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NS-Aufarbeitung:Mehr als eine Pflichtübung

Die Documenta – hier ein Foto aus dem Jahr 1982 – war ein Ort der Kunstreflexion. Jetzt muss in Kassel die eigene Vergangenheit aufgearbeitet werden.

(Foto: imago stock&people)

Seit NS-Verstrickungen der Documenta-Gründer bekannt wurden, tobt die Debatte. Doch Kassel hinkt der Aufarbeitung hinterher. Das neu gegründete Documenta-Institut soll es jetzt richten.

Von Ingo Arend

Muss die Geschichte der Documenta neu geschrieben werden? Seit bekannt wurde, dass Werner Haftmann, der wichtigste Berater der Gründerfigur Arnold Bode, von 1937 bis 1945 der NSDAP angehört hat, tobt die Debatte um die Bewertung und die Konsequenzen für die im Jahr 1955 erstmals in Kassel ausgerichtete Weltkunstschau. Haftmann war kein Einzelfall. Nur profitierten er - und andere - von der Kontinuität der Kasseler Schweigenetzwerke. Dass die auch 75 Jahre nach Kriegsende nicht ausreichend bekannt sind, belegen die Forschungen der Kasseler Kulturwissenschaftlerin Mirl Redmann.

Aus dem Kreis der Mitarbeiter der ersten Documenta-Ausstellungen identifizierte Redmann insgesamt 55 Namen, bei denen sie eine NS-Nähe aufgrund ihres Geburtsjahres für möglich hielt. Bei 22 von ihnen konnte sie eine Mitgliedschaft entweder in der NSDAP oder eine herausgehobene Position in einer ihrer Unterorganisationen nachweisen. Im Zentrum standen Männer wie Haftmann - oder Alfred Hentzen, der 1941 in die NSDAP eingetreten war. Er wurde Mitglied im Arbeitsausschuss der ersten Documenta, leitete ab 1946 die Kestnergesellschaft in Hannover und wurde 1955 Direktor der Hamburger Kunsthalle.

Die Documenta-Mitarbeiter konnten sich auf ihr Umfeld verlassen: den Gartenbauprofessor Hermann Mattern, den Direktor der Kasseler Werkakademie, Stephan Hirzel, oder den Intendanten des Staatstheaters, Hermann Schaffner, etwa. Mattern, 1902 in Nordhessen geborener Landschaftsarchitekt, hatte 1939 die Reichsgartenschau in Stuttgart gestaltet. 1955 durfte er die Bundesgartenschau inszenieren, als deren Beiprogramm die erste Documenta ausgerichtet wurde. Eigentlich ein Bauhaus-Anhänger, machte er als Mitglied in der NS-Bautruppe "Organisation Todt" Karriere. Nach dem Krieg profilierte er sich als ökologisch inspirierter Architekt. Redmann kann jetzt belegen, dass er Mitglied der NSDAP war.

Wegen seines Ausschlusses aus der NSDAP im Jahr 1938 galt Schaffner, von 1953 bis 1961 Intendant des Hessischen Staatstheaters, als Verfolgter. Aus den Unterlagen des Bundesarchivs konnte Redmann jedoch rekonstruieren, dass Schaffner vehement versucht hatte, diesen Ausschluss zu verhindern. Von diesem Netzwerk profitierte auch die spätere Galionsfigur der Documenta, Arnold Bode. 1933 vom NS-Regime als stellvertretender Leiter des Städtischen Werklehrer-Seminars in Berlin wegen politischer Unzuverlässigkeit und zu moderner Lehrmethoden entlassen, kehrte der Kunsthistoriker mit seiner Frau und just geborener Tochter Nele in die Heimatstadt Kassel zurück. Arbeitslos geworden, arbeitet er zunächst im Architekturbüro seiner Brüder Paul und Theo. Paul Bode war, im Gegensatz zu Arnold Bode, der 1929 in die SPD eingetreten war, NSDAP-Mitglied. Bis heute gilt er als unbescholtener Vorzeigearchitekt der Nachkriegsmoderne. Noch auf der Documenta 13 inszenierte Carolyn Christov-Bakargiev seine Kasseler Bauten prominent. Immerhin hatte die Kasseler Architekturhistorikerin Sylvia Stöbe in zwei Büchern 2009 und 2019 in zwei Büchern auf die NSDAP-Mitgliedschaft hingewiesen.

