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Deutsche Literatur:Die Sache mit den Bräuten

Thriller, Romanze, Österreich-Satire, all das könnte Norbert Gstreins Roman "Als ich jung war" sein. Warum nur zündet nichts davon?

Von Kristina Maidt-Zinke

Als er jung war, im Jahr 1988, debütierte der Schriftsteller Norbert Gstrein mit der Erzählung "Einer", die großes Aufsehen erregte und der Literaturkritik eine Menge zu denken gab. Das Prosastück wurde einem fortan sehr erfolgreichen Genre namens "Anti-Heimatliteratur" zugeordnet, in dem sich besonders Österreicher und Schweizer hervortaten: Abgründe hinter Gebirgsidyllen, Außenseitertum in Dorfgemeinschaften, Verdrängtes in Scheunen und Klöstern, Enge versus Ungeborgenheit, die janusköpfigen Folgen des Fremdenverkehrs - ins Populäre gewendet, findet sich manches davon im noch viel erfolgreicheren Genre des Regionalkrimis wieder.

Davon ist Norbert Gstrein, studierter Mathematiker und seit längerer Zeit in Hamburg ansässig, allerdings weit entfernt, auch wenn in seinen Büchern immer wieder Tote und - wirkliche oder vermeintliche - Täter vorkommen. Diesem Autor geht es um komplexere Probleme. Ihn interessiert die Fragwürdigkeit des scheinbar Faktischen, zumal im Rückblick auf Vergangenes, das Täuschungspotenzial von Erinnerungen, Berichten und Bekenntnissen. Seine Prosa erkundet die Brüchigkeit aller Gewissheiten und leuchtet sie mit fiktionalen Mitteln aus.

Dazu gehört das multiperspektivische Erzählen, wie er es in "Einer" erprobte, aber auch das Verfahren, als auktorialer Erzähler alle Figuren samt ihren Äußerungen tendenziell unglaubwürdig wirken zu lassen. Noch komplizierter wird die Konstruktion, wenn ein Ich erzählt, dessen Beobachtungen und Schlussfolgerungen dem Leser dubios erscheinen müssen, und das darüber hinaus an der Zuverlässigkeit der eigenen Wahrnehmung und des eigenen Gedächtnisses zweifelt. So funktioniert Gstreins neuer Roman "Als ich jung war".

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Norbert Gstrein interessiert die Fragwürdigkeit des Faktischen. Der Autor, geboren 1961 in Mils in Tirol, lebt heute in Hamburg.

(Foto: picture alliance / Neumayr / pic)

Anders als manche seiner Kollegen hat Norbert Gstrein die autobiografischen Anteile seines Schreibens nie verleugnet, aber dass er schon im Titel eine (natürlich wiederum irreführende) Fährte legt, die auf Selbsterlebtes schließen lässt, ist eine Premiere. Unübersehbar war stets, dass ihn, den Sohn eines Hoteliers und Skischulleiters aus einem kleinen Tiroler Bergdorf, die Eindrücke und Erfahrungen seiner frühen Jahre noch immer beschäftigen, obwohl er sich inzwischen, lebensweltlich wie literarisch, um den halben Globus bewegt hat. Spielten seine Romane seit Mitte der Neunzigerjahre überwiegend an internationalen Schauplätzen und auf politisch brisantem Terrain, ließen sich doch immer wieder Fäden knüpfen zum persönlichen Werdegang und Umfeld des Autors. Diesmal aber stellt er seinen Protagonisten in einen Kontext, der in mehrfachem Sinn einer Heimkehr gleicht, und der nicht auflösbare Rest verlockt dazu, über weitere Entsprechungen zu spekulieren. Das, immerhin, würde die Handlung um einen Erregungsfaktor bereichern, den man ansonsten vermissen mag.

Der Hochzeitsfotograf ließ die Paare mit Vorliebe an einem Abhang posieren

Franz, Sohn eines Hotelbesitzers in einem Gebirgsdorf im hintersten Tirol, kehrt nach Hause zurück, nachdem er dreizehn Jahre lang als Skilehrer in den USA gelebt hat. Wir erinnern uns: Ein Bruder von Norbert Gstrein ist der ehemalige Skirennläufer Bernhard Gstrein, und den Tiroler Auswanderer und Skischulgründer in Jackson, Wyoming, bei dem er seinen Romanhelden unterkommen lässt, hat der Schriftsteller, wie er berichtete, erst unlängst leibhaftig kennengelernt.

Warum aber war Franz, Ex-Internatsschüler mit einschlägigen Blessuren wie sein Erfinder, damals Hals über Kopf nach Amerika geflüchtet? Sein Vater hatte sich auf die Ausrichtung von Hochzeiten im Hotel spezialisiert, und der Sohn, nach zwei Studienabbrüchen etwas "verbummelt", arbeitete für ihn als Hochzeitsfotograf. Er ließ die Paare mit Vorliebe an einem Abhang posieren. Und eines Tages war eine der Bräute, eine auffallend kapriziöse Person, unter ungeklärten Umständen zu Tode gekommen.

