Im Kino: "Nomadland":Wer die Straße wählt

Filmpreis für 'Nomadland'

Nomadin unter Nomaden: Frances McDormand im Film "Nomadland".

(Foto: Disney)

Eine Frau, die nicht mehr anhalten wird: Frances McDormand trägt den Film "Nomadland".

Von Juliane Liebert

Es passt sehr gut in diese Pandemie-Jahre, dass der Hauptpreis bei den Oscars an einen Film ging, in dem eine stoische Hauptfigur widrige Umstände erträgt, die Leute sich weitgehend aus dem Weg gehen, viel in der Natur sind und sonst nichts passiert.

Ein bisschen was passiert natürlich doch, aber Chloé Zhaos "Nomadland" ist ein Drama, in dem die Menschen freundlich zueinander sind. Es gibt kaum Streit, niemand betrügt sich, niemand wird ermordet oder bloßgestellt. Die Lage ist unglamourös, aber die modernen Nomaden Amerikas teilen das Wenige, das sie haben. Sie leben in ihren Vans, weil ihre Rente nicht reicht oder sie andere Schicksalsschläge nicht verwunden haben. Sie reisen kreuz und quer durch die USA. Manchmal sitzen sie gemeinsam am Feuer. Sind sie so weit am Rand, dass es fruchtlos scheint, gegeneinander zu sein? Oder liegt die Abwesenheit von exhaltierten Konflikten an der Hauptfigur?

Das ist Fern (Frances McDormand), die mit ihrem weißen Van immer knapp außerhalb der Reichweite anderer Menschen bleibt, selbst derer, die sie lieben. Dreimal wird der "Hauslosen", wie sie sich nennt, von Freunden und Verwandten angeboten, bei ihnen zu bleiben. Ihre Schwester bettelt sie nahezu an. Doch Fern wählt immer wieder ihren Wohnwagen, den sie "Vanguard" nennt, und die Straße. Wenn sie austreten muss, geht sie ins Freie oder benutzt einen Eimer im Van. Sie arbeitet in Leiharbeiterjobs, erst bei Amazon, dann in einem Nationalpark, später in einem Restaurant. Ihre Heimatstadt Empire, Nevada war eine Arbeiterstadt der US Gypsum Corporation, die mit dem Ende des Gipsabbaus zur Geisterstadt wurde. Dort lebte sie mit ihrem Mann bis zu dessen Tod. Jetzt lebt sie als Nomadin unter Nomaden.

"Nomadland" ist ein Spielfilm mit Elementen einer Dokumentation, Realitätsperlen werden ins Band der Erzählung eingeflochten. Ferns Charakter ist ausgedacht, aber der Film basiert auf dem Buch "Nomadland: Surviving America in the Twenty-First Century" von Jessica Bruder. Einige der Hauptcharaktere sind vom Buch in den Film gewandert: Charlene Swankie oder Linda May etwa sind reale Nomaden, die sich hier selbst spielen.

"Nomadland" fühlt sich nicht zynisch an, man spürt Respekt und Liebe

Man könnte sich fragen, ob es nicht Hollywoodzynismus ist, echte Arbeitsnomaden als authentische Kulisse in einen Film zu stellen, der von einer Starschauspielerin getragen wird, die dafür ebenfalls einen Oscar gewonnen hat und ihren eh schon enormen Marktwert weiter steigert. Aber "Nomadland" fühlt sich nicht zynisch an. Vor allem liegt das an Frances McDormand. Man merkt ihr den Respekt und Liebe, die sie für die Laienschauspieler empfindet, an. Sie tritt ihnen als Gleichberechtigte entgegen. Ihr fiktives Schicksal verwebt sich mit dem der anderen.

In einer der schönsten Szenen des Films erzählt Swankie, die im Film Krebs hat und sich nicht behandeln lassen will, von den Momenten ihrer Reise, als alles plötzlich Sinn ergab. Wie sie einmal beim Kajakfahren in einen Schwarm von Schwalben geriet, die sich im Wasser spiegelten, so dass sie sich fühlte, als sei sie eine von ihnen. "Ich hätte in diesem Moment sterben können, und hätte nicht das Gefühl, etwas verpasst zu haben", sagt sie. Sozialkritische Filme sind häufig entweder öde oder sie beuten ihr Thema kalkuliert aus. Der Grat, auf dem etwas wirklich Spannendes passiert und Menschlichkeit Raum hat, ohne denunziert zu werden, ist sehr schmal. Zhao gelingt genau dieser Balanceakt.

Im Gegensatz zum Buch ist der Film keine Kapitalismuskritik im klassischen Sinne. Wer das erwartet, wird enttäuscht werden. Zwar werden die Leiharbeiter in ihrer Entwurzelung gezeigt, aber die Hallen von Amazon sind sauber und effizient. Fern scherzt mit den anderen Mitarbeitern, niemand wird schlecht behandelt. Wenn die Filmfiguren krank werden, können sie sich aufwendige Behandlungen leisten, was in den realen USA nicht unbedingt der Fall wäre. Deswegen ist die Angst vor dem finanziellen Aus nicht das Grundthema des Filmes, sondern eher jene versteckte Furcht, die jedem Roadmovie eingeschrieben ist: Was passiert, wenn man anhält?

Man stirbt in der Regel, deshalb fahren Thelma und Louise auch lieber in die Ewigkeit. Insofern könnt man den Film auch als subversiv lesen, weil Fern die ständige Beweglichkeit, die der global vernetzte Kapitalismus erzwingt, und die Entwurzelung durch Tod ihres Mannes zu einer selbstgewählten Außenseiterrolle umdeutet. Fern hält nicht mehr an. Einmal umarmt sie einen Baum, aber selbst der kann sie nicht halten.

Nomadland, USA 2020 - Regie und Buch: Chloé Zhao. Kamera: Joshua James Richards. Musik: Ludovico Einaudi. Mit Frances McDormand, Charlene Swankie, Linda May, David Strathairn. Disney, 107 Minuten.

© SZ/kni
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