Süddeutsche Zeitung

Ausstellung über Notre-Dame:"Sind Sie auch wegen des Hahns hier?"

Die Statuen der vier Apostel entkamen der Katastrophe schon vorher - durch die Luft. In der Ausstellung "Notre-Dame wiedersehen" ist zu sehen, was die Flammen verschont haben.

Ein wenig ramponiert ist er schon. Der linke Flügel steht in ungesundem Winkel zum Körper, die Brust ist eingefallen. Doch für einen Hahn, der 90 Meter in die Tiefe gestürzt ist, befindet er sich in einem guten Zustand. "Voilà", sagt die Mitarbeiterin des Kulturministeriums und verbeugt sich kurz vor dem Tier, "hier sehen Sie ein kleines Wunder." Sie hatten ihn schon aufgegeben. Einen Tag nachdem die Welt dabei zuschaute, wie in Paris die Kathedrale Notre-Dame ausbrannte, verkündete die Denkmalschutzorganisation Socra: "Leider ist der Hahn geschmolzen." Ebenso von den Flammen zerstört wie der Dachreiter des Mittelschiffs, auf dem er thronte. Doch das Tier war zäher als gedacht. Philippe Villeneuve höchstpersönlich, verantwortlicher Architekt für den Wiederaufbau der Kathedrale, fand die Kupferskulptur in der Asche auf dem Boden der Kirche.

Fünf Monate nach seinem Sturz hat der Hahn nun seinen ersten öffentlichen Auftritt, und vor den Toren des Palais Royal im Zentrum von Paris stehen die Menschen schon früh morgens Schlange. "Revoir Notre-Dame", Notre-Dame wiedersehen, heißt eine kleine Ausstellung, die das Kulturministerium im Rahmen der Journées du Patrimoine, der französischen Version des Tags des offenen Denkmals, in seinen Räumen organisiert hat. Ein Wochenende lang konnten Besucher den Hahn und drei andere gerettete Skulpturen bewundern.

Kurz vor dem großen Brand waren die Statuen der vier Evangelisten und die zwölf Apostel vom Dach der Kirche abtransportiert worden. Nur eine Woche bevor die Flammen den Dachstuhl zerstörten, werden Bilder gemacht, die zeigen, wie Matthäus, Flügel am Rücken und in den Händen das von ihm geschriebene Evangelium, durch den blauen Pariser Himmel fliegt. Ein Kran setzt ihn am Boden ab. Gemeinsam mit Markus, Lukas und Johannes entkommt er dem Feuer. Am Tag der Katastrophe stehen sie in den Werkstätten von Marsac-sur-l'Isle in der westfranzösischen Dordogne und warten darauf, restauriert zu werden.

Die Ausstellung überbrückt die Zeit, bis die Kirche wieder den Bürgern gehört

Nun, an diesem Sonntagmorgen im September, kniet Matthäus unterm Kronleuchter des Ministeriums. Notre-Dame ist immer noch weit davon entfernt, wieder geöffnet zu werden, die Bauarbeiten im Kirchengewölbe werden nicht vor 2020 beginnen. Diese Ausstellung ist wie eine Kontaktaufnahme zwischen der Kathedrale und Paris, um die Wartezeit zu überbrücken, bis die Kirche wieder den Bürgern gehört.

Außerdem ist die Ausstellung eine Gelegenheit, nachzufühlen, wie die Stadt den großen Brand verarbeitet. Der Stand der Bauarbeiten ist bekannt: Es geht nur langsam voran. Am Samstag sagte Frankreichs Kulturminister Franck Riester dem Parisien, er sei "nicht besessen" davon, die Kathedrale in fünf Jahren wieder zu eröffnen. Den ambitionierten Zeitplan hatte Präsident Emmanuel Macron direkt nach dem Brand ausgegeben, der zuständige Minister gibt sich nun entspannt. "Der Präsident fragt nie, wann die Arbeiten losgehen. Ich habe da keinen Druck", so Riester. Wichtiger als die Geschwindigkeit sei "die Qualität der Restaurierungsarbeiten". Die Gelassenheit des Ministers spiegelt sich in der Stimmung der Ausstellungsbesucher. Sicher, sie machen Selfies mit Hahn, doch die Notre-Dame-Statuen sind für die Besucher des Palais Royale nur eine von vielen Attraktionen.

9 Uhr früh, Position 35 in der Warteschlange. Frage an die Vor- und Hintersteher: "Sind Sie auch wegen des Hahns hier?" Höfliche Rückfragen: "Welcher Hahn?" Im Palais Royal ist der Saal, in dem sonst die Presse-Empfänge des Kulturministeriums abgehalten werden, Notre-Dame gewidmet, doch nur ein paar vergoldete Wandspiegel weiter kann man den prunkvollen Sitzungssaal des Verfassungsrates besichtigen. Hier schlendert man durch Gänge, in denen schon Kardinal Richelieu und Molière auf und ab liefen. Plakate erzählen davon, wie 1871 Mitglieder der Pariser Kommune das Palais Royale in Brand steckten. Und von oben schaut man auf die Arkaden, in denen zu Zeiten der Französischen Revolution die politischen Klubs debattierten. Heute hängt in den Räumen des Palais das Porträt Emmanuel Macrons, die Republik regiert in königlicher Kulisse. Und jährlich im September, immer zu den Journées du Patrimoine, kommen die Franzosen zum Staunen.

In den Tagen nach dem Brand schien es, als bräche der ganzen Welt das Herz. Als hätte sich jeder schon einmal vor Notre-Dame geküsst, mit seinen Kindern fotografieren lassen oder wenigstens davon geträumt, diese Kathedrale einmal zu besuchen. Die Tatsache, dass an der Westseite der Kirche zwei Türme stehen, reichte aus, damit US-Journalisten Parallelen zum elften September konstruierten. Da steht es schon wieder in Flammen, das Abendland. Doch als das Feuer gelöscht war, waren dort keine Ruinen, sondern gotische Mauern, die sich wacker hielten. Und statt Terroristen-Bekennerbrief gab es das Eingeständnis, dass bei den Sicherheitsvorkehrungen für die Kathedrale unzulässig gespart worden war.

Notre-Dame ging es vor dem Brand wie vielen anderen Kulturgütern in Frankreich. Bewundert und vernachlässigt. Beim Treffen mit dem Hahn, fast ein halbes Jahr nach der Katastrophe, wirkt Paris gefasst wie immer. Die Wochen des Pathos sind vorüber, die mühsame Arbeit hat begonnen. Im Innenhof des Palais steht der Kupferschmied Richard Boyer und führt vor, wie man aus Metall Kunstwerke formt. "Gibt es dafür keine Maschinen?", fragt ein Besucher. "Nein", sagt Boyer und wählt einen seiner 40 verschiedenen Hämmer und klopft langsam, langsam eine Platte zum Kreis.

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SZ vom 23.09.2019/cag
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