Nora von Waldstätten im Gespräch Baroness, dürfen wir bitten

SZ: Das muss Sie doch auch freuen, oder?

von Waldstätten: Es verwundert mich jedenfalls nicht. Guttenberg wirkt wie ein Typ, der für Tradition, alte Werte und Verbindlichkeit steht. Das beruhigt einige Leute. Und die erhoffen sich von ihm mehr Rückgrat als von anderen Politikern.

SZ: Glauben Sie, der Adel wird jetzt sein Schnösel-Image verlieren?

von Waldstätten: Eher so: die Bürgerlichen gewinnen dem Schnösel etwas Positives ab! Mich erinnert das auch an eine Fotostrecke, die kürzlich erschienen ist. Zu sehen waren Anfang Zwanzigjährige, die kein von im Namen trugen, sich aber gerne im so genannten Adelsschick kleideten. Gestreifte Hemden, dunkle Jeans, karierte Blazer, Einstecktücher. Die jungen Männer sahen aus wie kleine Guttenbergs. Die Mädchen an ihrer Seite trugen Rollkragen oder rosafarbene Ralph-Lauren-Polo-Shirts und die obligatorischen Perlenohrringe.

SZ: Ah, ich erinnere mich. Sie hieß Schloss mit lustig, hinterließ bei mir aber ein eher schales Gefühl. Und bei Ihnen?

von Waldstätten: Verständnis. Ein Teil der Jugend scheint sich nun mal nach Beständigkeit und Sicherheit zu sehnen. Gerade weil die Zeiten für sie so unsicher sind und sie nicht wissen, was kommt. Sie haben Sehnsucht nach dem so genannten guten Leben und demonstrieren das nach Außen. Mich verwundert es andererseits auch, dass sie diese Sehnsucht so sehr durch Äußerlichkeiten ausdrücken.

SZ: Sie tun das wohl nicht?

von Waldstätten: Mir geht es nicht um die Hülle, die Einstecktücher, sondern um die Werte, die man von zu Hause mitbekommt. Auch wenn das jetzt kokett klingen mag: Es bedeutet mir zugleich sehr viel und sehr wenig. Es gibt dieses Zitat von Goethe, dass es ziemlich gut auf den Punkt bringt: "Was du ererbt von Deinen Vätern, erwirb es, um es zu besitzen."

SZ: Wie in der Schule: Erläutern Sie, bitte!

von Waldstätten: Dann am besten gegenständlich: Man erbt Biedermeiermöbel von seinen Großeltern. Dann steht man in der Pflicht, diese auch zu hegen und zu pflegen, um sie dann irgendwann weiter zu vererben. Man muss sich erst der zugeteilten Ehre erweisen, bevor man sich ihrer sicher sein kann. Nicht die Theorie ist entscheidend, sondern das gelebte Leben. Ich würde zum Beispiel nie ein Wasserglas einfach so auf einen Holztisch abstellen. Zu groß wäre meine Sorge, dass es einen Ring hinterlassen würde. Ich bin überhaupt eine "Schonerin", ich passe wahnsinnig gut auf Sachen auf. Wenn jemand seine schöne Ledertasche auf dem Boden pfeffert, hebe ich sie auf, klopfe den Staub ab und hänge sie auf. Meine schönsten Sachen führe ich vor lauter Angst nicht aus, dass mir jemand ein Loch ins Kleid brennen könnte.

SZ: Klingt gerade alles etwas betulich für eine 28-Jährige

von Waldstätten: Finde ich gar nicht! Ich bin ein sehr achtsamer Mensch. Das ist Erziehung, und das kriege ich auch nicht raus. Genauso wie: anderen nicht ins Wort zu fallen, Respekt vor anderer Leute Eigentum zeigen oder eine gewisse Sensibilität, die den Alltag angenehmer gestaltet.

SZ: Was haben Sie noch von zu Hause mitbekommen?

von Waldstätten: Manieren, gewisse Umgangsformen und einen Teil meiner Bildung. Es gab ein großes Haus mit Garten, Biedermeiermöbel und Ballettunterricht. Aber es gab auch vier Kinder, die den Müll raus tragen mussten und keine Nanny, sondern eine Mutter, die sich um uns und den Haushalt kümmerte.

