NS-Rüstungsbunker Mühldorf:Die Natur wuchert weiter

Im Januar 2000 meldete der Mühldorfer Anzeiger, demnächst werde das Staatliche Hochbauamt das Gelände einzäunen. Im Juli 2000 stand in der Zeitung, die "Gedenkstätte im Bunkergelände im Mühldorfer Hart nimmt weiter Gestalt an". Im Dezember 2007 teilte das bayerische Kultusministerium mit, der "Gedenkort für das ehemalige KZ-Außenlager bei Mühldorf nimmt konkrete Formen an". Der Staatssekretär Marcel Huber sagte damals, er könne sich "Lösungen mit Sichtachsen vorstellen. Dazu brauchen wir zeitnah eine präzise Planung der Zugänglichkeiten auf dem weitläufigen Gelände."

Zeitnah? Im März 2011 steht kein Zaun. Es gibt keine Gedenkstätte, und es fehlt eine präzise Planung. Allein ein paar Schilder warnen diejenigen, die durch das Gestrüpp zum Bunker finden, vor den Gefahren. Der Wald erobert sich das Gelände zurück. Es wächst zu. Sichtachsen? Wer heute auf dem Gelände steht, braucht Phantasie, um die Ausmaße dieses wahnsinnigen Projektes noch zu erfassen. Der Bunker wird zum Bodendenkmal. Aber Bodendenkmal? Der Begriff klingt eher nach einer Keltensiedlung als nach einer Gedenkstätte des Nazi-Terrors.

Der CSU-Politiker Marcel Huber spricht von einer Arbeitsgruppe aus mehreren Behörden, die sich der Sache angenommen habe. Derzeit werde mit vier Grundstücksbesitzern über eine Nutzung des Geländes als Gedenkort verhandelt. "Wir sind so nah dran, wie wir noch nie waren." Sichtbar ist das noch nicht. Seit Marcel Huber der bayerischen Staatsregierung angehört, sind Fortschritte jedoch spürbar. Das dürfte mit seinem gewachsenen Einfluss als Staatssekretär zusammenhängen.

Die Stiftung Bayerische Gedenkstätten, die an den ehemaligen Konzentrationslagern Dachau und Flossenbürg würdige Orte des Erinnerns eingerichtet hat, ist inzwischen federführend. Ihrem wissenschaftlichen Beirat sitzt der Berliner Historiker Wolfgang Benz vor. Er fordert eine ausreichende Beschilderung der Rüstungsfabrik im Mühldorfer Hart und einen Parkplatz für Besucher. Auf dem Bunkergelände selbst schwebt ihm eine Aussichtsplattform vor. Genau das wünscht sich auch der "Verein für das Erinnern".

Aber warum ist in den zurückliegenden zwanzig Jahren trotz all der Zusagen und Beteuerungen nichts geschehen? Warum wuchert die Natur ohne Unterlass weiter? Die Politiker und die Verantwortlichen in den Behörden schieben es auf die verworrenen Eigentumsverhältnisse. Die von den Nazis enteigneten Forstbesitzer bekamen ihre Grundstücksparzellen nach dem Krieg zurück und einige von ihnen haben Preisvorstellungen, denen weder Bundes- noch Landesbehörden entgegenkommen wollen.

Zumal das Bunker-Trümmerfeld kontaminiert sein soll. Als die Amerikaner den Bunker sprengten, explodierte angeblich bei weitem nicht die gesamte TNT-Ladung. Und das übrige TNT könnte nun das Trinkwasser gefährden, das die umliegenden Kommunen aus dem Mühldorfer Hart beziehen. Das Wasserwirtschaftsamt soll es nun außerplanmäßig prüfen. Im schlimmsten Fall ist schon TNT ins Grundwasser gesickert.

Max Mannheimer wurde von den Nazis am 20. Februar 1945 in den Mühldorfer Hart verlegt. Er arbeitete dort als Sklave bis zum 26. April 1945. Als er zum Abtransport in einen Zug gehievt wurde, litt er an Fleckfieber. "Das Mühldorfer Hart war ein ganz, ganz schlimmes Lager", sagt er. Im Februar ist Mannheimer 91 Jahre alt geworden. "Ich würde es gerne noch erleben, dass es zu einem sichtbaren Erfolg kommt." Er meint damit, dass der Bunker nicht weiterhin im Wald versteckt bleibt. Dass Schulklassen hingeführt werden und Informationstafeln ihnen vermitteln, was sich hier ereignete. Dann sagt Mannheimer, er rechne nicht mehr damit, das noch zu erleben.

© SZ vom 23.03.2011
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