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NS-Kunst im Alltag:Anschauen, einordnen, verstehen

Josef Thorak

Eine der Pferde-Skulpturen von Bildhauer Josef Thorak.

(Foto: SZ Photo; Knorr + Hirth)

Bildhauer Josef Thorak war ein Liebling von Hitler. Eine Pferde-Skulptur von ihm steht in einem Schulhof. Soll man sie heute noch zeigen, zumal in einer Schule? Ja. Aber nicht so.

Von Kia Vahland

Hakenkreuze sind in Deutschland verboten, nach dem Krieg wurden sie an öffentlichen Gebäuden abgeschlagen. Die Reichsadler aber, die das NS-Symbol in den Krallen hielten, blieben oft an den Fassaden - und wurden zum Bundesadler umgedeutet. Die Logik dahinter: Ein Adler ist immer ein Adler, gleichgültig, wem er dient. Tiere galten als unpolitisch - und damit auch die Kunstwerke, die sie abbilden.

Das haben sich vermutlich auch die Schulleiter des bayerischen Gymnasiums in Ising gedacht, auf dessen Schulhof seit 1961 ein drei Meter hohes NS-Propagandapferd aus Bronze steht. Geschaffen hat es 1939 der Bildhauer Josef Thorak, ein Liebling Hitlers. Zwei weitere Pferde der Serie stellte Hitler vor seine Reichskanzlei in Berlin. Die aggressiv wiehernden Tiere verkörperten kurz vor Kriegsbeginn Deutschlands bedingungslosen Machtwillen.

Was aber verkörpern sie heute? Die einen sagen jetzt: nichts. Ein Pferd sei kein Grund zur Aufregung. Die anderen, darunter Robert Singer vom World Jewish Congress, sagen, eine Skulptur, die nationalsozialistischen Größenwahn ausdrücke, dürfe in einer Demokratie nicht unkommentiert herumstehen, erst recht nicht vor einer Schule.

Die Frage rührt an eine grundsätzlichere: Welchen Wert misst die Öffentlichkeit der Ästhetik bei? Gilt sie als Dekor, als unpolitischer Tand, ein Hobby für Kunst- und Designliebhaber - oder als Ausdruck des Istzustandes einer Gesellschaft? Wer Kunst so ernst nimmt wie Politik, der kann gigantomane Skulpturen totalitärer Regimes nicht niedlich finden.

Der Geist der NS-Zeit drückte sich ja gerade nicht nur in Hakenkreuzen und im Hitlergruß aus. Sondern er durchdrang den Alltag der Menschen, bestimmte, welche Filme sie sahen, was sie einkauften, wen sie schön fanden - und was und wer dagegen als "abartig" zu gelten hatte.

Zur NS-Zeit gehören auch die Faszination für avancierte Technik, die Autobahnen und eine plakative Bildsprache in den Massenmedien und der Fotografie - Dinge also, die der Gegenwart weit weniger fremd sind als Hakenkreuze oder der Kult um die Uniform. Hier wird die historische Auseinandersetzung auch für jüngere Generationen interessant: Wenn nicht nur routinemäßig der Opfer gedacht und die Untaten verurteilt werden, sondern die verbrecherische Gesellschaft der NS-Zeit in ihren inneren Mechanismen erkannt werden kann.

Man sollte es nicht einschmelzen - sondern lieber als Zebra bemalen

Deswegen ist es wichtig, sich den originalen Zeugnissen der Vergangenheit zu stellen: Andernfalls bleibt Erinnerung abstrakt. Hauptwerke des Regimes wie das Bronzepferd von Ising gehören nicht weggesperrt oder eingeschmolzen. Niemand wird zum Nazi, bloß weil er eine Skulptur betrachtet. Die Arbeiten gehören im Gegenteil angeschaut, eingeordnet, verstanden.

Das aber geschieht nicht, wenn man sie huldvoll aufstellt, ihre Herkunft erst halb verschweigt und dann vergisst. Totalitäre Markenzeichen wie Thoraks Pferd brauchen intellektuelle Distanz. Dies wäre im Mindesten eine Texttafel neben der Bronze, die offensiv aufklärt. Klüger und kreativer könnte es sein, Schüler und Gegenwartskünstler würden sich zudem ein visuelles Gegengewicht ausdenken - wie es bei Abiturscherzen bereits geschah, wenn der Hengst als Zebra angemalt wurde.

Eine Gesellschaft, in der Bilder immer wichtiger werden, im Internet, im Wahlkampf, überall, kann es sich nicht leisten, Fragen der Ästhetik zu belächeln. Erst recht nicht, wenn 80 Jahre zuvor Bilder und Kunst der Kriegshetze dienten.

© SZ vom 22.08.2015/aper

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