Notre-Dame Die vereinende Kraft schutzbedürftiger Kultur

Notre-Dame in Flammen am vergangenen Montag. Über den Vorgang des Wiederaufbaus wird in Frankreich gerade debattiert.

(Foto: AP)

Der Wiederaufbau von Notre-Dame sorgt für hitzige Diskussionen. Doch es haben weder die Apokalyptiker recht, die mit Notre-Dame gleich das ganze Abendland in Flammen sehen, noch jene Linken, die über die Rührung der Massen spotten.

Kommentar von Kia Vahland

Übertriebene Liebe für die meditativen Seiten des Mittelalters kann man dem 21. Jahrhundert nicht vorwerfen. In der spätkapitalistischen Digitalära zählt pure Gegenwart: Computer vernetzen einen Großteil der Welt, auf Ereignisse kann in den sozialen Medien jeder in Echtzeit reagieren. Kaum ist eine Katastrophe über die Bildschirme geflimmert, kündigt sich schnell und aufgeregt die nächste an. Lange in staubigen Archiven zu wühlen, vergilbte Handschriften zu lesen, alte Steine zu betrachten, um nachzuempfinden, mit welchem Gottvertrauen Handwerker im 12. Jahrhundert ihre Spitzbögen in die Höhe trieben: Das galt bislang eher als Beschäftigung mit Nischenwissenschaften, die sich reiche Gesellschaften neben den Schlüsselqualifikationen der Mint-Fächer auch leisten.

Dann aber flackerte am Montag vor Ostern die brennende Kathedrale Notre-Dame auf den Bildschirmen von New York bis Djakarta auf und brachte in Paris Passanten dazu, außer zu filmen auch zu singen und zu beten. War das alles nur die "Lust an der eigenen Wehmut vor Publikum", wie der Mittelalterexperte Valentin Groebner schreibt? Mischen sich in den Bildern der lodernden Kirche einmal wieder handygerecht Effekt und Affekt, um morgen vergessen zu werden?

Es gibt keine Ewigkeitsgarantie, auch nicht für jahrhundertealte Kunst

So einfach lässt sich die Erschütterung vieler Betrachter nicht abtun. In Rauch aufgelöst hat sich auch die Illusion, ein Kunstwerk, das so viele Jahrhunderte überdauerte, werde ohne große Fürsorge ewig oder zumindest während der eigenen Lebensspanne bleiben. Diese Sicherheit gibt es nicht. Kunst ist fragil - auch wenn Künstler immer viel für ihr Überleben taten, etwa indem gotische Baumeister das brennbare Dach getrennt von dem Gewölbe ihrer Kathedrale konstruierten. Der Erhalt der Werke aber ist Aufgabe der Nachkommen, und sie erfordert mehr Engagement als den gelegentlichen Besuch von Touristenattraktionen.

Eine solch kontinuierliche Denkmalpflege (wie sie, reichlich spät, nun auch Emmanuel Macron fordert) setzt die Einsicht voraus, dass historische Bildung von Wert für Gegenwart und Zukunft ist. Dieser Wert liegt weniger in der französischen "Identität", die nun auch bemüht wird, um das Christentum gegen Muslime auszuspielen und aus den weltoffenen Kathedralen Trutzburgen nationaler Abschottung zu machen. Sondern er besteht gerade darin, dass das Alte mit dem Neuen nicht identisch ist. Die Europäer des Mittelalters hatten andere Ideen vom Himmlischen und Irdischen als die heutigen. In einer Kathedrale lässt sich körperlich spüren, wie das Leben auch sein könnte, wäre es wie im 12. Jahrhundert auf Transzendenz ausgerichtet. Das macht das Mittelalter nicht besser oder gar erstrebenswert. Es ist nur anders als heute, und diese historische Distanz hilft, auch das eigene Verhalten, die eigene Zeit zu begreifen.

Deswegen haben nicht nur die Apokalyptiker unrecht, die mit Notre-Dame gleich das ganze Abendland in Flammen sehen, als hätte in Europa noch nie eine Kirche gebrannt. Auch jene Linken liegen falsch, die nun spotten über die Spenden der Milliardäre und die Rührung der Massen angesichts des Zerstörung von Kulturgut. Sofort wurde unterstellt, dieses Mitgefühl gelte nicht auch leidenden Menschen etwa in Syrien. Andere Zeiten zu kennen, ihr Erbe zu bewahren, ist aber kein Hindernis, sondern Voraussetzung, auch andere Kulturen wertzuschätzen.

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