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NRA und Countrymusik:Gefährliche Waffenbrüder

NRS, USA, Waffen - National Rifle Association Holds Its 133rd Annual Meetings & Exhibits

Die jährlichen Treffen der NRA sind Höhepunkte für die Waffenliebhaber des Landes

(Foto: Getty Images)

Die US-Waffenlobbygruppe NRA und die Country-Szene haben seit vielen Jahren eine fragwürdige Verbindung. Es geht um viel Geld, viele Tote und, natürlich, die Liebe zu Schusswaffen.

Von Beate Wild, Austin

"Sie dürfen uns nicht unseren Gott und unsere Waffen wegnehmen. Gott und Waffen, yeah, machen uns stärker." ("God And Guns" - Hank Williams Jr.)

Hank Williams Jr. ist der Traum der amerikanischen Waffenlobby. Der Country-Star singt gerne über Patriotismus, übers in der Natur sein, über Gott und oft auch über Waffen. Sein Song "God And Guns" etwa handelt davon, dass der "kleine Mann" es nicht zulassen dürfe, dass ihm die Politiker, die keine Ahnung haben, seine Waffen wegnehmen. "Das ist es schließlich, worauf unser Land gegründet wurde", geht der Songtext weiter.

Hank Williams Jr. ist einer der eifrigsten Waffenverfechter in der Country- Szene. Ein "true believer", einer, der das, was er verbreitet, mit voller Überzeugung in die Welt schickt. Er ist Mitglied der republikanischen Partei. 2012 spielte er mit dem Gedanken, für den US-Senat für Tennessee zu kandidieren, ließ es dann aber - vorerst.

Typen wie Williams Jr. könnten sie bei der National Rifle Association (NRA), Amerikas einflussreichster Lobby-Organisation für Schusswaffen, noch einige mehr brauchen. Die NRA hat seit längerem ein massives Imageproblem - nicht erst seit den vielen Massenschießereien in diesem Jahr. 12 000 jährliche Morde durch Feuerwaffen - Selbstmorde nicht mit eingerechnet - sind der Grund für das schlechte Ansehen.

Also Imagepflege durch PR. Vor ein paar Jahren haben die Verantwortlichen bei der NRA damit angefangen, offiziell Country-Musiker zu fördern. "Country" heißt schließlich "ländlich", "vom Lande". Und Leben auf dem Land bedeutete in den USA schon immer: jagen, fischen und auf Ziele schießen. Waffen gibt es zwar in allen Gegenden der USA, doch laut einer Umfrage des Pew Research Centers besitzen auf dem Land 46 Prozent der Erwachsenen eine Knarre, während es im städtischen Milieu nur 19 Prozent sind.

"Die Verbindung zwischen dem Country-Publikum und der NRA war immer schon stark", sagt Don Cusic, Country-Experte und Professor der Musikgeschichte an der Belmont University in Nashville, Tennessee. Country-Fans hätten demnach in der Regel "konservative Ansichten", und dazu gehöre das Befürworten der NRA und der Waffenkultur.

Auf der 2010 gelaunchten Webseite "NRA Country" werden also Sänger vorgestellt und gesponserte Veranstaltungen präsentiert. Es gibt einen "Künstler des Monats" und einen Merchandising-Shop mit NRA-Kappen, -Bechern und -Shirts. Einer von der NRA geförderten Künstler ist Drew Baldridge. Der 26-Jährige ist ein aufstrebender Country-Musiker aus Illinois.

Raue Kerle, wahlweise im Karohemd oder Muskelshirt

Sein aktueller Hit heißt "Guns and Roses". Die Waffen stehen in dem Song symbolisch für einen jungen Mann, die Rosen für eine hübsche Frau. Auf Facebook hat Drew Baldridge schon 43 000 Fans. Sogar das Musikmagazin "Rolling Stone", sonst eher nicht als Wegbereiter für Countrymusiker bekannt, lobte "Guns and Roses" als "treibenden Pop-Country-Song", der das "neue stilistische Terrain" von Baldridge zeige, zu dem der Sänger sich hin entwickele.

Die meisten Country-Musiker sind vom gleichen hemdsärmeligen Typ Mann: raue Kerle, wahlweise im Karohemd oder Muskelshirt, gerne tätowiert, fast immer mit Cowboyhut oder Baseballkappe, Dreitage- oder Vollbart. Im Video präsentieren sie sich oft als Helden mit Pferd, Truck oder Harley und einer gut aussehenden Frau im Schlepptau. Die Waffe als Accessoire spielt bei den Country-Sängern nicht selten eine Hauptrolle.