Während seines Kriegseinsatzes von 1939 an malte Pauls Bruder Arnold Soldatenunterkünfte aus und entwarf, wie der Kunsthistoriker Christian Fuhrmeister herausfand (SZ vom 2. 2.), Glasfenster für Luftwaffenkasinos. Könnte es sein, dass Paul Bodes NS-Bekanntschaften seinem Bruder Arnold den Weg in eine Position jenseits der Frontlinien sicherten? Immerhin gehörte auch ein Mann wie Lauritz Lauritzen zu dem NS-nahen Kontext. Der Kasseler SPD-Oberbürgermeister von 1954 bis 1963 war Mitglied der SA und vieler NS-Fachverbände. Während seiner Amtszeit war Lauritzen Mitglied im "Club 53" um Arnold Bode und übertrug Paul Bode 1955 als "Geheimauftrag" den Neubau des Hessischen Staatstheaters, den eigentlich der Architekt Hans Scharoun errichten sollte.

Letztlich waren im Rahmen der ersten Documenta nur der SPD-Politiker Adolf Arndt und der aus einer jüdischen Kaufmannsfamilie stammende Erich Lewinski, ein Sozialist und Widerstandskämpfer, von 1949 bis 1955 Präsident des Landgerichts Kassel, eindeutig oppositionell zum Nationalsozialismus. Aber je genauer man die frühe Documenta-Szene nach NS-Spuren untersucht, desto komplexer wird das Geflecht. Dass die dabei zutage geförderten Erkenntnisse mehr als nur der Kenntnisnahme bedürfen, hat inzwischen auch die Documenta zu erkennen gegeben. "Wir begrüßen und unterstützen eine unabhängige, wissenschaftliche und kritische Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte. Dies gehört zum Selbstverständnis der Documenta", versichert die Geschäftsführerin Sabine Schormann der SZ. Die offensive Aufarbeitung von NS-Kontinuitäten im Kultursektor wäre in Zeiten von grassierendem Neonazismus mehr als eine Pflichtübung, sie wäre ein politisches Zeichen. Zwar gibt Schormann inzwischen öffentlich zu Protokoll, dass "der Mythos des Neuanfangs nicht aufrechterhalten werden kann". Eine öffentliche Debatte zu der Frage will sie von sich aus vorerst aber nicht anstoßen. Die notwendige Erforschung der Zusammenhänge möchte die Kulturmanagerin und Literaturwissenschaftlerin an das neue Documenta-Institut delegieren. Das klingt naheliegend. Fragt sich nur, ob die drei Professorinnen sich ihre künftige Forschungsagenda vorgeben lassen werden. Und auch der Hinweis der Documenta auf das 2005 zum 50-Jahre-Jubiläum der Schau herausgegebene Documenta-Handbuch "archive in motion" dürfte als Beleg für den Aufarbeitungswillen nicht ausreichen. Die NS-Vergangenheit kommt darin nur am Rande vor. Stattdessen preist es Haftmanns "Hellsicht" in Sachen "europäisches Bewusstsein".

Wie die Kasseler Szene der Aufarbeitung, die anderswo begonnen hat, hinterherhinkt, zeigt auch Kai-Uwe Hemkens Idee einer Documenta-Konferenz. Damit wollte der Kunsthistoriker, der an der Kunsthochschule Kassel lehrt, auf die Debatte reagieren, die sich nach einer Konferenz des Deutschen Historischen Museums (DHM) zur "Politischen Geschichte der documenta" im Oktober 2019 in Berlin entzündete. Mit ihr bereitete das DHM eine Ausstellung zu demselben Thema im Frühjahr 2021 in Berlin vor. Bei dieser Konferenz war die NSDAP-Mitgliedschaft Haftmanns erstmals öffentlich bekannt gemacht worden und Streit über die ideologische Prämisse der Schau ausgebrochen: das ewige Narrativ von der Wiedergutmachung an der "Entarteten Kunst".

Das ursprünglich für April geplante Symposion in Kassel wird Hemken jetzt auf den November verschieben. Denn im Mai will die Documenta einen Informationsabend zur DHM-Ausstellung veranstalten, wie Sabine Schormann mitteilt, die in der Öffentlichkeit als "Partner" der DHM-Projekte auftritt. Dabei weist DHM-Direktor Raphael Gross darauf hin, dass die Aufarbeitung der Documenta nur eines von drei Themen sei und er als Historiker die kritische Distanz zum Forschungsgegenstand wahre - was eine gemeinsame Trägerschaft ausschließt. Er spricht von einer "Archivalienpartnerschaft". Wie auch immer die Kasseler ihre neuen braunen Schatten erforschen wollen: Der "Documenta-Stadt" steht ein weiteres Kapitel Erinnerungsarbeit bevor.

Anm. d. Red.: In einer früheren Version des Textes stand, Sylvia Stöbe habe ein Buch publiziert, in dem Paul Bodes NSDAP-Mitgliedschaft nicht erwähnt wird. Das ist falsch. Wir bitten dies zu entschuldigen.

© SZ vom 11.03.2020

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