Im Kino: "Now" von Jim Rakete:Jugend an die Macht!

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Now

Szene aus "Now" - der "Trauerzug der Toten Bäume" von Extinction Rebellion im Oktober 2019.

(Foto: W-Film)

Jim Rakete, der Veteran mit der Fotokamera, hat junge Aktivisten in ihrem Kampf gegen die Klimakatastrophe begleitet. Sein Dokumentarfilm "Now" lebt von ihrer Frische und ihrer Wut.

Von Anke Sterneborg

Junge Menschen auf der ganzen Welt machen den Regierungen Druck. "Was wollt Ihr?" - "Klimagerechtigkeit!" - "Wann wollt Ihr es?" "NOW!" Jetzt. So skandieren es die Aktivistinnen und Aktivisten von Extinction Rebellion auf den Straßen von Berlin, London und New York. Die weltweite Klimakatastrophe haben schon viele Dokumentarfilme beschworen, doch der Fotograf Jim Rakete setzt lieber auf Grün, statt schwarzzumalen, er sammelt Perspektiven für die Rettung der Erde und verbreitet die Zuversicht, dass es mit radikalem Umdenken - jetzt noch - zu schaffen ist.

Claudia Rinke hatte ein Drehbuch geschrieben für einen Film, der den Geist der weltweiten Jugendbewegungen einfängt. Auf der Suche nach einem Regisseur hatte sie die nicht unbedingt naheliegende, aber dann doch sehr gute Idee, den Fotografen Jim Rakete zu fragen. Von ihm hatte sie gerade einen sehr filmischen Werbespot für ein Hybrid-Auto gesehen, in Form eines Ferngesprächs zwischen Berlin und New York, generationenübergreifend zwischen ihm und der Schauspielerin Jella Haase. So wie Rakete seit den Siebzigerjahren mit der Fotokamera Persönlichkeiten vor allem aus der Film- und Musikszene in Schwarz-Weiß eingefangen hat, geht er jetzt auch in seinem Regiedebüt mit der Filmkamera (Philip Koepsell) in Farbe an die jungen Aktivistinnen und Aktivisten heran.

Sechs junge Menschen und ihre Projekte stehen stellvertretend für eine weltumspannende Jugendprotestbewegung, die die Erwachsenen in Politik, Wirtschaft und Wissenschaft herausfordert und inspiriert: Luisa Neubauer, die - angestiftet von Greta Thunberg - den deutschen Ableger der Schulstreikkampagne Fridays for Future gegründet hat. Felix Finkbeiner, der schon als Neunjähriger die Initiative Plant for the Planet initiiert hat, unter deren Regie weltweit Milliarden Baumsetzlinge gepflanzt wurden. Die Britin Zion Lights, die sich bei Extinction Rebellion mit Störaktionen engagiert. Marcella Hansch, die sich mit dem von ihr gegründeten Verein Pacific Garbage Screening um plastikfreie Gewässer bemüht. Nike Mahlhaus, die sich mit Ende Gelände für den Ausstieg aus der Kohleverbrennung einsetzt. Und der Amerikaner Vic Barrett, der sich mit Youth v. Gov vor Gericht eine Zukunft erstreitet, im Bewusstsein, dass die Folgen der Klimakrise People of Color stärker zu spüren bekommen werden als Weiße.

Offen, neugierig und wachsam, sorgenvoll und zuversichtlich schauen diese jungen Gesichter auf die Welt und in den Abgrund. Eloquent und überzeugend, inspirierend und mitreißend, ausgesprochen wütend und doch immer sachlich erzählen sie von ihren Beobachtungen und ihrer Arbeit, allesamt auf Englisch, damit sie ihre Wirkungskraft auch international entfalten können. Flankiert und unterstützt werden sie von vielen Experten, Forschern, Analysten, Ökonomen und von einigen prominenten Freunden des Regisseurs, wie Patti Smith und Wim Wenders. Auch Greta Thunberg taucht immer wieder auf, mit ihren berühmten Reden auf Demo-Bühnen und vor der Generalversammlung der United Nations.

Die weißen Overalls der Ende Gelände-Rebellen - eine Choreografie

Doch keine Angst, Jim Rakete hat zusammen mit seinem Editor Kjell Peterson nicht einfach nur Talking Heads aneinandergereiht. Im Spannungsfeld zwischen den individuellen Menschen und den demonstrierenden Massen springen die Funken des Engagements über. Mit viel Gespür für Bilder und Rhythmus sammelt und choreografiert Jim Rakete besondere Eindrücke: die Schwärme der in weiße Overalls gekleideten Ende Gelände-Rebellen, die sich in die Kohlebergbau-Gruben ergießen. Die dramatisch roten Gewänder und weißgekalkten Gesichter der Trauerprozessionen, in denen die Natur symbolisch zu Grabe getragen wird. Die Baumhäuser der Protestler im Hambacher Forst oder ein paar schillernde Seifenblasen, die zerplatzen wie die leeren Versprechungen der Politiker.

Und immer wieder die jungen Gesichter mit ihrem Esprit und ihrer Energie. Ein ganzes Füllhorn guter Ideen breitet der Film aus, lässt aber auch keinen Zweifel, dass keine davon alleine ausreicht. Immer lauter werden die Forderungen nach einem radikalen Umbau der Gesellschaft. Umverteilung statt Wachstum fordert auch der Wirtschaftsanthropologe Jason Hickel und fragt, warum der ökonomische Erfolg eines Landes noch immer allein am Bruttoinlandsprodukt gemessen, warum er nicht längst mit den sozialen und ökologischen Kosten verrechnet wird, um Anreize für umweltschonende Ansätze zu geben.

Mit "Now" schließt sich auch ein Kreis, denn am Anfang seiner Karriere hat Jim Rakete die 68er-Revolte mit der Fotokamera dokumentiert, Jahre des hochmobilen Arbeitens, aber nicht gerade umweltbewussten Arbeitens folgten, für die der Film auch eine Art Wiedergutmachung ist. Obwohl "Now" schon 2019 gedreht und durch Corona ausgebremst wurde, wirkt der Film ausgesprochen frisch, unmittelbar und brandaktuell. Und zum Schluss hat Jason Hickel, gerade mit Blick auf die Bundestagswahl, noch eine gute Nachricht: Befragt man die Bürger, dann geben 70 bis 80 Prozent von ihnen an, dass ihnen Umweltschutz wichtiger sei als Wachstum.

Now, D 2020 - Regie Jim Rakete. Buch: Claudia Rinke. Kamera: Philip Koepsell. Musik: Nils Strunk. Verleih: W-Film, 74 Minuten.

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