NS-Dokumentationszentrum in München Was wäre wenn ...?

Das alles legt die Ausstellung mit schönem Gespür für historischen Rhythmus dar. Hitlers Münchner Zeit verlief als Aufstieg in der Waagerechten, es gab Rückschläge, überhaupt sind gerade die Momente größter Schwäche die spannendsten, wenn man sich für eine kurze schmerzliche Sekunde den historischen Konjunktiv erlaubt. Kaum auszudenken, wie die deutsche Geschichte verlaufen wäre, wenn der Hochverratsprozess nach dem verstolperten Marsch auf die Feldherrnhalle nicht vor dem parteiischen Richter Neithardt in München stattgefunden hätte, der den Putschisten "rein vaterländischen Geist" attestierte, sondern vor dem Strafgerichtshof in Leipzig, der den Österreicher Hitler womöglich ausgewiesen hätte.

Was, wenn die Weltwirtschaftskrise ein Jahr später ausgebrochen wäre? Bei den Reichstagswahlen 1928 lag die NSDAP bei 2,6 Prozent, vier Jahre später bei gut 37 Prozent. Zusammen mit den Beispielen jener, die alles taten, um Hitler zu verhindern - Katholiken, Kommunisten, Arbeiter, Frauenrechtlerinnen und, auf einem Ehrenplatz, der gescheiterte Attentäter Georg Elser - fügen sich diese Passagen zum zwingenden und sehr modernen Bild einer vermeidbaren Katastrophe. Aber ist das alles wirklich so neu und unerhört?

So sieht es im NS-Dokuzentrum aus

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Ähnlich ausgewogen moderiert die Ausstellung die folgenden Stationen: den Alltag in Nazi-München mit Café Luitpold und Kollaboration erster Münchner Unternehmen: "Die Kleiderkammer für den braunen Soldaten, für Hitler-Jungen und Hitler-Mädels - Loden Frey". Die Firma Roeckl lieferte Handschuhe für die SS. Sie zeichnet den Weg der Stadt in den Krieg nach. Das Reserve-Polizeibataillon aus München erschießt 72 Geiseln im slowenischen Celje, eine Infanteriedivision aus München ermordet Juden in Weißrussland, Münchner Gebirgsjäger Zivilisten in Griechenland, Münchner Polizisten deportierten und liquidierten. Und der Münchner Josef Kramer war ab Mai 1944 Lagerkommandant in Auschwitz.

Adolf Hitler mit Reichsschatzmeister Frank Xaver Schwarz auf dem Balkon des Braunen Hauses in München (1933)

(Foto: SZ Photo)

Man müsse einordnen, rationalisieren

All diese Ungeheuerlichkeiten präsentiert die Ausstellung mit Fotowänden und Dokumenten, Gesetzen, Aktenauszügen, Stadtplänen und einem Minimum an Grausamkeiten. Realien, echte Objekte fehlen, denn dieser Unort soll nicht zur Pilgerstätte werden oder zur schaurigen Devotionalienrevue, das ist dem Leiter der Zentrums, Winfried Nerdinger, oberstes Anliegen. Man müsse einordnen, rationalisieren.

Nur lässt sich die größte Realie eben nicht ersetzen, denn sie ist der Ort selbst. Und die Architekten Georg Scheel Wetzel haben ihren weißen Kubus ja sogar an allen Seiten aufgeschlitzt und den vergifteten Raum hineingelassen. Das Aufeinandertreffen dieser negativ aufgeladenen Architektur mit den entschlossenen Distanzierungsbemühungen aber führt zu einer eigenartig verkrampften, wenn auch aufschlussreichen Dynamik.

Einer gegen Hitler

Georg Elser war schon 1939 überzeugt, dass nur der Tod von Adolf Hitler Deutschlands Marsch in den Abgrund stoppen könnte. Akribisch bereitete er seinen Bombenanschlag vor. In den letzten Kriegstagen wurde er dafür noch ermordet. Von Markus C. Schulte von Drach mehr ...

So blick man durch ein Fenster hinaus auf die Musikhochschule, den ehemaligen Führerbau, und eine Leinwand zeigt die Unterzeichnung des Münchner Abkommens 1938 eben dort. Aber das Video hat keinen Ton. Und darunter, auf einem anderen Bildschirm, laufen Szenen über die frühe Nachkriegsnutzung des Gebäudes, die Demokratieschulungen, "Reeducation", im Amerika-Haus. Gleich daneben führt der Blick auf den freigelegten Sockel des NS-Ehrentempels, oben laufen stumm NS-Aufmärsche, darunter die Nachkriegsnutzung.

Zum Schluss ein Foto, auf dem Neonazis Totenwache für Rudolf Heß halten

Und je länger man dieses Spannungsverhältnis zwischen vergeblichen Neutralisierungsanstrengungen und Ort wirken lässt, desto mehr drängt sich die Frage auf, ob man das Dilemma nicht hätte produktiv nutzen können. Denn der Abstand zwischen dem schuldhaften Damals und dem herrlich unbelasteten Heute wächst. Opfer und Täter sterben dahin, das Gedenken wird komfortabler und keimfreier.

Die kontrollierte Konfrontation mit der Verführungskraft solcher Regimes, und sei es durch ihre Überwältigungsbauten, könnte möglicherweise mehr dazu beitragen, jungen Leuten die Anfälligkeit des Menschen vor Augen zu führen, als die solide, aber am Ende pädagogisch strangulierend eng geführte Ausstellung. Sie widmet die zweite Hälfte der Nachkriegszeit, der geschichtsvergessenen Umwidmung Münchens als "Weltstadt mit Herz", der Empörung über die Verdrängung, dem Ringen um ein NS-Dokumentationszentrum.

9. November 1923 - Hitlers vergeblicher Griff nach der Macht

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Zum Schluss sieht man ein Foto, auf dem Neonazis an der Feldherrnhalle 1987 eine Totenwache für Rudolf Heß halten. Und gegenüber, genauso groß, das Bild einer Lichterkette für Frieden und Toleranz. So sieht moralisches Vollkasko aus.

Und draußen, vor dieser Ausstellung, die München bitter nötig hat, aber die der deutschen Erinnerungslandschaft wenig Umstürzendes hinzufügt, hoppeln über den kontaminierten Boden provozierend unbeschwert - drei Hasen.

Der Katalog (624 Seiten, Beck) kostet 38 Euro.

Hitlers Wurf im Hofbräuhaus

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