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Nürnberg:Geschichte eines Verlusts

Eine bildgewaltige Inszenierung: "A Midsummernight's Dream" am Nürnberger Staatstheater.

(Foto: Jesus Vallinas)

"A Midsummernight's Dream" von Goyo Montero

Es ist Nacht. Ein Mann hält seinen Sohn im Arm und rennt. Dunkle Schatten greifen immer wieder nach dem Kind. Am Ende haben sie den Kampf für sich entschieden, und der Vater steht mit leeren Händen da, der Blick schreckgeweitet. Fortan wird er auf der Suche nach seinem verlorenen Sohn durch die verschattete Welt irren und dabei zusehends verlottern.

Am Anfang des Balletts von "A Midsummernight's Dream" am Staatstheater Nürnberg steht eine Idee, die es zu akzeptieren gilt und die mit Shakespeares Vorlage nicht das Geringste zu tun hat, aber nach eineinhalb fulminant-schauerlichen Stunden erstaunlich gut funktioniert: Goethes "Erlkönig". Die Ballade war für Goyo Montero der entscheidende Türöffner in seiner Auseinandersetzung mit dem Klassiker.

Jahrelang ging der Ballettdirektor mit dem "Sommernachtstraum" schwanger, ohne dass seine Version Gestalt annahm. Auch deshalb, weil er einst unter Heinz Spoerli selbst den Puck erfolgreich verkörpert hatte und ihm daher die Distanz zum Stoff fehlte. Bis vor einigen Jahren sein Sohn zur Welt kam, etwas später dann der eigene Vater starb, und mit Geburt und Tod die Frage für Montero immer dringlicher wurde, was passieren würde, wenn er das Wichtigste in seinem Leben verlöre?

Monteros Choreografien besitzen alle einen sehr persönlichen Kern, der auch für ihre Intensität verantwortlich ist. Man nimmt ihm die Geschichten ab, die er mit seiner eingeschworenen Compagnie erzählt und die in einer Zusammenschau eine einzige große Erzählung von Leben und Lieben, Tod und Verlust ergeben würden. So hat man diesen "Sommernachtstraum" auch als Fortsetzung seines dem eigenen Vater gewidmeten Stücks "Monade" von 2016 zu begreifen, das die Musik von Bach zur Grundlage hat, und in dem es heißt "Dein Kind wirst du verlassen nicht, du väterliches Herz". Oscar Alonso tanzt den Vater, wildes Haar, wilder Bart, wilde Kleidung. Welche der Figuren hier soll dieser wahnsinnig traurige Vater sein? Es ist der Handwerker Bottom, der auch "Pyramus und Thisbe" aufführen wird. Allerdings in einer One-Man-Show - Montero hat das Figurenarsenal radikal gekürzt -, und bei der Konstellation Vater/Bottom ist auch klar, dass selbst dieses berühmte Stück im Stück zur bitteren Tragikomödie wird.

Bis es aber dazu kommt, läuft Alonso mit ausgestreckten Armen durch den Wald, in dem das königliche Elfenpaar Oberon und Titania sowie der Gnom Puck hausen und sich die Liebespaare Hermia/Lysander und Helena/Demetrius ver(w)irrt haben. Von der Decke hängt ein Gewirr Seile herab, das die Tänzer vor allem bei den zahlreichen Pas de deux zu schnellen, runden Bewegungen zwingt. Illuminiert ist die schwarz-graue Bühne von Eva Adler nur durch Lampen, die an den Seilen befestigt sind: ein düsterer Zauberwald voller Glühwürmchen.

Puck ist für Montero niemand anderes als der einst dem Vater entrissene Sohn, bei dem man sich aber nicht mehr sicher sein kann, ob er überhaupt je Menschenkind war. Er ist ein Mischwesen, besitzt menschliche wie fantastische Züge. Montero hat dabei an Peter Pan gedacht, verfolgt man indes Alexsandro Akapohi, wie er sich in seinem tarnfarbenen Trikot unentwegt über die Bühne schlängelt und windet, fühlt man sich eher an Gollum aus den "Herr der Ringe"-Filmen erinnert. Er ist ein Liebestrank träufelnder Unruhestifter vor dem Herrn, der nur dann kurz innehält, wenn er Bottom begegnet und sich beide verständnislos anschauen, ehe jeder weiterzieht. Bottom ist ja ebenfalls ein Träumer, und die Inszenierung deutet auch diese Möglichkeit an: dass die ganze Geschichte nur ein Albtraum ist.

Albtraumhaft ist auch die wieder von Owen Belton eigens komponierte Musik mit ihren dunklen Klangfarben, die das Orchester unter Leitung von Lutz de Veer mit der nötigen Härte erklingen lässt. Ganz im Gegensatz zu den romantischen Stücken, allen voran Ausschnitte aus Mendelssohn Bartholdys Sinfonien Nr. 4 und 5, die als Counterpart eingeflochten sind.

Zentral ist die Geschichte eines Verlusts. Doch Goyo Montero vergisst darüber nicht, auch die des Begehrens zu erzählen, mitunter choreografiert als Martial-Arts-Kämpfe im Stile von "Tiger & Dragon". Ergebnis ist eine beeindruckend stimmige, bildgewaltige Inszenierung, die Shakespeares scheinbar auserzähltem Stück neue Seiten abgewinnt.