the Park. "Details werden nur ungenügend bekannt gemacht und Anwohner vor vollendete Tatsachen gestellt. Das sind die Hinterzimmer-Deals in guter alter Manier der Democratic Machine" - dem lange kultivierten Filz der Eliten der Stadt und der demokratischen Partei, für den die Stadtpolitik Chicagos so berüchtigt ist. Allein die Anpassungen in der Verkehrsinfrastruktur würden die Stadt 175 Millionen Dollar an Steuergeldern kosten. Friends of the Park hat gegen die Vergabe der öffentlichen Parkfläche eine Klage beim Federal Court of Illinois eingereicht, über die am 11. Juni entschieden werden soll. Sie könnte das Projekt OPC zu einem vorläufigen Halt bringen.

Die Angst davor, sich das Leben nicht mehr leisten zu können, ist groß

Und dann ist da noch die Angst vor Mietsteigerungen im angrenzenden Wohngebiet Woodlawn. Laut einer Studie stiegen seit Ankündigung des OPC die Mieten dort deutlich stärker als im Rest der Stadt, und das in einem Gebiet, in dem das Durchschnittseinkommen weniger als 60 Prozent des stadtweiten Einkommens beträgt. "Die größte Angst der Bewohner in Woodlawn ist, dass sie sich das Leben in der Stadt nicht mehr leisten können und wie so viele andere Familien wegziehen müssen", berichtet Maira Khwaja, Mitarbeiterin des Invisible Institute, einer NGO vor Ort. Wissenschaftler sprechen in Bezug auf dieses Phänomen in vielen amerikanischen Städten bereits von einem "Black Exodus", der Abwanderung der einkommensschwächsten afroamerikanischen Familien. "Die Gentrifizierung verschiebt die Armut einfach. Oft sind die Leute an ihren neuen Wohnorten noch isolierter von kommunalen Ressourcen", so Khwaja.