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Notre-Dame:Keine Lust auf Experimente

Die Kathedrale im Juli 2020. Das Baugerüst über dem Kirchenschiff soll bis Herbst entfernt werden.

(Foto: AP)

Die durch einen Brand zerstörte Pariser Kathedrale Notre-Dame wird wohl wieder genauso aufgebaut, wie sie war. Für moderne Formen ist nicht nur die Zeit zu kurz, sondern auch die Volksmeinung zu ungünstig.

Von Joseph Hanimann

Der mächtigste Opponent gegen einen Wiederaufbau der Kathedrale mit modernen Formen war der Faktor Zeit. Die Ausschreibung eines Architekturwettbewerbs, wie er vom Staatspräsidenten gleich nach dem Brand gewünscht und vom Premierminister in Aussicht gestellt wurde, wäre bis 2024 unmöglich gewesen. Bis dahin hat Macron aber die Wiedereröffnung versprochen. So verglühte das Feuerwerk architektonischer Eingebungen für eine "noch schönere" Notre-Dame so schnell, wie es entstanden war, und machte dem fahlen Licht der Kommissionssitzungen Platz.

Nachdem der Chefarchitekt für Notre-Dame, Philippe Villeneuve, ein 3000 Seiten dickes Plädoyer für einen originalgetreuen Wiederaufbau im Zustand wie vor dem Brand verfasst hatte, entschied sich die Commission Nationale du Patrimoine et de l'Architecture nun einstimmig für diese Lösung. Dieses Votum hat zwar nur konsultativen Wert, noch ist nichts offiziell. Doch seit auch Macron betonte, er sei "zu dieser Überzeugung gekommen", bewegt sich alles auf einen historischen Wiederaufbau des Dachstuhls aus Holz und des Vierungsturms von Viollet-le-Duc aus dem 19. Jahrhundert zu. Für Bauexperimente ist nicht nur die Zeit zu kurz, sondern auch die Volksmeinung zu ungünstig.

Alle Optionen seien in der Kommission diskutiert worden, hieß es, auch die einer Konservierung im heutigen Zustand. Wie weit die Originaltreue beim Wiederaufbau des Dachs gehen wird, ob ausschließlich Eichenbalken wie im Mittelalter oder doch auch einige zeitgemäße Materialien zum Einsatz kommen, muss eine künftige Studie klären. Priorität hat vorerst der Abschluss der Räumungsarbeiten. Die Entfernung des vom Brand über dem Kirchenschiff verbogenen Baugerüsts soll im Herbst vollendet sein. Dann können Gewölbe und Mauern stabilisiert werden.

Ganz vom Tisch ist damit die Idee eines modernen Einschlags aber nicht. Statt direkt am historischen Bauwerk könnte die zeitgenössische Architektur in der unmittelbaren Umgebung zum Zug kommen, heißt es aus dem Élysée. Im stillgelegten Krankenhaus Hôtel-Dieu neben der Kathedrale soll bald ein Schauraum der Baustelle eingerichtet werden. Manche setzen sich auch weiterhin fürs Projekt eines Notre-Dame-Museums in jenem Gebäude ein. Im Herbst soll zunächst aber das kleine archäologische Museum in der Krypta unter dem Vorplatz mit einer Ausstellung über die Präsenz der Notre-Dame im Stadtbild quer durch die Jahrhunderte wiedereröffnet werden.

© SZ vom 11.07.2020
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