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Nobelpreis für Literatur:Die Chronistin der Menschen

Swetlana Alexijewitsch ist eine Chronistin der Zeitgeschichte und eine schreibende Ikone der Freiheit. Für ihr mutiges Werk erhält die weißrussische Autorin die höchste literarische Auszeichnung dieser Welt.

Im September 1992 warf sich Timerjan Sinatow, ein Veteran des Zweiten Weltkriegs, im weißrussischen Brest vor einen Zug. Er wurde 77 Jahre alt. Als Rotarmist hatte Sinatow die Brester Festung gegen die Wehrmacht verteidigt. Er wurde schwer verletzt, floh aus zwei deutschen Konzentrationslagern, zog als Bauarbeiter durch die Sowjetunion und verbrachte seinen Lebensabend als bettelarmer Rentner in Sibirien. In seinem Abschiedsbrief schrieb er: "Wäre ich damals im Krieg an meinen Wunden gestorben, hätte ich gewusst: Ich sterbe für die Heimat. Nun aber sterbe ich an diesem Hundeleben. Schreibt das ruhig auf meinen Grabstein."

Den Helden der Brester Festung wurden in der Sowjetunion Romane und Filme gewidmet, auch dieses Schicksal böte Stoff für eine epische Erzählung. Die weißrussische Autorin Swetlana Alexijewitsch, die nun in ihrem 68. Lebensjahr mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet wurde, hat aus Sinatows Tragödie keinen Roman gemacht. Sie erzählt dieses Leben auf siebzehn Seiten in ihrem jüngsten Buch "Secondhand-Zeit - Leben auf den Trümmern des Sozialismus" (2013). Sie lässt Sinatows Witwe und andere Veteranen zu Wort kommen, hält sich als Autorin zurück; im gleichen Buch finden sich neunzehn weitere postsowjetische Schicksale. Wie alle Bücher Alexijewitschs ist dieses kein belletristisches Werk.

Ihre Arbeit vergleicht sie mit der eines Musikers, der aus Klängen sein Werk komponiert

Alexijewitsch erfindet keine Charaktere und keine Handlungen. Sie schreibt dokumentarische Prosa, spricht mit Menschen, die etwas erlebt, meistens etwas überlebt haben, und protokolliert diese Gespräche. Ihre Themen sind die Abgründe des 20. Jahrhunderts, der Zweite Weltkrieg, der sowjetische Krieg in Afghanistan, die Atomkatastrophe von Tschernobyl, das postsowjetische Chaos. Manches Gespräch gibt Alexijewitsch wortwörtlich wider, vieles kürzt sie. "Manchmal bleiben von hundert Seiten vier Sätze übrig", sagt sie. Alexijewitsch vergleicht ihre Arbeit mit der Arbeit eines Musikers, der erst der Welt zuhöre, dem Chaos der Klänge, um dann aus diesen Klängen sein Werk zu komponieren. Ihr Material sammelt sie journalistisch. Das Genre ihrer Literatur nennt sie: "Menschen aufschreiben". Dafür bekam sie vor zwei Jahren den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels.

Dieser Nobelpreis mutet nun so an, als hätte ein Dokumentarfilm den Oscar in der Kategorie Spielfilm gewonnen. Fans von Haruki Murakami oder Philip Roth sind vermutlich enttäuscht. Mit etwas Fantasie könnte man diese Jury-Entscheidung als eine radikale Reform des Nobelpreises verstehen. Sie mutet aber auch so an, als trüge sie eine politische Botschaft, was wirklich nichts Neues ist. Alexijewitsch werde für "ihr polyfonisches Schreiben geehrt", teilte das Nobelkomitee am Donnerstag mit, "ein Denkmal für das Leiden und den Mut in unserer Zeit".

"Die Kunst kann lügen", sagt die 1948 im westukrainischen Iwano-Frankiswk geborene Swetlana Alexijewitsch.