Neben der Frage, ob er das Unglück hätte verhindern können und welche Rolle ihm dabei zufiel, trieb den sensiblen und etwas gehemmten jungen Mann aber noch ein anderes Ereignis um (und in die Ferne), das wenige Wochen zuvor stattgefunden hatte. Er hatte sich bei einer Hochzeit in die Cousine der Braut, eine blutjunge Geigerin, spontan verliebt und sie bei passender Gelegenheit sogar geküsst, zwar gegen ihren Willen, aber ohne ihr weitere Avancen zu machen. Sie hatte behauptet, demnächst siebzehn zu werden, später erfuhr er, dass sie noch keine vierzehn war. Dergleichen kommt vor, seit Menschengedenken, und ist jedenfalls kein krimineller Tatbestand. Für Franz genügte es, um ihn in einen Zustand zwischen unerfüllter Sehnsucht und Schuldkomplex zu katapultieren.

Norbert Gstrein: Als ich jung war. Roman. Carl Hanser Verlag, München 2019. 352 Seiten, 22 Euro.

In Wyoming ging es für ihn nicht minder dramatisch weiter. Mit einem privaten Skischüler, einem aus Tschechien eingewanderten Professor für Raketenphysik, freundete er sich an, obwohl jenen ein dunkles Geheimnis umgab, das anscheinend mit seiner Vorliebe für minderjährige Mädchen und dem Verschwinden junger Frauen in der Region zusammenhing. Nach dem Suizid des Mannes wurde Franz vom Sheriff befragt, so wie er nach dem tragischen Ableben der Braut von einem Kommissar verhört worden war. Und jetzt ist er, nicht nur traumatisiert durch zwei Todesfälle, sondern durch Sportunfälle auch noch physisch schwer lädiert, wieder im Tiroler Hotel angekommen, das mittlerweile, wie im richtigen Leben der Familie Gstrein, von seinem Bruder geführt wird.

Könnte der Autor den legendären Trick anwenden und den Erzähler als Mörder entlarven?

Von nun an kurvt die Handlung, beziehungsweise die Erinnerung des Erzählers Franz, in virtuoser Slalomfahrt zwischen den beiden Vergangenheiten hin und her. Die Geschehnisse bei der fatalen Hochzeit werden wieder aufgerollt: im Gespräch mit der Frau des Bruders, mit einer Nonne aus dem nahen Kloster, mit dem Kommissar, der ihn offenbar noch immer verdächtigt. Die Vorgänge in den winterlichen Rocky Mountains, mit der undurchsichtigen Figur des Professors, ein paar interessanten Frauengestalten und genuin amerikanischem Personal, gewinnen schöne Anschaulichkeit, ebenso wie die Szenen österreichischer Kleinbürgerhochzeiten im Alpendorf, wo die Brautpaare sich zwischen Fotoshooting und Feier in ein eigens eingerichtetes "Entspannungszimmer" zurückziehen können. Und in bewährter Manier webt Norbert Gstrein sowohl um die österreichischen als auch um die amerikanischen Vorfälle ein Netz aus Mutmaßungen, Zweifeln, Ambivalenzen und Widersprüchen, in dem die Wahrheit, wenn es sie denn gibt, sich derart verfängt, dass sie kaum mehr herauszuklauben ist.

Inwieweit der Leser sich von diesem Gewebe einfangen lässt, ist eine andere Frage. Man könnte sie auch so stellen: Warum nur vermag das Ganze so wenig zu fesseln? Der Plot enthält Elemente eines Thrillers und einer Lovestory, daneben eine Prise Österreich-Satire, und fächert eine psychologisch ergiebige Bandbreite von Charakteren und Konstellationen auf, tanzt also auf mehreren Hochzeiten. Norbert Gstreins Sprache ist, wie man sie von ihm kennt: gemächlich, nüchtern, klar, von großer Ernsthaftigkeit und Sorgfalt getragen, mit ein paar winzigen Austriazismen garniert. Erwartet man zu viel, wenn man sich bei alledem so etwas wie Spannung wünscht, oder zumindest ein unwiderstehliches Hineingezogenwerden in diese kunstreich verrätselte, schneegekühlte Romanwelt mit ihrer sonderbaren Prüderie?

Für einen kurzen Augenblick stellt sich die Illusion ein, der Autor könnte jenen legendären Trick Agatha Christies angewendet haben, bei dem der Ich-Erzähler am Ende als Mörder entlarvt wird. Aber mit derart plakativen Mitteln arbeitet Norbert Gstrein selbstverständlich nicht. Stattdessen gönnt er seinem Franz noch einen missglückten Stalking-Auftritt auf den Spuren der nunmehr berühmten Geigerin, die ihm nie aus dem Kopf gegangen ist, und ein jäh endendes Autobahnabenteuer.

Immerhin hat er uns im Roman den Hinweis gegeben, dass man manche Geschichten "nur erzählt, um andere Geschichten nicht erzählen zu müssen". Nun dürfen wir raten, was noch alles an Unerzähltem hinter dieser Geschichte steckt. Das könnte dann womöglich spannend werden.

© SZ vom 26.07.2019

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