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"Nocturnal Animals" im Kino:Erotik statt Fäulnis und sublimes Grauen

Deshalb ist Susans Schock umso größer, als die Familie im Buch von ein paar brutalen Hillbillys ausgebremst wird. Sie entführen und misshandeln die Frauen. Der hilflose Mann muss sich verzweifelt auf die Suche nach den geflüchteten Tätern machen, wobei nur ein Kette rauchender Sheriff mit Lungenkrebs im Endstadium gewillt ist, ihm zu helfen. Die Rekonstruktion dieses Verbrechens, und wie die Leserin Susan damit umgeht, sind dann die eigentliche Geschichte des Films.

In der Welt von Tom Ford sehen auch die Hillbillys aus wie überzüchtete Westküstenmodels

Tom Ford, der für seinen zweiten Spielfilm einen Roman des Schriftstellers Austin Wright adaptiert, seziert in "Nocturnal Animals" die sadomasochistische Lust am Voyeurismus. Der Sex und das Blut sollen seine Zuschauer gleichzeitig abstoßen und erregen, genauso wie seine Protagonistin gleichzeitig abgestoßen und erregt ist von ihrer Lektüre. Das Problem dieses Mystery-Thrillers ist aber, dass der Regisseur Tom Ford leider nie am Modedesigner Tom Ford vorbeikommt und sich damit selbst ein Bein stellt.

Ford ist ein ausgezeichneter Filmkenner, er liebt die Coen-Brüder, Stanley Kubrick, Alfred Hitchcock und besonders David Lynch. "Nocturnal Animals" ist eine überdeutliche Hommage an dessen Kinomysterien "Lost Highway" und "Mulholland Drive". Was bei Lynch aber sorgfältig konstruierte Albtraumlabyrinthe sind, ist bei Ford eher eine Aneinanderreihung von Fotoshooting-Sessions für Hochglanzmagazine. Hinter der erotischen Oberfläche lauern bei Lynch immer die Fäulnis und das sublimierte Grauen, bei Ford aber nur eine weitere erotische Oberfläche.

Schon in seinem Kinodebüt "A Single Man" von 2009 sah die Bohème-Welt der Sechzigerjahre in Los Angeles, die er darin porträtierte, etwas zu glattgebürstet aus. In "Nocturnal Animals" wird dieser Inszenierungsstil endgültig absurd. Auch die Hillbilly-Bande, die den letzten White Trash aus dem amerikanischen Hinterland darstellen soll, sieht aus wie verzogene Westküstenmodels in 1000-Dollar-Jeansjacken, die gerade vom Fitnessstudio zum Zähnebleachen joggen.

Dieser Hochglanz-Bazillus scheint gerade umzugehen in Hollywood. Kürzlich startete der Thriller "The Neon Demon" von Nicolas Winding Refn. Darin wollte der Regisseur eigentlich die bösen Untiefen der amerikanischen Model-Industrie zeigen, war wohl allerdings von der Spitzenunterwäsche seiner 18-jährigen Hauptdarstellerin Elle Fanning ein bisschen abgelenkt, weshalb er den angekündigten Abgrund hinter der Fassade leider vergaß. Genauso ist "Nocturnal Animals" weniger ein Film über den Voyeurismus der Zuschauer geworden als über die glatt gebügelten Obsessionen seines Schöpfers.

Nocturnal Animals, USA 2016 - Regie, Buch: Tom Ford. Kamera: Seamus McGarvey. Mit: Amy Adams, Jake Gyllenhaal, Isla Fisher, Ellie Bamber, Michael Shannon, Aaron Taylor-Johnson, Armie Hammer. Universal, 117 Minuten.

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