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Nora Fingscheidt im Interview:Ein Herz für Außenseiter

Regisseurin Nora Fingscheidt

Nora Fingscheidt wurde 1983 in Braunschweig geboren und studierte Regie an der Filmakademie Baden-Württemberg.

(Foto: dpa)

Regisseurin Nora Fingscheidt über ihren Film "Systemsprenger" und dessen Oscar-Chancen.

Gleich mit ihrem ersten Spielfilm wurde Nora Fingscheidt in den offiziellen Wettbewerb der Berlinale eingeladen und mit einem Silbernen Bären ausgezeichnet, seitdem bekommt die 36-jährige Regisseurin für "Systemsprenger" einen Preis nach dem anderen. Zum Interview empfängt sie in der Hamburger Landesvertretung in Berlin.

SZ: Nach dem Erfolg auf der Berlinale wurde Ihr Debütspielfilm als deutsche Bewerbung um den Oscar für den besten internationalen Film ausgewählt. Ein gutes Gefühl für Sie, oder macht Ihnen diese Entscheidung eher Druck?

Nora Fingscheidt: Wir haben uns riesig über die Vorauswahl gefreut. Das war schon verrückt, mit einem Nachwuchsfilm! Was für eine Ehre. Andererseits ist es noch ein langer Weg. Da werden um die 90 Filme eingereicht, darunter der gefeierte Cannes-Gewinner "Parasite" aus Südkorea und Pedro Almodóvar mit "Leid und Herrlichkeit". Und nur fünf kommen in die Endauswahl. Da muss man schon mal ganz realistisch den Ball flach halten. Insofern sehen wir der Sache entspannt entgegen.

Eine Weltpremiere auf der Berlinale kann speziell für deutsche Regisseure sehr hart sein, weil die in ihrer Heimat natürlich unter besonderer Beobachtung stehen, darunter haben schon viele Kollegen gelitten. Wie haben Sie das wahrgenommen?

Unser Film war ja erst drei Tage vor der Premiere im Februar fertig, das heißt, ich hatte glücklicherweise überhaupt keine Zeit, darüber nachzudenken. Ich habe mir am Tag vor der Premiere noch das Kleid und die Schuhe dazu organisiert, mithilfe unserer Kostümbildnerin, die mir nachts noch einen Gürtel genäht hat. Ich war überhaupt nicht vorbereitet. Wäre ich mir des Risikos bewusst gewesen, dann hätte ich mir vielleicht mehr Sorgen gemacht.

Am Anfang stand die Idee, eine Geschichte über ein wütendes Mädchen zu erzählen. Wie kamen Sie dazu?

So ein wildes Mädchen habe ich im Kino immer vermisst. Sicher, es gibt Pippi Langstrumpf, aber die ist ja noch niedlich und moralisch immer auf der richtigen Seite. Sonst gibt es vor allem hübsche Mädchen, die die Welt immer nur beobachten. Schon seit ich angefangen habe, Filme zu machen, galt: Ich wollte immer eine richtig wütende und krasse Heldin, hatte aber keine Geschichte dafür. Materialisiert hat sich das dann viele Jahre später bei einem Dokumentarfilmdreh für die Caritas, in einem Heim für wohnungslose Frauen in Stuttgart. Da zog ein vierzehnjähriges Mädchen ein, und als ich die Sozialarbeiterin fragte, wie das sein kann, meinte sie, das sind die Systemsprenger, die am 14. Geburtstag zu uns kommen. In diesem Moment verband sich das wilde Kind, das immer an meiner Seite war, mit etwas, das auch gesellschaftlich relevant ist.

Wie haben Sie Film als Beruf entdeckt?

Gute Frage, so einen konkreten Startpunkt gab es da gar nicht. Filme haben mich extrem beeindruckt, und danach hatte ich oft das Bedürfnis, irgendwas an den Geschichten zu ändern. Nach "Titanic" kam ich aus dem Kino raus und wollte den Film noch mal drehen, damit Jack überlebt. Und das ging mir bei vielen Filmen so. Irgendwann hab ich dann im Internet recherchiert, wie man eigentlich Regisseurin werden kann.

"Systemsprenger" hat starke Wurzeln im Dokumentarischen, ist aber auch mit großem Stilwillen und visueller Kraft inszeniert: Wie sehen Sie das Verhältnis zwischen Fiktion und Realität im Film?

Mein Herz schlägt für den Spielfilm, das waren immer die Filme, die mich am meisten beeindruckt haben. Doch neben dem Studium Spielfilmregie in Ludwigsburg habe ich auch angefangen, Dokumentationen zu drehen. Das Dokumentarische ist etwas, das mich sehr fasziniert, weil die Realität so wunderschöne Überraschungen, Momente und Magie hat, die man sich gar nicht ausdenken kann. Aber "Systemsprenger" musste für mich ganz klar ein Spielfilm sein, damit man verdichten und manipulieren kann. Der Film kommt dokumentarisch daher, mit zum Teil improvisierten Szenen, aber die Wirklichkeit ist fiktional vereinfacht, damit der Zuschauer folgen kann und emotional dranbleibt. Mir war wichtig, dass sie nicht in der Pubertät ist, keinen Migrationshintergrund hat, nicht aus einer Plattenbausiedlung kommt, damit die Problematik nicht sofort in irgendeiner Form eingetütet werden kann.

Alle scheitern an diesem aggressiven Mädchen, doch es scheint Ihnen nicht darum zu gehen, das System anzuprangern ...

Der Ursprung des Films liegt in meiner Liebe für extreme Außenseiter, für radikale Persönlichkeiten. Menschen mit einer gewissen destruktiven oder autoaggressiven Energie haben mich schon als Kind fasziniert. Natürlich dachte ich anfangs, dass das System versagt. Doch bei meinen Recherchen habe ich immer nur Leute getroffen, die mit guten Intentionen in diesen Beruf gegangen sind. Aber es gibt viele, die aufgrund der Arbeitsumstände nicht das machen können, was sie eigentlich wollen, nämlich den Kindern helfen. Kinderheim und Kinderpsychiatrie sind Tabuthemen, wenn nur das Wort fällt, zucken die Leute schon zusammen. Kinder sollen glücklich sein und spielen, Psychiatrie ist etwas für Erwachsene. Trotzdem haben die Kinderpsychiatrien, die jede größere Stadt hat, rammelvolle Wartelisten. Niemand weiß davon, nur die Leute, die da arbeiten. Das sind Dinge, die mich interessieren, wo ich mal den Finger reinlegen will, auch wenn das nicht meine Ursprungsmotivation ist.

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