Cowboy Waffe

Ausschnitt aus Toby Keiths Musikvideo "Should've Been A Cowboy".

(Foto: Screenshot YouTube)

Dass es die Fans genauso sehen, kann man den Kommentaren unter den Videos entnehmen. Einer schreibt etwa: "Hab' eine 40-Kaliber auf meinem Nachtisch, Baby". Ein anderer: "Verfluchte, blöde Liberale, ihr habt keine Chance uns unsere Waffen wegzunehmen. Nur über meine Leiche!". Und wieder ein anderer: "Trump Nation! Gott schütze Amerika! Machen wir Amerika wieder groß!"

"Rauer Individualismus von seiner besten Seite"

"Kein Country-Künstler wird jemals falsch liegen, wenn er offen für Waffen und Schießen eintritt", erklärt Professor Don Cusic. Das sei Teil des Images vom "Krach machenden, guten alten Jungen, der draußen ist und einfach nur eine gute Zeit haben will, ein bisschen rücksichtslos ist, aber mit einem Herz aus Gold". Waffen und Schießen gehören in den USA für viele zur Männlichkeit und zum Patriotismus. In Country-Songs haben Waffen ein durchweg positives Bild. Ein Schießeisen zu besitzen ist Teil davon, gut auf sich aufzupassen. "Rauer Individualismus von seiner besten Seite", sagt Cusic.

Doch seit Oktober hat diese kongeniale Waffen-Country-Verbindung einen Knacks bekommen - und zwar in Las Vegas: Das Country-Festival Route 91 Harvest war in vollem Gange. 22 000 Besucher waren gekommen. Gerade stand der Countrymusiker Jason Aldean auf der Bühne, als es plötzlich knallte. Gewehrfeuer war zu hören, hunderte Schüsse.

Die Musik verstummte, dann brach Panik aus. Der 64-Jährige Stephen Paddock hatte sich mit Dutzenden Schusswaffen im 32. Stock des Mandalay-Bay-Hotels verbarrikadiert und ohne Grund wahllos zehn Minuten lang auf die feiernden Menschen unten gefeuert. Am Ende zählte die Polizei 58 Tote und 546 Verletzte.

Auch Drew Baldridge war beim Country-Festival in Las Vegas dabei. Er trat am Abend vor dem Massaker auf, unter anderem mit seinem Hit "Guns and Roses". Zur Zeit des Attentats war er gerade "NRA-Künstler des Monats Oktober". Wie verarbeitet jemand ein solches Attentat? Wie geht er mit der tödlichen Waffengewalt um, wo er doch von der NRA gesponsert wird? Schusswaffen müssten nach allem, was man über die Aufmerksamkeitsökonomie weiß, eigentlich sein großes Thema sein. Doch seit dem Amoklauf geht er den Medien offenbar bewusst aus dem Weg.

In einem Beitrag von Vice News sagt Baldridge über seine Position als von der Waffenlobby geförderter Country-Star lediglich: "Ja, ich bin genau mittendrin. Aber ich glaube, meine Fans denken nicht mal darüber nach." Über Politik zu reden, sei ein "hartes Thema", er wolle, dass seine Fans Spaß hätten und sie würden sich schließlich nicht für seine politische Meinung interessieren.

Wer etwas gegen die NRA sagt, riskiert seine Karriere

So zurückhaltend und vorsichtig wie Baldridge reagieren dieser Tage viele Country-Künstler. Die meisten schweigen ganz - aus Angst. Wer seine Meinung sagt, riskiert die Karriere, so wie einst die Dixie Chicks.

Die Frauen-Country-Band aus Dallas beging im März 2003 fast künstlerischen Selbstmord. Bei einem Konzert kritisierten sie den damaligen Präsidenten George W. Bush für den Irak-Krieg. Die Entrüstung bei den Fans und in der Musikindustrie war enorm. Die Musik der Dixie Chicks wurde in vielen Radiostationen nicht mehr gespielt. Fans wollten keine Platten mehr kaufen und nicht mehr zu ihren Konzerten gehen.

Ein paar Jahre schien es, als hätten die Äußerungen den drei Country-Sängerinnen die Karriere gekostet. Die fünf Grammys, die sie 2007 gewannen, waren dann zwar eine große Genugtuung für sie, doch bis heute wollen zahlreiche Konservative nichts mehr von der Frauen-Band wissen. Mit der NRA ist es ähnlich wie mit George W. Bush.

