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Nürnberger Staatsballett:Zauberhafte Machtspiele

Energetisches Kraftzentrum inmitten der 20-köpfigen Compagnie: Sofie Vervaecke in der "Sacre"-Choreografie von Goyo Montero am Nürnberger Staatstheater.

(Foto: Jesus Vallinas)

Strawinsky-Choreografien "Petruschka" und "Le Sacre du printemps" von Douglas Lee und Goyo Montero

Petruschka" und "Le Sacre du printemps" sind über ihre Entstehungsgeschichte miteinander verbunden. Die Idee zu einer Jahrmarktstragödie um einen traurigen Hampelmann kam Strawinsky, als er bereits an der Partitur jenes Stückes schrieb, mit dem er in die Musik- und Ballettgeschichte eingehen sollte: der Erzählung eines Frauenopfers von archaischer Wucht. Doch beanspruchen beide Stücke ihre Eigenständigkeit, weshalb Douglas Lee und Goyo Montero bei ihren "Strawinsky"-Choreografien, die am Staatstheater unter dem funkelnden Dirigat von Joana Mallwitz zur Uraufführung kamen, gar nicht erst versuchten, ein gemeinsames Thema zu behaupten.

Jeder fand seinen Zugriff. Lee betont in "Petruschka" das Märchenhafte der Vorlage. Nicht auf eine verkitschte Art, sondern indem er das Unheimliche, auch das unheimlich Traurige der Geschichte in einer Mischung aus Schauermärchen und Jahrmarktsmoritat in Szene setzt und ein weiteres Mal nach "Doll Songs", seinem ersten Nürnberger Gastauftritt 2014, die Grenze zwischen Mensch und Marionette auslotet. Strippenzieher ist ein Magier, der seine Puppen, den armen Petruschka, eine Ballerina und einen Mohren, scheinbar zum Leben erweckt. Nur damit diese sich dann in eine Liebestragödie verheddern, bei der die eitle Ballerina Petruschka abblitzen lässt und sich dem Mohren in die Arme wirft. Auf dem Höhepunkt der Handlung, die von den Tänzern puppenhaft zergliederte Bewegungen verlangt, bringt dieser Petruschka um. Fortan erscheint der dem Zauberer, der sein Leid zu verantworten hat (was Alexsandro Akapohi bis in eine Trauermiene hinein darzustellen versteht) als Geist. Aber, so fragt Lee in Nachfolge der Romantik: Kann eine Puppe einen Geist besitzen?

Lee vertraut auf die Fantasie der Zuschauer. Angedeutet ist eine Bühne auf der Bühne. Diese ist nur von Glühbirnen beleuchtet, die symbolisch für das menschliche Bewusstsein stehen. Weil die lilafarben gekleidete Compagnie immer wieder welche mit sich trägt, entstehen zauberhafte Effekte, die ein wenig Licht in das auch musikalisch dunkelverhangene Stück bringen. Joana Mallwitz dirigiert die Philharmoniker mit einer bestechenden Klarheit, lässt das volksliedhaft Singende ebenso zu seinem Recht kommen wie das Eruptive und Aggressive.

In "Sacre" erreicht ihre Herangehensweise einen weiteren Höhepunkt. Sie stiehlt dem Ballettdirektor Goyo Montero ein wenig die Show, dessen futuristisch-spirituelle "Sacre"-Bearbeitung durch Freiheit besticht, aber doch Fragen aufwirft. Montero ist Geschichtenerzähler. Das "Frühlingsopfer" siedelt er in einer Zeit nach der Apokalypse an. Ein Häuflein Menschen opfert hier einer höheren Macht, um zu überleben. Doch anders als in der Vorlage kommen für die Opferrolle zwei Auserwählte ins Spiel. Zunächst soll der Stärkste geopfert werden. Doch die Macht, die Montero, ungeheuer mutig, bildlich darzustellen versucht, indem er einen gewaltigen Lichterring raumschiffgleich von der Decke schweben lässt, verschmäht ihn. Worauf der Mann verstoßen wird. Diejenige, die sich trotzdem um ihn kümmert, also Mitgefühl zeigt, wird nun genau deshalb von der Macht als Opfer erkoren. Sofie Vervaecke tanzt und wirbelt bis zur realen Erschöpfung, ist energetisches Kraftzentrum inmitten der 20-köpfigen Compagnie. Beeindruckend, doch stellt sich die Frage: Wird hier, noch mehr als in der sowieso zwiespältigen Vorlage, die Frau auf ihre Rolle als sich selbst aufopferndes Wesen festgeschrieben?

© SZ vom 23.12.2019
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