SZ: Wann haben Sie zum ersten Mal gemerkt, dass Ihre Herkunft besonders ist?

von Waldstätten: Frisch auf dem Gymnasium, als mein Deutschlehrer auf meine Ur-Ur-Ur-Großmutter, die Baronin von Waldstätten, zu sprechen kam. Er erzählte der ganzen Klasse, dass sie eine Gönnerin Mozarts war und ihm, so sagt es die Legende, zu seinem roten Frack und einer opulenten Hochzeitsparty verholfen hat. Als ich dann vortreten sollte, um ein Gedicht aufzusagen, rief einer meiner Mitschüler: "Baroness, dürfen wir bitten!" Damals war mir das sehr peinlich. In dem Alter will man wie alle anderen sein und bloß keine Angriffsfläche bieten.

SZ: Was steht eigentlich in Ihrem Personalausweis?

von Waldstätten: Als Vornamen Nora Marie Theres und als Familienname Waldstätten.

SZ: Ohne das kleine Wörtchen von?

von Waldstätten: Nach dem Ende der Habsburger Monarchie wurde 1918 in Österreich der Adel radikal abgeschafft. Seither werden Titel nicht mehr in offiziellen Dokumenten wie dem Reisepass geführt. So ein Titel ist schon lange nichts mehr wert, und das ist auch richtig so. In Deutschland ist das anders, da darf der Titel im Personalausweis geführt werden.

SZ: Und als Sie mit Anfang Zwanzig zum Schauspielstudium nach Deutschland kamen, haben Sie das von wieder dazwischen geschoben?

von Waldstätten: Wenn man so will, ist "von Waldstätten" nun mein Künstlername. Allerdings einer, der geschichtlich seine Berechtigung hat. Und ein guter, griffiger Name hilft.

SZ: Es gibt gerade in Berlin Menschen, die finden, Manieren würden überschätzt.

von Waldstätten: Ich glaube, man kommt sehr viel leichter durchs Leben, wenn man sie hat. Der Grad zwischen sich zurückzunehmen, und nicht für seine eigenen Bedürfnisse einzustehen, ist schmal.

SZ: Wie meinen Sie das?

von Waldstätten: Sich das kleinste Stück Fleisch nehmen, obwohl man großen Hunger hat. Jemanden anderen den Vortritt lassen, obwohl er nicht so lange in der Schlange gewartet hat, wie man selber. Manchmal bin ich aber auch zu rücksichtsvoll. Ein Freund sagte sogar mal zu mir: "Nora, Du musst Dich nicht gleich dreimal bedanken, nur weil ich Dir das Salz gereicht habe."

SZ: Verpflichtet Adel wirklich?

von Waldstätten: Nein, eher eine Erziehung verpflichtet. Und Traditionen, die die Familien zusammenhält. Alle zwei Jahre gibt es bei uns ein sehr feierliches Familientreffen. Es geht dabei aber nicht um die Etikette, sondern darum, sich nicht aus den Augen zu verlieren, zu sehen: Aha, so sehen also die Kinder meiner Cousine aus!

(...)

SZ: Ist der Start ins Leben nun einfacher, wenn man aus einem guten Stall kommt?

von Waldstätten: Nicht unbedingt. Zu wissen, dass man immer die Eltern im Rücken hat, kann dazu führen, dass man kaum Ehrgeiz und wenig Biss entwickelt. Den braucht es aber, wenn man sich selber etwas erarbeiten will. Und wenn man schon so viel von zu Hause mitbekommt, sollte man zumindest auch schlau genug sein, seinen Moment nicht zu verpassen.

SZ: Bei der Carlos-Premiere in Cannes auf dem Roten Teppich haben Sie jedenfalls eine ausgesprochen gute Figur gemacht.

von Waldstätten: Danke. Auf diesen Moment hatte ich mich sehr gefreut, und ich war gut vorbereitet und hatte mir genau überlegt, wie ich auftreten und was ich tragen würde. Wenn man schon mal die Gelegenheit hat, in Cannes über den Roten Teppich zu laufen, dann doch bitte gleich richtig, in Chanel.

SZ: Ihren Dialekt hört man übrigens kaum noch durch, warum nicht?

von Waldstätten: In Berlin fanden die meisten meinen Wiener Schmäh ganz entzückend. Ich habe mich dennoch für eine neutrale Aussprache entschieden. Dabei können die Wiener die Dinge so herrlich auf den Punkt bringen. Beim Zigarettenkaufen sprach mich beispielsweise neulich ein älterer Herr an: "Entschuldigen Sie, junge Frau, wollen sie sich vielleicht mit mir promillieren?"

SZ: Ist wahrscheinlich was unanständiges, oder?

von Waldstätten: Naja, der wollte sich mit mir betrinken! Promillieren kommt von Promille. Klingt doch herrlich arglistig und sehr charmant zugleich, oder?

Das komplette Interview lesen Sie in der SZ am Wochende vom 30.10.2010.