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Kölner Karneval und der Nationalsozialismus:Die Mär vom Widerstand

Die mächtigen Chefs der Karnevalsgesellschaften wollten sich von einem NS-Beigeordneten, der die Faschingsorganisation unter seiner Obhut im Tourismusamt zentralisierte, die Butter nicht vom Brot nehmen lassen. Sie wandten sich an Gauleiter Josef Grohé. Mit Erfolg. Der drückte den Narren das Zepter in die Hand, sie bezahlten sein Vertrauen mit partei- und staatskonformen Spaßoffensiven. Mit Propaganda.

Ausstellung 'Kölle Alaaf unterm Hakenkreuz'

Die Ausstellung "Kölle Alaaf unterm Hakenkreuz" zeigt den Motivwagen "Staliniade" im Rosenmontagszug 1938, der die Propaganda gegen Stalin und die Sowjetunion darstellt.

(Foto: dpa)

Grohé mischte bei der Auswahl des Saisonmottos mit. Und unter seiner Ägide wurden die Rollen der Jungfrau im Dreigestirn und des Funkenmariechens mit Frauen besetzt - Männer in Frauenkleidern, weibisch die Beine schwingend, widersprachen dem nationalsozialistischen Herrenmenschen-Ideal. Als Tanzmariechen treten seit dieser Zeit nur Frauen auf.

Die Fastnacht gehörte zum Staatsprogramm "Kraft durch Freude", sie sollte frei sein von jeglicher Politik. Dieses Gefühl wollten die NS-Obernarren dem feiernden Volk jedenfalls vermitteln. Für die tollen Tage eliminierten sie ihre Symbole aus dem Straßenbild. Auch wenn der Titel dieser Sonderschau das Hakenkreuz anführt, muss man es im Ausstellungssaal lange suchen.

Es ist nur auf einem Foto dieser Ausstellung zu sehen: auf Tischstandarten bei einer Prunksitzung. Solche Sitzungen begannen zwar mit dem Horst-Wessel-Lied, doch dann war die Politik vordergründig ausgeblendet: Auf den Hitlergruß zum Beispiel verzichteten die Nationalsozialisten, so schützten sie ihn vor der witzmäßigen Schändung durch besoffene oder gar subversive Pappnasen. In eigener Sache herrschte striktes Satire-Verbot.

Vor derlei Gefahren des Karnevals hatten sie Respekt: Denn seit jeher bot er den kleinen Leuten Gelegenheit, den Großkopferten und vor allem denen, die sie regierten, eine Nase zu drehen. Die Nazis kontrollierten nun bei aller Vorgaukelung größtmöglicher Narrenfreiheit ebenso konsequent wie unauffällig, um den Karnevalisten die gute Unterhaltung nicht zu verderben, und sie hoben die sozialen Schranken auf - es gab bei den Karnevalssessionen keine kleinen Leute und Großkopferten mehr.

Über "ein kunterbuntes Durcheinander von Volksgenossen aller Schichten und Stände", von Arbeitern "der Stirne und Faust", denen man "innere Genugtuung von Gesichtern ablesen" konnte, berichtete der Westdeutsche Beobachter.

Das Kölsche Führerprinzip funktionierte suggestiv: Es regierte offiziell Prinz Karneval, die Nazis waren es sogar, die zum ersten Mal eine Prinzenproklamation "durchführten", wie sie es nannten. Bis heute zählt sie zu den wichtigsten gesellschaftlichen Ereignissen der Stadt. Doch selbstredend zappelte Prinz Karneval, der personelle und vor allem der ideelle Fürst der Fastnacht, wie eine Marionette an den Fäden von NS-Funktionären. Und die wiederum tanzten nach der Pfeife des Gauleiters Grohé.

Den beiden Ausstellungskuratoren Jürgen Müller und Marcus Leifeld reicht ein Saal, um den Nazifasching und auch seine Opfer ausführlich aufzuarbeiten. Leifeld beschäftigt sich schon seit Jahren mit dem Thema, zwei Tage vor der Ausstellungseröffnung hat er eine Dissertation dazu abgeschlossen. Vor zwei Jahren veröffentlichte er mit Carl Dietmar das Buch "Alaaf und Heil Hitler" (Herbig-Verlag), der als vorweggenommener Begleitband zur lange fälligen Kölner Ausstellung zu betrachten ist.

In der Mitte des Raumes, zwischen Audio- und Videostationen, zwischen Text-Bildstelen, stehen drei Kartongebilde, die Rosenmontagswagen darstellen. Jeder dieser Wagen fungierte bei den Nationalsozialisten als kleine Propagandamaschine. Nachdem sie jüdische Mitglieder aus ihren Karnevalsgesellschaften ausgeschlossen hatten, kannte die antisemitische Hetze der Narrengilden keine Grenzen mehr.

Die Unterdrückung jüdischer Jecken etwa kommentierte ein Motivwagen 1936 mit einer Judenkarikatur und dem hämischen Schriftzug: "Däm han se op d'r Schlips getrodde!" Die Agitation kam aber beleibe nicht nur aus den Führungszirkeln und Elferräten, sondern auch aus dem Volk selbst. Die Ausstellung berichtet von kleineren Veranstaltungen, den Veedelszügen, in denen schon Kinder mit antisemitischen Kostümen auftraten. Der Antisemitismus setzte sich in Büttenreden fort. "Hurra", rief ein Redner, "mer wäde jetz die Jüdde loß, die ganze koschere Band trick nohm gelobte Land. Mir laachen uns für Freud noch halv kapott."

Bis 1939 blieb der Kölner Karneval eine Touristenattraktion - auch für internationales Publikum. Der Rosenmontagszug von 1938 bot einen Vorgeschmack auf das, was kommen sollte. Als Motto gab Gauleiter Grohé "Die Welt im Narrenspiegel" aus. Die Jecken zogen Russen, Franzosen und Briten durch den Kakao. Sie wurden aggressiver. Und nicht nur die Jecken.

"Kölle Alaaf unterm Hakenkreuz. Karneval zwischen Unterhaltung und Propaganda", bis 4. März 2012. NS-Dokumentationszentrum der Stadt Köln. Infos: http://www.museenkoeln.de/ns-dok/

© SZ vom 28.11.2011/mmai

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