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NS-Raubkunst:"Scham und Wut"

zum 3-spaltigen Interview auf der Feu-2

Dieses eher unscheinbare „Holländische Platzbild“ aus der einstigen Sammlung der Wiener Juden Gottlieb und Mathilde Kraus, eine Kopie nach Jan van der Heyden, steht für einen Skandal im Umgang mit Nazi-Raubkunst, der immer noch nicht restlos aufgeklärt ist.

(Foto: lorc)

Eine Erben-Familie schenkt dem Jüdischen Museum Wien ein restituiertes Raubkunst-Bild - und will jetzt mit Ferdinand von Schirach sprechen.

Das unscheinbare Altmeister-Gemälde, das am heutigen Freitag in Wien dem Jüdischen Museum als Schenkung übergeben wird, stand im Mittelpunkt eines der größten Skandale zur Raubkunst in den vergangenen Jahren: Die Kopie nach Jan van der Heyden stammte aus der Sammlung von Gottlieb und Mathilde Kraus, Wiener Juden, die nach dem Einmarsch der Deutschen im Jahr 1938 aus ihrer Heimat fliehen mussten. "Das Gemälde jetzt dem Jüdischen Museum zu stiften, fühlt sich richtig an", sagt ihr Urenkel John Graykowski, der mehr als acht Jahre lang für die Familie um dieses Bild gekämpft hat. "Hier schließt sich der Kreis, und das Bild bezeugt, dass das Verbrechen des Holocaust nicht im Jahr 1945 endete, sondern so lange andauert, bis allen Überlebenden und ihren Erben Gerechtigkeit widerfahren ist."

Die Geschichte des "Holländischen Platzbilds" handelt dabei nicht nur vom Raub - sondern auch von der Ignoranz der bundesdeutschen Behörden in der Nachkriegszeit. Es war nämlich in die Sammlung von Heinrich Hoffmann, Hitlers "Leibfotografen", gelangt, dem Schwiegervater von Reichsstatthalter Baldur von Schirach in Wien. Nach Kriegsende war es von sogenannten "Monuments Men", amerikanischen Spezialeinheiten, sichergestellt worden. Aber die Bayerischen Staatsgemäldesammlungen, in deren Obhut es überstellt worden war, restituierten es nicht an die Familie Kraus, sondern an Henriette von Schirach, die es umstandslos an den Xantener Dombauverein verkaufte. Der Fall war exemplarisch: Viele NS-Größen und ihre Verwandten bedienten sich in den Depots.

Seit die Geschichte dieser Sammlung im Auftrag der Erben von Anne Webber aufgearbeitet wurde, der Gründerin und Co-Vorsitzenden der Londoner Commission for Looted Art in Europe, kam es zu zahlreichen Rückgaben - allein der Dombauverein sperrte sich. Mehr als sieben Jahre vergingen bis zur Rückgabe. Und schlimmer: Münchner Provenienzforscher in den Bayerischen Staatsgemäldesammlungen verweigerten den Erben die Recherchen (SZ vom 25./26. Juni 2016). Doch obwohl der Skandal damals viel Beachtung fand, habe sich bis heute niemand im Namen des Museums oder der bayerischen Behörden bei ihm entschuldigt, sagt Graykowski. "Und diese Vernachlässigung der Belange von Familien, die in der gleichen Situation sind, scheint bis heute anzudauern."

John Graykowski ist mit seiner Familie jetzt zur Übergabe des Bildes nach Österreich gereist, gut ein Dutzend der Nachfahren von Gottlieb und Mathilde Kraus möchten, dass ihre Geschichte zum Präzedenzfall wird. Denn in Deutschland, darauf weist Graykowski im Gespräch hin, sind Privatsammlungen und privat finanzierte Vereine bis heute juristisch nicht zur Rückgabe verpflichtet. Für die Familie ist der Fall noch lange nicht beendet: Man werde nicht aufgeben, "bevor nicht der Verbleib aller 161 Gemälde aus der Sammlung geklärt ist und wir sie zurückerhalten haben".

Der Schlüssel dazu könnte in den Händen einer anderen Familie liegen. Denn nach Bekanntwerden des Skandals um die Rückgaben an ehemalige NS-Funktionäre ließ Ferdinand von Schirach, der bekannte Anwalt und Autor, die Geschichte der Sammlung seiner Großeltern aufarbeiten. "Er hat aber im Verlauf der Forschungen nie Kontakt zu uns aufgenommen", sagt Graykowski. "Dabei vermuten wir, dass noch ein weiteres unserer Bilder in seiner Sammlung war, das immer noch verschwunden ist." Er würde Ferdinand von Schirach "wirklich gerne" treffen: "Öffentlich sagt er, dass er Scham und Wut verspürt. Ich teile seine Wut. Wir sind - über diese Kunstwerke - in einer besonderen Weise für immer verbunden." Graykowski, der Jurist, würde es vorziehen, gemeinsam mit Ferdinand von Schirach für "notwendige Veränderungen der Gesetze zu kämpfen und die Haltung der Behörden zu verändern". Der Festakt in Wien sei eine Möglichkeit, ein "gemeinsames Anliegen" voranzubringen. "Und ich hoffe sehr auf diese Begegnung."