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NS-Raubkunst: Spezifisch deutsche Ignoranz

Schwingende Konturen, Kupferstiche unter dickem Lack: Der Sekretär der Familie Bernheimer steht heute im Bayerischen Nationalmuseum.

(Foto: privat)
  • Ein Enkel von Otto Bernheimer muss sich seit Monaten mit bayerischen Behörden und Museen um die Rückgabe von Raubkunst streiten.
  • Erben von NS-Opfern oder internationale Wissenschaftler kritisieren immer wieder bayerische Museen wie die Staatsgemäldesammlungen wegen mangelnder Aufarbeitung oder ausstehender Restitutionen.
  • Im konkreten Fall geht es um einen Sekretär, dessen immer noch ausstehende Rückgabe sich für München zu einem der peinlichsten Fälle der vergangenen Jahre entwickeln könnte.

Deutsche Museen und Kulturpolitiker betonen häufig, welchen hohen Stellenwert die Provenienzforschung und die Rückgabe von Raubkunst haben, und doch gibt es immer wieder Fälle, die ein völlig anderes Bild zeichnen. In Bayern steht jetzt eine der prominentesten Familien des deutschen Kunsthandels im Mittelpunkt eines heraufziehenden Skandals: die Nachfahren von Otto Bernheimer.

Der Name hat vor allem in München einen besonderen Klang. Denn die Bernheimers handelten dort seit mehr als 150 Jahre mit Antiquitäten, Möbeln, Tapisserien, Skulpturen und Gemälden. Sie sind seit Generationen den Museen und Sammlungen der Stadt verbunden. Und vor allem in der Nachkriegszeit schmückte sich die Münchner Kulturszene mit Otto Bernheimer, der als Jude während der NS-Zeit mit seiner Familie nach Venezuela emigriert war und schon in den Vierzigerjahren in der Bundesrepublik seinen Kunsthandel wieder aufbaute. Ein Spiegel-Titelbild zeigte sein Porträt mit der Zeile "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit".

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Ausgerechnet sein Enkel muss nun mit bayerischen Behörden und Museen um die Rückgabe von Raubkunst streiten.

Mehr als siebzig Jahre nach dem Ende des nationalsozialistischen Regimes kritisieren Erben der Opfer oder internationale Wissenschaftler immer wieder vor allem bayerische Museen wie die Staatsgemäldesammlungen wegen mangelnder Aufarbeitung oder ausstehender Restitutionen. Ausgerechnet in Bayern, wo besonders viel Raubkunst nach dem Krieg von den "Monuments Men" der Alliierten aufgefunden und gelagert wurde, verzögern sich selbst offensichtliche Restitutionsfälle, weil die Provenienzforscher langsam arbeiten. Von den mehr als 1000 verdächtigen Werken in den Staatsgemäldesammlungen wurden in der Nachkriegszeit gerade mal ein Dutzend restituiert. Internationale Provenienzforscher sprechen von einer spezifisch deutschen Ignoranz, weil Behörden zu selten die Opfer in den Mittelpunkt der Bemühungen stellen.

Konrad Bernheimer sah den Sekretär erstmals, als dieser zerlegt in der Restauratoren-Werkstatt stand

Umso bedenklicher, dass ausgerechnet das Bayerische Nationalmuseum vor wenigen Monaten Raubkunst für die Sammlung angekauft hat, ohne die Herkunft einer Antiquität angemessen zu prüfen. Zudem sind die mit der Klärung des Falls beauftragten Provenienzforscher im Museum nicht eben schnell in der Aufarbeitung - obwohl die Erben die Nachfahren des berühmten Otto Bernheimer sind.

Der Streit ist um ein Möbelstück entbrannt, einen Sekretär. Es ist ein schönes Objekt mit geschwungenen Konturen, das Holz beklebt mit Kupferstichen, die unter einer dicken Lackierung leuchten. Als Bernheimers Enkel Konrad ihn im vergangenen Jahr das erste Mal sehen konnte, stand der Sekretär zerlegt in der Werkstatt der Restauratoren im Bayerischen Nationalmuseum. Konrad Bernheimer hat Erfahrung mit solchen Stücken. Obwohl der Münchner Händler für Altmeister seit einigen Jahren im Ruhestand ist, gehört er immer noch zum Freundeskreis und Kuratorium des Museums.

Doch an diesem Tag ging es nicht darum, Expertise einzuholen. Alfred Grimm, der Beauftragte für Provenienzforschung, konfrontierte Bernheimer mit einer unangenehmen Eröffnung. Möglicherweise stamme die Antiquität aus der Sammlung seines Großvaters. Als Konrad Bernheimer nachfragte - "Und, wie ist das jetzt mit der Beweislage?" - endete die kollegiale Stimmung, erinnert sich Bernheimer: "Alfred Grimm sagte, während er mit dem ausgestreckten Finger auf mich deutete: 'Die Beweislast liegt bei Ihnen.'"

An diesem Tag im Herbst des vergangenen Jahres beginnt, was sich für München zu einem der peinlichsten Fälle der vergangenen Jahre entwickeln könnte: Die zähe Auseinandersetzung zwischen Konrad Bernheimer und - ausgerechnet - dem Museum, dem sich die Kunsthändler-Familie seit Generationen zutiefst verbunden fühlt. Bis heute hat sie den Schrank nicht zurückerhalten.

Die Bernheimers flohen vor den Nazis im April 1939 - erst nach London, dann nach Venezuela

Und nicht nur das aus der Sicht von Konrad Bernheimer und seinem Anwalt Louis-Gabriel Rönsberg zögerliche Verhalten des Museums ist fragwürdig. Es gibt bis heute keine Erklärung, wie es dazu kommen konnte, dass das Museum eine so teure Antiquität ankauft, ohne die Herkunft mit der angemessenen Sorgfalt zu prüfen. Immerhin zahlte man 100 000 Euro, die aus Drittmitteln von der damaligen Direktorin Renate Eickelmann für ihren letzten großen Ankauf eingeworben wurden. Der von Bernheimer nach der unrühmlichen Szene in Auftrag gegebene und von ihm bezahlte Forschungsbericht habe die Herkunft und den im Zuge der Arisierung und Enteignung des Kunsthändlers erfolgten Raub jedenfalls innerhalb von drei Tagen lückenlos darlegen können, sagt Konrad Bernheimer. Schließlich sei der Schrank im Standardwerk "Deutsche Möbel des Barock & Rokoko" ganzseitig abgebildet. Unter dem Schwarz-Weiß-Foto steht unübersehbar "Sammlung Otto Bernheimer, München".

Der Prüfungsbericht, datiert auf den 22. Januar 2019, kommt zu dem Ergebnis, dass der Schreibsekretär mit dem "Standort Bayerisches Nationalmuseum, Inventarnummer 2018/16" aus dem Privatbesitz von Otto Bernheimer stamme und diesem "noch vor der Emigration" der Familie "unrechtmäßig entzogen" wurde. Die Bernheimers wanderten im April 1939 von München über London nach Rubio in Venezuela aus.

Zusammen mit dem Geschäftsinventar sei das Möbelstück dann im November des gleichen Jahres vom Verein der "Kameradschaft der Künstler e. V." arisiert worden. Der Verein verkaufte ihn noch während des Krieges an den Chemiefabrikanten und Sammler von Lackkunst Kurt Herberts aus Wuppertal. Fazit: Zweifelsfrei ein Fall für die Restitution, der sich deutsche Museen mit dem Washingtoner Abkommen verpflichtet haben.