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Großprojekt zu NS-Raubkunst:Raub nach Plan

Bruno Cassirer / Gem.v.Slevogt - Bruno Cassirer / Slevogt / 1911 -

Wie kommt ein so privates Werk in die Berliner Nationalgalerie? "Bildnis des Verlegers Bruno Cassirer" (1911) von Max Slevogt.

(Foto: akg-images/picture-alliance / akg-images)

Im Landeshauptarchiv Potsdam lagern Akten zum Holocaust, die jetzt erstmals digital erschlossen werden. Es handelt sich um eines der größten Projekte der Provenienzforschung überhaupt.

Von Catrin Lorch

Das Porträt wirkt hell und freundlich, auch weil lichtes Hellblau und etwas Rosa das Gesicht von Bruno Cassirer umspielen. Dem Maler Max Slevogt war dieses Gesicht vertraut: Mit dem Verleger von Tolstoi und Dostojewski, der sein Werk durch Kunstdrucke und Vorzugsausgaben bekannt gemacht hatte, verband ihn eine Freundschaft, er nahm teil am großbürgerlichen Leben Cassirers, der nebenbei auch die Monatsschrift Kunst und Künstler herausgab und als Pferdezüchter im Trabrennsport erfolgreich war. So ein Gemälde entstand nicht für die Eingangshalle der Firma, es war privat, ja familiär.

In der verzweigten, kunstsinnigen Verwandtschaft der Cassirers schätzte man solche Bilder als Geschenke. Aber weil die Berliner Nationalgalerie kunsthistorisch der richtige Platz für das Gemälde ist, fragte sich lange niemand, warum sich eine wohlhabende Familie je von einem solchen Schatz getrennt hat.

Die Antwort ist - wie so oft - der knappe Verweis auf "NS-Raubkunst". Denn Cassirer war Jude und verlor nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten seinen Verlag und sein Gestüt. Sein Vermögen wurde von den Behörden genauso geraubt wie sein privater Besitz. Und wie so viele Opfer des Regimes waren auch die Verwandten des im Jahr 1941 im Exil in Oxford gestorbenen Bruno Cassirer gezwungen, nach dem Krieg in aufwendigen Recherchen nach ihrem verlorenen Besitz zu forschen. Während es oft Jahrzehnte dauerte, bis die Provenienz von gut dokumentierten Meisterwerken juristisch geklärt war, gingen kleine Stücke wie dieses meist ganz verloren, weil sie beispielsweise zusammen mit dem Hausrat von den NS-Behörden verramscht wurden.

Ein Forschungsprojekt in Potsdam könnte in vieler Hinsicht wegweisend sein: Im dortigen Landeshauptarchiv lagern nämlich 42 000 Akten der "Vermögensverwertungsstelle", die jetzt nicht nur wissenschaftlich erschlossen, sondern auch digital zugänglich gemacht werden. Sie gelten unter Historikern als "einzigartiger Bestand zum Holocaust", sagt Julia Moldenhawer, Projektleiterin. Bis Ende 2022 sollen die mehr als 209 Regalmeter aufgearbeitet sein - die teils schon zerfallenden Blätter müssen restauriert, gescannt und elektronisch ausgewertet werden.

"Man hat sich immer an den Gesetzen abgearbeitet."

Die Kosten von 3,6 Millionen trägt zum Großteil der Bund. 3,3 Millionen Euro kommen aus dem Etat von Monika Grütters, der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur (BKM), den Rest teilen sich das Land Brandenburg und das Magdeburger Zentrum für Kulturgutverluste. Das Projekt soll beispielhaft sein: Es geht zunächst darum, für Opferfamilien Informationen zu erschließen. Aber Provenienzforscher wie Irena Strelow, die das Projekt konzipiert hat, versprechen sich auch grundlegende Erkenntnisse zum System des NS-Kunstraubs.

"Man hat sich immer an den Gesetzen abgearbeitet", sagt Strelow, "es handelte sich ja nicht um wahllose Plünderungen wie während der Pogrome, sondern um eine strukturierte, genau geregelte Vorgehensweise von Behörden, insbesondere den zuständigen Finanzbehörden." Ziel sei es jetzt, die Formulare und Listen entsprechend zu interpretieren, sagt Strelow. "Oberste Priorität hatte seit 1940 stets, durch Selektionen die besten Stücke für das sogenannte Führermuseum in Linz und für die staatlichen Museen zu erschließen." Andere wertvolle Kunstwerke kamen in das Berliner Kunstauktionshaus Hans W. Lange, weniger wertvolle Antiquitäten, Teppiche, Porzellan oder Zinn wurden von lokalen Versteigerern verkauft. Was übrig blieb, konnten Berliner beispielsweise bei Auktionen am Kottbusser Ufer günstig erwerben.