"Das ist keine Situation, bei der ein Country-Musiker je gewinnen kann", sagt Cusic. "Wenn sie etwas gegen die NRA sagen, könnte die NRA sie mit negativer Werbung attackieren." Das passiert nicht nur Künstlern, sondern auch Politikern, egal welcher Partei, die sich gegen die NRA aussprechen.

NRA: "Stop Clinton, Vote Trump"

Wie stark der Einfluss der NRA auf die Politik und die USA ist, zeigen die 54,4 Millionen Dollar, die die Organisation im Wahlkampf 2016 zugunsten der Republikaner ausgegeben hat. Der Ausgang der Wahl ist bekannt. Der Anteil der Waffenlobby daran ist groß.

Auf die Künstler übt die NRA sozusagen passiven Druck aus: Alleine durch das Wissen, dass ein Aussprechen der Meinung zum Karriereende führen kann, ziehen die meisten Musiker es vor, zu schweigen und lieber von einer Allianz mit der NRA zu profitieren. Medien gegenüber äußert sich die NRA prinzipiell nicht zu diesem Thema.

Doch ein paar Country-Stars gibt es, die sich trotzdem trauen. Nach dem Massaker in Las Vegas veröffentlichte Caleb Keeter, Gitarrist der Josh-Abbott-Band, die auf dem Festival gespielt hatte, eine Stellungnahme: "Ich war mein Leben lang ein Befürworter des Rechts auf Waffen. Bis zu den Geschehnissen von letzter Nacht. Ich kann nicht ausdrücken, wie falsch ich lag. Wir haben sogar Crewmitglieder mit legalen Feuerwaffen im Bus, doch diese waren nutzlos."

Mit dem letzten Satz spielt Keeter auf den gängigen NRA-Mythos an, dass ein "böser Junge mit einer Waffe" stets von einem "guten Jungen mit einer Waffe" gestoppt werden könne. Auch US-Präsident Trump spricht gerne und oft davon. Inzwischen sagt Keeter: "Genug ist genug. Wir brauchen Waffenkontrollen. Sofort."

Rosanne Cash: "Die NRA finanziert heimischen Terrorismus"

Auch Rosanne Cash, die Tochter von Johnny Cash, der in seinen Songs stets lieber von den sozialen Problemen seiner Zeit sang als von harmloser Cowboy-Romantik, erhob ihre Stimme nach dem Massaker in Las Vegas. Die Country-Sängerin ist schon seit 20 Jahren als Aktivistin für strengere Waffengesetze unterwegs. In einem Kommentar für die New York Times wird Cash sehr deutlich. Die NRA fördere Künstler nach dem Motto "Feiere deinen Lifestyle". Diese Werbeaktion würde etwas zutiefst Düsteres und Destruktives kaschieren, schreibt sie. Und weiter: "Man kann es nicht anders sagen: Die NRA finanziert heimischen Terrorismus".

Die Menschen, die Regulierungen und Gesetze für den Umgang mit Waffen machen, würden doch von den steigenden Waffenverkäufen profitieren, schreibt Cash. Mit Millionen von Dollar beeinflusse die NRA den US-Kongress. "Ich ermutige mehr Künstler in der Country-Musik ihr Schweigen zu beenden", fordert sie ihre Musikerkollegen auf.

Doch genau das wird laut Professor Cusic wohl nicht passieren. Beim nächsten Massaker würden die Country-Musiker wieder einfach nur ihre "Gedanken und Gebete" anbieten, wie es nach solchen tödlichen Attacken in den USA bereits zur Routine geworden ist. "Wahrscheinlicher ist, dass sie dem Todesschützen geistige Verwirrung unterstellen, als dass sie den Waffen die Schuld geben", resümiert er.

Der große Johnny Cash sang 1958 in seinem Song "Don't take your guns to town" über den jungen Cowboy Billy, der die Warnung seiner Mutter ignoriert, seine Waffen lieber zu Hause zu lassen. Billy fährt bewaffnet in die Stadt, gerät in einem Saloon in eine Schießerei und wird getötet. Sechs Jahrzehnte später hätte Cash mit einem solchen Song wohl keinen Erfolg mehr. Im Jahr 2017 kommt eine derartige Botschaft nicht gut an, weder bei den Fans noch bei der NRA.

© SZ.de/ghe
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