(Foto: Regina Schmeken)

Das Lebensthema von Swetlana Alexijewitsch ist der Sowjetmensch, mit all seinen Träumen und Albträumen, mit seiner Fähigkeit zu leiden und Leid zu verursachen, jene Menschenspezies, die einen wesentlichen Teil des 20. Jahrhunderts prägte und zuletzt mit der Wucht gekränkter Nostalgie auf die Weltbühne zurückgekehrt ist, im Donbass, auf der Krim, in Syrien. Unter Wladimir Putin fühlt sich der Homo sovieticus auffällig wohl, was einige Russen und viele Nichtrussen ängstigt. Wenn Alexijewitsch im Dezember die goldene Nobelmedaille entgegennimmt, in Abendgarderobe und mit ihrem mutig-traurigen Lächeln, könnte man das als eine Art Ohrfeige für Putin betrachten.

Es wäre allerdings schade, wenn der Nobelpreis für Literatur 2015 lediglich als eine Geste gegenüber den Leidenden und Mutigen dieser Erde in die Geschichte einginge. Diese Lesart würde das Werk von Swetlana Alexijewitsch auf eine Salve aus der publizistischen Propagandakanone reduzieren. Diese Bücher sind mehr. Sie sind auch mehr als einfühlsame, von Chronistenpflicht getriebene Erinnerungspflege. Es steckt Literatur in ihnen, mehr Literatur als etwa in den Texten von Sir Winston Churchill, dem Preisträger von 1953.

In ihrem ersten großen Werk "Der Krieg hat kein weibliches Gesicht" schrieb Alexijewitsch Anfang der Achtzigerjahre: "Ich verstehe, dass man menschliches Weinen und Schreien nicht bearbeiten kann, sonst sind es nachher nicht mehr das Weinen und das Schreien, die wichtig sind, sondern es ist die Bearbeitung. Anstelle des Lebens bleibt Literatur. So ist dieses Material, die Temperatur dieses Materials." Alexijewitsch hatte mit sowjetischen Frauen gesprochen, die im Zweiten Weltkrieg gekämpft hatten. Sie wollte festhalten, wie sie gelitten und getötet hatten und wie ihnen nach dem Krieg der Sieg gestohlen wurde, weil Männer lieber vom Krieg der Männer sprachen.

"Ich war drei Jahre lang keine Frau", erzählt eine Kampfpilotin. "Mein Körper starb ab. Keine Tage, keine weiblichen Wünsche (. . .) Als mein künftiger Mann um meine Hand anhielt, das war bereits in Berlin, in der Nähe vom Reichstag, sagte er: Der Krieg ist vorbei. Wir leben. Lasst uns heiraten. Ich wollte losheulen. Schreien. Weglaufen. Ihn schlagen. Wie - heiraten? Jetzt - heiraten? Schau mich doch genau an. Mach erst eine Frau aus mir: Schenk mir Blumen, mach mir den Hof, sag mir schöne Worte! (. . .) Und er hatte diese verbrannte, dunkelrote Wange, und ich sah: Er hat alles verstanden, da laufen ihm Tränen diese Wange herunter."

Selbstverständlich gab es in der Sowjetunion Kriegsliteratur, also Fiktion jenseits von Propaganda, auch Erzählungen über Frauen, etwa Boris Wassiljews lakonisch liebevolles "Im Morgengrauen ist es noch still". Alexijewitschs Überzeugung, das nackte Leben sei größer, wichtiger als jede Fiktion, ist nicht gleichzusetzen mit Ablehnung von Literatur. Sie entstammt vielmehr ihrer Sorge um das Unverfälschte. "Die Kunst kann lügen", schreibt Alexijewitsch (und man möchte hinzufügen: zumal die sowjetische), "das Dokument sagt immer die Wahrheit." Genau diese Suche nach der Wahrheit, nach dem Menschen im Menschen, erweist sich paradoxerweise als zutiefst literarisch. Schließlich lebt auch gute Belletristik von Wahrheiten, die größer sind als ihre fiktionale Handlung.

Das nackte Leben ist größer, wichtiger als die Fiktion, so lautet ihre Definition von Literatur

Das handwerklich Literarische an Alexijewitschs Texten ist die Art, wie sie die Stimmen ihrer Protagonisten gegeneinander schneidet, das Dokumentarische verdichtet. Dabei erschreibt sie sich Freiheiten. Den utopischen Anspruch, die historische Realität abzubilden, relativiert diese Autorin selbst, menschliche Erinnerung dient ihr letztendlich doch als künstlerisches Mittel und nicht als zuverlässiges Zeugnis der Zeitgeschichte. "Ich schreibe nicht die trockene, nackte Geschichte des Fakts, des Ereignisses. Ich schreibe eine Geschichte der Gefühle."

