Norah-Jones-Album "Little Broken Hearts":Bissige Lyrik in Kuschelwatte

Lesezeit: 3 min

Norah Jones versucht sich in ihrem fünften Album "Little Broken Hearts" an neuem Look und neuem Sound. Aber was will sie uns mit ihrer Verwandlung sagen? Will das süße, bittersüße Mädel auch mal verruchtes Luder sein? Einen auf Grunge machen?

Volker Breidecker

Über Norah Jones, die heute 33-jährige amerikanische Musikerin und zwölffache Grammy-Preisträgerin, die als Hauptdarstellerin und Titelsonginterpretin des Films "My Blueberry Nights" ein Mädchen mit gebrochenem Herzen und gewaltigem Hunger nach Blaubeerkuchen mimte, sagte dessen Regisseur Wong Kar Wai, sie habe eine "Kinostimme". Wie ein Kinoplakat aufgemacht ist auch das Cover ihres neuen, ihres fünften Albums, das unter dem Titel "Little Broken Hearts" seit heute im Handel ist: In neuem Outfit, mit verwehtem Haar, das eine Auge verdeckt, und lasziver Miene, die pinkfarbenen Lippen zum Kuss - oder zum Biss? - geöffnet, ist ihr Blick frontal auf den Betrachter gerichtet.

Norah Jones mit verwehtem Haar und lasziver Miene: schön bis zum Einschläfern.

Norah Jones mit verwehtem Haar und lasziver Miene: schön bis zum Einschläfern.

(Foto: Frank W. Ockenfells/EMI)

Der in zittrig konturierten Großbuchstaben gehaltene Schriftzug ihres Namens setzt eine Schreckensnote und untermalt sie durch einen dem Konsonanten "S" entweichenden Tropfen symbolhaft angedeuteter Körperflüssigkeit. Filmgemäß auch läuft unter der Rubrik "starring"- "in den Hauptrollen" - am unteren Rand des Covers ein Schriftband mit den Namen der an dieser Studioproduktion beteiligten Musiker und auch demjenigen ihres Produzenten Brian Burton, alias "Danger Mouse".

Verschmutzte Milch

Das Cover ist freilich das Remake eines Posters, das für einen klassischen Schmuddelfilm warb: Russ Meyers B-Picture "Mudhoney" von 1965 aus dem Genre hypermelodramatischer "Sexploitation"-Filme, die ihre gesuchte Verruchtheit nie so ganz ernst nahmen und daher Kultstatus besitzen: Verspricht das Plakat "von Wollust entwürdigte Leidenschaft" und "einen Film voller Derbheit und Gewalt, aus Lebenssaft geschöpft", so lässt auch der mit "Schmutziger Honig" zu übersetzende Titel keinen Zweifel daran, das seine Wiederaufnahme durch Norah Jones ein verderbtes Spiel treibt mit einem älteren Äquivalent zum Latte Macchiato ihrer Generation, der ja auch nichts besseres verspricht als "Verschmutzte Milch".

Aber was will Norah Jones uns mit ihrer Verwandlung sagen? Will das süße, bittersüße Mädel auch mal verruchtes Luder sein? Einen auf "Grunge" machen, so wie jene Punk-Rock-Band aus Seattle, die sich auch schon einmal "Mudhoney" nannte?

Genudelt, gehaucht, gedoodelt

Die Geschichte, wie es dazu kam, ist auch die Geschichte der Entstehung dieses Concept-Albums, und Norah Jones selbst erzählt sie so: Zwei Monate hatte sie für die Aufnahmen in Brian Burtons Studio in Los Angeles verbracht und an den Wänden dessen Plakatsammlung von Filmen Russ Meyers bewundert. Über der Couch, auf der sie täglich saß, hing das Poster zu "Mudhoney", und das habe sie die ganze Zeit über angestarrt mit dem Gedanken: "That's so cool I want to look like her!" So kam das etwas liederliche neue Outfit zustande, das so gar nicht zu dem gewohnten Bild von der braven Norah als dem bezaubernden Girl von nebenan passen will.

Und zu ihren leisen lyrischen Texten und ihrem sanft und sachte säuselnden Gesang tritt ein brandneuer Sound hinzu: Ob im Stil von Country, Soul, Beat, Bollywood (genudelt), French Pop (gehaucht) oder R & B (gedoodelt) gehalten, sind es Retro-Klänge der Sixties, die die Begleitmusik zu Norah Jones' gewohnt schräger Stimme liefern, mehr aber noch ihren Gesang und ihre zuweilen herbe und bissige Lyrik in kuschelweiche Watte verpacken oder in luftige Klangwolken einlullen.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema