"Nymphomaniac" von Lars von Trier Immer tieferes Unglück

Was es also hier zu gucken gibt? Eine lange Abfolge höchst unterschiedlicher sexueller Konstellationen, durch "Joes" Erzählung in acht Kapitel oder Stationen gegliedert. Sie beginnen damit, dass die sehr junge Protagonistin (gespielt von Stacy Martin) mit einer Freundin durch einen Zug geht, weil die beiden gewettet haben, dass diejenige, die auf dieser Fahrt mit den meisten Männern schläft, eine große Tüte Schokodrops gewinnen soll. Dabei wirkt "Joe" nie, als tue sie gerne, was sie tut. Sie ist eine Straßenräuberin der Sexualität, eine radikale Egoistin, die ihre Sache nur auf sich gestellt hat, und immer wieder sagt sie ihrem Zuhörer, sie sei stets "einsam" gewesen.

Und wie sollte das auch anders sein? Sie gehorcht ja nur ihrem unermesslichen Begehren, die Lust ist ihre Natur, und wenn sie dabei Männer unglücklich macht, Ehen zerstört und das Leben des eigenen Kindes aufs Spiel setzt, bleibt sie dabei eben so unschuldig und allein, wie Frank Wedekinds "Lulu" es vor hundert Jahren war. Fünf Kapitel geht das so, auf manchmal bizarre, manchmal gewöhnliche und gelegentlich sogar komische Weise. Dann verliert sie das "Gefühl", versucht es über eine bewusste Verschärfung der Reize, über den Masochismus etwa, wiederzuerlangen, hört also auf, ein nur gieriges Naturwesen zu sein, und gerät darüber in immer tieferes Unglück.

Während "Joe" nun in einer gestreiften Pyjamajacke im Bett liegt, sitzt "Seligman", ihr Retter, daneben und hört zu. Sie ist Scheherazade, sie erzählt um ihr Leben, und einmal gar spricht "Seligman" von einem Gericht, das über Schuld und Unschuld zu richten habe. Dabei ist das Verhältnis eigentlich umgekehrt: Denn nicht er verlangt jede Nacht nach einer Jungfrau, wie das in "Tausendundeiner Nacht" der Fall ist, sondern sie verlangt es jeden Tag nach zehn Männern.

Er hingegen soll der Gelehrte sein, eine alte Jungfer, ein Mann der Bücher und der abstrakten Interessen. Zusammen bilden sie zwei allegorische Figuren in einer Versuchsanordnung, die Lars von Trier (ähnlich wie in "Dogville" aus dem Jahr 2003) schuf, um das größte landläufige Glücksversprechen, nämlich die Liebe - in ihrer sinnlichen wie in ihrer platonischen Bedeutung -, nicht nur auf die Probe zu stellen, sondern von Grund auf zu zerstören. Was dabei herauskommt, steht allerdings schon auf dem Plakat über dem Eingang des Kinos: "Forget about love".

Ganz und gar ungewiss

Genauso gut könnte die Botschaft des Films indessen lauten: "Forget about sex". Denn an keiner Stelle zeigt der Film die Sexualität auf verführerische Weise. Er ist zwar pornografisch, denn er zwingt den Zuschauer, genau und lange auf das unvermittelt Dargebotene zu schauen. Aber was es da zu betrachten gibt, ist faltig, krumm, behaart und von graugelber Farbe, also ungefähr so reizvoll wie das Geschlechtsorgan irgendeines anderen Säugetiers.

Lars von Trier gibt sich Mühe mit solchem Naturalismus, denn zweifellos: Er will provozieren, ihn treibt die Hoffnung auf einen Schock, der wie eine Injektion klarsten Verstandes wirkt und von allem, was Illusion und Sentimentalität ist, nur das Konkrete übrig lässt. Und er provoziert mit einer Gründlichkeit, dass das Begehren und der Gegenstand des Begehrens umso weiter auseinandertreten, je weiter es auf das Ende des Films zugeht. Zum Schluss muss es als ganz und gar ungewiss erscheinen, ob die beiden Seiten eines Gefühls, das viele Menschen für das Innigste und Beste halten, dessen sie überhaupt gewahr werden können, je etwas miteinander zu tun hatten. Lars von Trier aber ist ein Regisseur, der den Satz "Ich bin ein böser Mensch" auch selber hätte sagen können: Denn er bedient zuerst die sexuelle Schaulust des Publikums, um es dann mit einer schwarzkalten Parabel zu belehren.

Wenn am Ende des Films die Leinwand wieder dunkel wird, beginnt eine Musik. Es dauert einen Augenblick, bis man die Akkordfolge erkennt: Es ist "Hey Joe", berühmt geworden durch Jimi Hendrix, jetzt arrangiert von Beck, die Verse von Charlotte Gainsbourg im Flüstergesang vorgetragen. "Where you goin' with that gun in your hand", singt sie. Der Schuss ist aber schon gefallen. Im Ausgang des Kinos hängt dann noch ein Plakat: Es zeigt Lars von Trier, den Mund mit Isolierband zugeklebt.