Das Projekt ist der erste Versuch, eine "Massenquelle" digital aufzuarbeiten und elektronisch auszuwerten. Denn bislang wurden Provenienzforscher vor allem in Einzelfällen mit ihrer Expertise gerufen - von Museen oder den Nachfahren ehemaliger jüdischer Besitzer, die sich Aufklärung zu bestimmten Werken erhofften. Die besondere Qualität dieses Aktenbestands ist seine Vollständigkeit und die Ausrichtung auf die Namen der Opfer.

Die Akten entstanden meist kurz vor der Deportation

"Es handelt sich um Dokumente, welche in der Behörde entstanden, die für die systematische Verwertung jüdischen Eigentums entsprechend der nationalsozialistischen Gesetze zuständig war", heißt es im Antrag des Projekts, sie "sind Zeugnisse der Zusammenarbeit von Angestellten der Finanzverwaltung und Profiteuren". Die meisten der Akten entstanden kurz vor der Deportation. Man möchte sich kaum ausrechnen, welche Schicksale sich hinter den 42 000 Familiennamen verbergen.

In der Akte zu Cassirer fand Irena Strelow einen Auszug aus einer bislang noch zu wenig beachteten Versteigerung: die öffentlich bestellte Auktionatorin Charlotte Oellerich, die keine Spezialistin für wertvolle Kunst war, hatte aus den Umzugskisten der Familie Cassirer Bilder, leinengebundene Kunstmappen, Zeichnungen und Skizzen aufgerufen. Für solche Routineaufgaben wurden keine Kataloge erstellt, sondern einfache Beschreibungen in Formulare eingetragen. Und auch auf der Käuferseite erscheinen - wenig offiziell - Nachnamen. Vergleichbare Listen hatten für die Erben, die nach Verlorenem suchten, bislang keinen Wert: Kunst aus Privatbesitz muss nach der Washingtoner Erklärung nicht restituiert werden.

Die Nationalgalerie restituierte - und kaufte als Ersatz sofort das nächste Raubkunst-Bild

Doch tatsächlich saßen keine Privatleute im Auktionssaal, sondern Kunsthistoriker bedeutender Museen: Ortwin Rave von der Nationalgalerie beispielsweise und Albert Boeckler von der Kunstbibliothek. Sie kauften günstig: Hunderte von Zeichnungen, Probedrucke und Gemälde, darunter auch Gemälde, die Cassirers Vater auf dem Totenbett zeigen oder seine kleine Tochter Sophie. Es spricht nicht für das Schuldbewusstsein der Institution nach dem Krieg, dass die Beute nur nach und nach restituiert wurde. Erst Anfang der Sechzigerjahre erhielt die Familie sie von der Nationalgalerie zurück - und schloss die Lücke in der Sammlung durch einen Ankauf, bei dem das schöne Slevogt-Porträt von Cassirer in die Sammlung kam.

Woher es stammte, scheint man sich nicht gefragt zu haben. Und die Pointe, die zu den ersten Erkenntnissen gehört, die Irena Strelow jetzt präsentieren kann, ist bitter: Es wurde ein paar Minuten nach den anderen Gemälden ebenfalls von Charlotte Oellerich zugeschlagen und ging an den Galeristen Wolfgang Gurlitt. Man hätte das alles wissen können: Die Akteure im Parkett dieser bislang unbeachteten Auktion kannten sich, man hätte so viel beitragen können zur Aufklärung des Verbleibs der so privaten Familienbildnisse. Doch bis heute steht zur Herkunft des Bildes die eigenartig verdrehte Information in der Datenbank der Nationalgalerie, nach der es womöglich ein Geschenk des Künstlers an Wolfgang Gurlitts Cousin, den Kunsthistoriker Hildebrand Gurlitt, gewesen sei. Und über dessen Sohn sei es dann angekauft worden. Dass der Kunsthändler Wolfgang nicht identisch sein kann mit dem Sohn von Hildebrand Gurlitt, weiß allerdings inzwischen jeder Zeitungsleser: seit dem Schwabinger Kunstfund ist der Name Cornelius Gurlitt in Deutschland auch jenseits der Provenienzforschung ein Begriff.

Es ist zu erwarten, dass in den nächsten zwei Jahren noch viele Merkwürdigkeiten öffentlich werden. Noch wertvoller sind aber womöglich die Erkenntnisse für die Grundlagenforschung. Zudem ist zu hoffen, dass auch andere Archive sich mit den Akten ihrer Finanzbehörden befassen werden. Zumindest das Werkzeug steht bald bereit - die Forscherinnen stellen Kollegen ihr digitales Erschließungssystem gerne bereit.

© SZ/jhl
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