Die Gefühle des Homo sovieticus kann offenbar nur jemand dokumentieren, der sich selbst zu dieser Menschenspezies zählt. Jedenfalls ist dies niemandem aus dem nichtsowjetischen Universum so gut gelungen wie Alexijewitsch. "Man erkennt uns auf Anhieb", schreibt sie in "Secondhand-Zeit". "Wir alle, die Menschen aus dem Sozialismus, ähneln einander und sind anders als andere Menschen - wir haben unsere eigenen Begriffe, unsere eigenen Vorstellungen von Gut und Böse, von Helden und Märtyrern. Wir haben ein besonderes Verhältnis zum Tod."

Alexijewitschs Vater war Weißrusse, Soldat der Roten Armee, ihre Mutter Ukrainerin. Swetlana kam in Iwanowo-Frankiwsk auf die Welt, mitten in Galizien. Geografisch stammt sie also aus einer Gegend, aus der Joseph Roth, Bruno Schulz, Paul Celan kommen, aber literarisch kommt sie aus einer völlig anderen Ecke. Sie schreibt auf Russisch, ihr Vorbild ist der weißrussische Schriftsteller Ales Adamowitsch, der das Genre der vielstimmigen dokumentarischen Prosa in der Sowjetunion etablierte.

Alexijewitsch wuchs in einem weißrussischen Dorf im Länderdreieck Weißrussland-Russland-Ukraine auf, arbeitete in Minsk bei der Zeitung Der Leuchtturm des Kommunismus und hatte es nie leicht in ihrer Heimat. Die Zensoren hielten sie für eine Nestbeschmutzerin, denn sie sprach mit Juden, die erzählten, wie sie von sowjetischen Partisanen malträtiert wurden, mit den Überlebenden von Kollaborateuren, die berichteten, warum viele Sowjetbürger bereit waren, gegen Stalin zu kämpfen, egal an wessen Seite. Weißrusslands postsowjetischer Diktator Alexander Lukaschenko ließ ihr Telefon abhören, Alexijewitsch lebte in Frankreich, Schweden, Italien, Deutschland, erst vor vier Jahren kehrte sie nach Minsk zurück. Der Nobelpreis dürfte sie nun vor allzu offensichtlichen Schikanen schützen.

Alexijewitsch kämpft weniger für Freiheit, sie denkt vielmehr über das Wesen von Freiheit nach, darüber, warum so viele mit der postsowjetischen Freiheit nicht zurechtkommen. Sie fällt keine Urteile, sondern lauscht den Tausenden Stimmen, die sie in ihren Büchern erklingen lässt. Der Homo sovieticus heute, das sind einerseits Menschen, die endlich, mit dem Rückblick der Verklärung, die kommunistische Utopie in ihren Köpfen verwirklichen dürfen. Andererseits sind es Menschen wie Alexijewitsch selbst, die den Teufelskreis aus Gewalt und Utopie verlassen wollen und die Welt doch mit sowjetischen Augen sehen.

"Der Krieg hat kein weibliches Gesicht", "Die letzten Zeugen", "Zinkjungen" (Soldaten, die in Afghanistan ums Leben kamen, wurden in Zinksärgen nach Hause geschickt), "Tschernobyl. Eine Chronik der Zukunft" (eine Schwester Alexijewitschs starb an der Verseuchung, ihre Mutter erblindete), "Secondhand-Zeit" sind alles Teile eines Zyklus, an dem Alexijewitsch vier Jahrzehnte lang gearbeitet und den sie "Stimmen einer Utopie" genannt hat. Es ist keine einfache Lektüre, es wird in einem fort gelitten, bereut, einige Seiten lesen sich wie Selbsttherapie. Alexijewitsch beschreibt keine zerrissenen Gesellschaften im postsowjetischen Raum, sondern eine kranke Schicksalsgemeinschaft zwischen Opfern und Henkern, die seit Generationen existiert und von der nicht zu erwarten ist, dass sie bald auseinanderbricht.