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NS-Raubkunst:Hitlers Kuratoren

1938 halfen Museumschefs beim Kunstraub in 70 Münchner Sammlungen. Ein neues Buch arbeitet den Fall auf - es ist schon der zweite Versuch.

Die Plünderer rückten jede Nacht aus. Sie klingelten beim Bettfedernfabrikanten Karl Adler, dem Kunsthändler Otto Bernheimer, seiner Kollegin Anna Caspari, dem Kaufmann Otto Scharff. Und sie packten ein: Altmeistergemälde, kostbares Porzellan, Bronzen und Zeichnungen. Die Beute lieferten sie im Depot des Bayerischen Nationalmuseums ab, wo man den Empfang bestätigte, auspackte, Listen anlegte. Gestapo und Gauleitung waren nirgends so gut beraten wie in München, der Hauptstadt der Bewegung.

Denn es waren Kuratoren und Direktoren der Münchner Museen, die nach der Reichspogromnacht am 11. November 1938 der Gestapo halfen, die jüdischen Sammler auszuwählen. Die Kunsthistoriker und Kuratoren waren sich auch nicht zu vornehm, selbst dabei zu sein, wenn die Villen und Wohnungen ausgeräumt wurden. Vor allem Hans Buchheit, der Direktor des Bayerischen Nationalmuseums, Ernst Buchner, der Generaldirektor der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen, und Konrad Schießl, der Leiter des Historischen Stadtmuseums, waren Mitwirkende und lieferten eifrig Hinweise auf die ihnen meist persönlich bekannten Sammler und Händler (SZ vom 1. Juli 2016).

Die am Raub beteiligten Direktoren behielten in der Nachkriegszeit ihre Posten

Nach knapp drei Monaten war die Aktion abgeschlossen. Mehr als 70 Sammlungen waren ausgeraubt. Doch wurde dieses Kapitel der NS-Geschichte kaum bekannt. Die meisten Beraubten überlebten das Regime nicht. Anna Caspari starb im Ghetto in Kaunas am gleichen Tag, an dem auch Otto Scharff dort ermordet wurde. Karl Adler war wenige Tage nach dem Raub seiner originellen Sammlung, zu der Werke von Max Klinger und Alfred Kubin gehörten, im Konzentrationslager Dachau gestorben. Und die Museumsleute bekleideten in der Nachkriegszeit weiterhin hohe Posten im Kulturleben: Schießl blieb Direktor, und Ernst Buchner, der zunächst seinen Posten hatte räumen müssen, herrschte von 1953 an wieder über die Pinakotheken.

Der Fall wurde erst publik, als im Jahr 2007 im Archiv des Münchner Stadtmuseums eine Akte mit Beschlagnahmungsprotokollen und Briefen auftauchte. Die Museen versprachen Aufarbeitung, zwei Jahre später wurde ein Forschungsprojekt begründet. Zwei Experten, Horst Keßler und Vanessa Voigt, wurden beauftragt, unter der Leitung von Andrea Bambi, Provenienzforscherin an den Bayerischen Staatsgemäldesammlungen, das Material zu erschließen und nach den gestohlenen Werken und möglichen Erben zu forschen.

Sie erarbeiteten ein 600-seitiges "Handbuch", das von den 70 Namen der Beraubten ausging, ihre Sammlungen charakterisierte und weitere Quellen erschloss. Erste Ergebnisse wurden 2012 unter anderem im Jüdischen Museum in München vorgestellt. Damals fragte Charlotte Knobloch, die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde, warum es erst jetzt zur Aufarbeitung komme. Wolfgang Heubisch, damaliger Kultusminister, lobte die Kooperation als "bundesweit vorbildlich".

Doch wenn an diesem Mittwoch das seit knapp zehn Jahren erwartete Buch "Raub von Kulturgut. Der Zugriff des NS-Staates auf jüdischen Kunstbesitz in München und seine Nachkriegsgeschichte" vorgestellt wird, sind die beiden Forscher nicht dabei. Autor des Werks ist nun Jan Schleusener, der das Thema auf nur noch 200 Seiten abhandelt. Der Unterschied? Es ist ein anderes Buch. Der Historiker Jan Schleusener hat ein Stück Lokalgeschichte der NS-Zeit aufgearbeitet. Es ist ein lesenswertes Werk, das die Vorgeschichte und die Verfolgung der Juden schildert und auch die behördlichen Schritte der Enteignung nachzeichnet.

Im Zentrum stehen jetzt allerdings nicht mehr die Beraubten, sondern die Aktion selbst. Statt die Enteigneten und ihre Kollektionen vorzustellen und für die Forschung zu erschließen, wie es beispielsweise Sophie Lillie in ihrem Standardwerk "Was einmal war" über die während der NS-Herrschaft enteigneten Sammler in Wien getan hat, werden nur noch knapp ein Dutzend von ihnen in einem "Unterkapitel" vorgestellt, "auch um der anonymen Masse der von der Beschlagnahme Betroffenen ein Gesicht und eine Geschichte zu geben".

Das Werk hat also mit Provenienzforschung nicht viel zu tun, auch wenn es nun im Rahmen einer Provenienzforschungs-Tagung vorgestellt wird. Der schmale Band bildet die Beschlagnahmungslisten und Protokolle genauso wenig ab, wie er Raum für Auktionslisten, Kunstkataloge oder Aktenfunde hat - all die Informationen, in deren Verzweigungen sich Provenienzforscher orientieren können.

Über die Ergebnisse des ersten Forschungsprojekts, das mit Bundesmitteln gefördert wurde und eine sechsstellige Summe gekostet hat, ist nicht viel zu erfahren. Ob und wann sie der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden, will keines der beteiligten Häuser sagen. Einzig Bernhard Purin vom Jüdischen Museum sagt, man habe immerhin die Erkenntnis gewonnen, "dass die meisten der gestohlenen Werke schon lange restituiert worden sind".

In der Einleitung des jetzt erschienen Buches erinnert nun allein eine Fußnote an das einst mit Stolz bei Tagungen und Symposien vorgestellte Projekt: "Voigt und Keßler haben zudem ein umfangreiches Manuskript unter dem Titel "Protokoll eines Kunstraubs" erarbeitet (nicht publiziert)."