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Norwegische Literatur:Fahles Licht

Tor Ulven: Ablösung. Roman. Aus dem Norwegischen von Bernhard Strobel. Literaturverlag Droschl, Graz 2019. 144 Seiten, 20 Euro.

Der norwegische Schriftsteller Tor Ulven war das große Vorbild von Karl Ove Knausgård und ein begnadeter Negativist. Jetzt gibt es seinen einzigen Roman "Ablösung" endlich auch in der deutschen Übersetzung.

Wer hellwach zum Schlafen ins Bett geht, dem ist nicht zu helfen. In unruhiger Regungslosigkeit verharrend, im sinnlosen Hin- und Hergewälze, kehrt unweigerlich Vergessenes wieder, erwacht auf dem Weg zu Ruhe und Schlaf noch alles bisher Verdrängte. Auch dem Erzähler von Tor Ulvens Roman "Ablösung" widerfährt der Horror des Nicht-Einschlafen-Könnens. In dem kurzen "Zeitraum von Dunkelheit nach dem Zuziehen der Gardinen, aber vor Einschalten der Leselampe" nimmt ein Gewirr aus Erinnerungen, Träumen und Fantasien seinen Anfang, Zeitebenen und Perspektiven gehen ansatzlos ineinander über. Eine übernächtigtes "Gedankenwachskabinett" setzt sich in Szene, in dem vieles ausgeleuchtet wird und doch am Ende alles dunkel bleibt.

Tor Ulven, geboren 1953, war Norwegens unangefochtener Meister der literarischen Schwermut, eine bereits zu Lebzeiten mystifizierte Figur, deren Strahlkraft durch seinen Selbstmord im Jahr 1995 nur noch verstärkt wurde. Es war vor allem die Schriftsteller-Generation Karl Ove Knausgårds, die sich von Ulvens Abgründigkeit angezogen fühlte. "Ulven war das Höchste", schreibt Knausgård in "Lieben", nachdem seinem eigenen Schreiben eine Nähe zu Ulven vorgehalten wurde.

Ulvens Werk ist überschaubar: Er debütierte im Jahr 1977 als surrealistischer Lyriker, übersetzte Werke von Samuel Beckett, Claude Simon und René Char, arbeitete als angesehener Literatur- und Kunstkritiker für diverse norwegische Zeitschriften. Nach einem Nervenzusammenbruch verließ er seine Wohnung in Årvoll in der Nähe von Oslo nur noch selten. Ab Ende der Achtzigerjahre veröffentlichte er fast ausschließlich Sammlungen von kurzen Texten, schwer einzuordnende Miniaturen, die zwischen Lyrik und Prosa oszillieren.

1993 folgt dann sein einziger Roman "Ablösung", doch romanhaft ist Ulvens Prosa keinesfalls: Die kurzen Abschnitte sind nur lose miteinander verbunden, das Erscheinen von Gegenständen und das Auftreten von Personen fällt meist mit ihrem Verschwinden zusammen, Handlung existiert keine. Die geisterhaften Widergänger, von denen Ulvens schlaf- und namenloser Erzähler fantasiert, greifen auf die Sprache selbst über, die in ihrer Fahrigkeit von abgebrochenen Halbsätzen, Einschüben und Präzisierungen zersetzt ist.

"Ablösung" gleicht einem hoffnungslosen Im-Dunkel-Tappen, einem langsamen Erblinden, durch das die Umgebung noch einmal in letzter Klarheit aufscheint: "Noch immer nicht ganz dunkel, aber ein mähliches Schwächerwerden des Lichts (das nicht Sonnenschein ist, nur ein blasser, unbestimmbarer Schimmer von nirgendwoher) dort draußen erahnst du, der Unterschied zu der Helligkeit von vor kurzem gleicht in etwa dem wir zwischen einer trockenen und nassen Wolldecke, oder andersherum betrachtet, das Zimmer wächst mit Dunkelheit zu, so wie Wasserpfuhle im Wald mit Gras, Schilfrohr und Grünbewuchs überwuchern, du könntest es Schwarzbewuchs nennen, das Zimmer verwuchert mit Schwarzbewuchs, aber noch immer dringt Licht durch die Gardinen, besonders durch den Spalt in der Mitte."

In einem Interview aus dem Jahr 1993 verrät Tor Ulven, er wolle feindselige Bücher schreiben, er wolle seine Leser beunruhigen, versuche stets, das eigene Leiden an der Welt innerhalb der literarischen Form insistieren zu lassen. In der Tat wohnt Ulvens Prosa etwas undurchdringlich Negatives inne, ein entmenschlichter, fast anorganischer Ton durchzieht das gesamte Werk. Auch "Ablösung" ist eine Form permanenter Verneinung, überwiegend gespickt mit den Vorsilben un-, ver-, und ent-, vorgetragen von einer abstoßenden Erzählstimme, "ein unerträgliches, schrilles Heulen, eine Säge, ein Metallsägeblatt, das jedem, der es hört, das Bewusstsein durchschlitzt".

Bernhard Strobels Übersetzung transportiert Ulvens nicht nur in der norwegischen Literatur einzigartigen Rhythmus, die Wiederholungen, Umständlichkeiten und Dissonanzen souverän ins Deutsche, ohne dabei den zerfahrenen Sprachgestus zu glätten oder das Schwarz des Textes noch schwärzer malen zu wollen. Dabei wird das Faszinierende an Ulvens literarischer Agenda, dieser ruhelosen Negativität deutlich: eine hypersensible Aufmerksamkeit für Nicht-Menschliches, ein Blick für das, was dem Lebendigen vorausgeht und es überdauert - Fossiles, Abfall, Auf- und Abgelöstes. In dem Gedichtzyklus "Die Musik kann warten" über den österreichischen Komponisten, Schönberg-Schüler und anderen Meister der kleinen Form Anton Webern vergleicht Ulven dessen Oeuvre mit einer denkenden Tropfsteinhöhle. Dieses Bild trifft auch auf Ulvens Werk zu: Sie ist ein unbewohnbarer, düsterer und unmenschlicher Ort und doch fällt es schwer, sich seiner bizarren Schönheit zu entziehen.