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NS-Raubkunst:Viel zu viele Fragen

Carl Spitzwegs "Justitia" wird jetzt in München versteigert.

Interview von Susanne Hermanski

Am 25. März kommt im Münchner Auktionshaus Neumeister Carl Spitzwegs "Justitia" unter den Hammer. Das Bild hing von 1961 bis 2006 in den Amtsräumen acht deutscher Bundespräsidenten, zuerst in der Villa Hammerschmidt, dann im Bundespräsidialamt in Berlin. Erst vor wenigen Monaten wurde es als NS-verfolgungsbedingt entzogenes Kunstwerk an die Erben von Leo Bendel zurückgegeben. Bendel starb 1940 im KZ Buchenwald. Katrin Stoll, die Besitzerin des Auktionshauses ließ, wie dem Kunsthandel vorgeschrieben, die Provenienz des ikonischen Gemäldes erforschen und hat nun eine eigene Publikation dazu veröffentlicht.

Die Rückgabe der Justitia ist bereits 2007 vom Bundesfinanzministerium angekündet worden, vollzogen wurde sie zwölf Jahre lang trotzdem nicht. Warum?

Katrin Stoll: Weil es für die Erben offenbar ungeheuer schwer war, die geforderten Erbnachweise beizubringen. Da half es auch nichts, dass die Provenienzforscherin Monika Tatzkow 2007 belegt hatte, es handele sich bei diesem Gemälde um NS-Raubkunst. Sie hatte recherchiert, dass die Bendels die "Justitia" und ein weiteres Spitzweg-Gemälde, den "Hexenmeister", 1937 unter existenzieller Bedrohung durch die Nazis und unter Wert verkauft haben. Weil die Bendels keine Kinder hatten und zwischenzeitlich ein weiterer Erbe verstorben war, war die Erbfolge wohl kompliziert.

Wo befand sich das Gemälde, nachdem es 2006 aus dem Bundespräsidialamt entfernt worden ist?

Das wissen wir nicht. Wir wissen nur, dass die "Justitia" 2017 noch einmal im Leopold Museum in Wien ausgestellt war - immer noch als offizielle Leihgabe der Bundesrepublik und mit dem Vermerk, es sei möglich, dass das Bild den rechtmäßigen Eigentümern NS-verfolgungsbedingt entzogen wurde, und wenn es Erben gäbe, mögen sie sich melden. Als hätten daran zu diesem Zeitpunkt immer noch Zweifel bestanden! Dabei hatte Horst Köhler, der damals Bundespräsident war, schon 2007, also zehn Jahre vorher, die Restitutionsurkunde unterschrieben.

Carl Spitzwegs sarkastisch sytemkritische „Justitia“ entstand im Jahr 1857.

(Foto: Christian Mitko/Neumeister)

Sie meinen, den Behörden war die Augenbinde da ein bisschen verrutscht, so wie Spitzwegs provokativ linsender "Justitia"?

Das sind Ihre Worte. Spitzweg übte mit seiner überaus unseriös wirkenden Justitia, die nur noch eine Waagschale, einen brüchigen Sockel und betont üppige Brüste besitzt, maximale Systemkritik.

Warum verkaufen die Erben das Gemälde nun?

Das kann ich nicht beurteilen. Aber es ist häufig so, dass bei Erbengemeinschaften einer die anderen nicht ausbezahlen möchte oder kann. Zudem haben die Erben oft Jahre der Recherche durch Forscher finanziert und erhebliche Anwaltskosten gehabt.

Warum sind die Erben der "Justitia" gerade zu Ihnen gekommen, um sie versteigern zu lassen?

Die Frage würde ich allenfalls nach einer erfolgreichen Zusammenarbeit stellen. Aber unser Auktionshaus hat ein Renommee im Umgang mit NS-verfolgungsbedingt entzogener Kunst, und außerdem hält Neumeister den Auktionsrekord für ein Werk von Carl Spitzweg.

Hat es damit zu tun, dass Sie persönlich ungewöhnlich offen die eigene Geschichte ihres Auktionshauses aufgearbeitet haben? Ihr Vater hat es 1958 von Adolf Weinmüller übernommen. Weinmüller war im Dritten Reich tief in das Kunstgeschäft der Nazis verstrickt.

Es ehrt mich einerseits, dass Sie diesen Zusammenhang herstellen. Anderseits gefällt mir der Gedanke nicht: Ich habe diese Recherchen über Weinmüller nicht anstellen lassen, weil ich mir davon am Ende irgendeinen wirtschaftlichen Vorteil versprochen habe. Ich konnte auch nicht ahnen, dass wir einen unbekannten Quellenfund machen würden. Mir war wichtig, die Wahrheit offenzulegen. Und es freut mich, wenn die Provenienzforscher durch den Zugang zu Weinmüllers Einlieferungsbüchern in ihrer Arbeit besser vorankommen.

Katrin Stoll

Katrin Stoll leitet das Auktionshaus Neumeister seit 2008. 2009 beauftragte sie die Aufarbeitung von dessen Vorgeschichte in Kooperation mit dem Zentralinstitut für Kunstgeschichte und der Arbeitsstelle für Provenienzforschung.

(Foto: Michael Leis)

Warum folgen nicht mehr Auktionshäuser, die in der NS-Zeit bereits aktiv waren, Ihrem Beispiel?

Das müssen Sie schon die Kollegen fragen. Ich habe selbst einen beträchtlichen Betrag in die Aufarbeitung meiner Firmengeschichte investiert. Aber klar ist auch, es hat keinen Sinn, immer nur mit dem Finger auf den Kunsthandel zu zeigen. 22 Jahre nach dem Washingtoner Abkommen sind immer noch viel zu viele Fragen von staatlicher Seite ungeklärt. Nur mit moraltriefenden Unverbindlichkeitserklärungen macht sich Deutschland aber lächerlich - auch international.

Was schlagen Sie zur Lösung vor?

Einen runden Tisch, an dem sich die wichtigsten Protagonisten der Museen, der Politik, der Opfervertreter und diesmal auch des Kunsthandels zusammensetzen, um gemeinsam einen Masterplan zu entwickeln und endlich die Zuständigkeiten zu klären. Dabei tut auch Not, im Auge zu haben, was sich in anderen europäischen Staaten wie Frankreich, Österreich oder Italien bewährt hat und was nicht.

© SZ vom 07.03.2020
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