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Nobelpreis-Akademie:Stockholmer Roulette

Permanent Secretary of the Swedish Academy Sara Danius announces that Bob Dylan is awarded the 2016 Nobel Prize in Literature during a presser at the Swedish Academy at the Old Stockholm Stock Exchange Building in Stockholm

Frau im Fokus: Sara Danius, ständige Sekretärin der Schwedischen Akademie, verkündet am Donnerstag Bob Dylan als Literaturnobelpreisträger 2016.

(Foto: Reuters)

Arbeitet die Schwedische Akademie, die den Nobelpreis vergibt, gezielt an einer Erweiterung des Literaturbegriffs?

Von Thomas Steinfeld

Seit etwas mehr als drei Jahren ist die Literaturwissenschaftlerin Sara Danius Mitglied der Schwedischen Akademie und hat deswegen Teil an der Entscheidung, wem der Nobelpreis für Literatur zugesprochen wird. Seit gut einem Jahr ist sie die Sprecherin dieses Gremiums. Bevor man sich darüber wundert, dass in diesem Jahr Bob Dylan die Auszeichnung erhalten wird (die Preisverleihung ist traditionell am 10. Dezember), sollte man einen Blick in ihre Veröffentlichungen werfen: in ihre Dissertation aus dem Jahr 1997 etwa, die davon handelt, welche Bedeutung technische Neuerungen - Grammophone oder Automobile zum Beispiel - in Thomas Manns "Zauberberg" oder in Marcel Prousts "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" spielen.

Oder in das Buch "Eine Nase für Neuigkeiten" (2008), das Sara Danius zusammen mit Hanns Zischler schrieb und das dem jungen James Joyce gewidmet ist, dem Kinogänger und Zeitungsleser. Einem großen, weit über literarische Verhältnisse hinausreichenden schwedischen Publikum wurde sie bekannt, als sie vor einigen Jahren in einer großen Tageszeitung einen Essay mit dem Titel "Der Tod der Hausfrau" veröffentlichte: Darin entwickelte sie aus den diversen Auflagen des beliebtesten schwedischen Kochbuchs eine Kulturgeschichte der vergangenen fünfzig Jahre.

Die Schwedische Akademie hat immer wieder seltsame Entscheidungen getroffen. Die meisten gehen erkennbar auf den Einfluss einzelner Mitglieder zurück. Ohne den Lyriker Lars Forsell, einen Liebhaber des Vaudevilles und der leichten Unterhaltung, hätte der gerade verstorbene italienische Komiker Dario Fo kaum den Nobelpreis des Jahres 1997 erhalten. Und als der weithin unbekannte chinesische Erzähler Gao Xingjian im Jahr 2000 die Auszeichnung zugesprochen bekam, kam schnell und offenbar begründet der Verdacht auf, sein schwedischer Übersetzer, der Sinologe Göran Malmquist, habe großen Einfluss auf die Entscheidung ausgeübt.

Die Zeiten, in denen eine literaturpolitische Bohème über den Nobelpreis herrschte (so beschrieb es einmal der Arzt, Lyriker und Romancier Lars Gyllensten, von 1987 bis 1993 Sprecher der Akademie), sind indes vorüber. Die Entscheidungen des Jahres 2015 und 2016 wirken demgegenüber programmatisch, im Sinne einer Erweiterung des Literaturbegriffs: in Richtung Journalismus und Reportage bei Swetlana Alexijewitsch, hin zu den "lyrics" (im Unterschied zu "Lyrik") im Fall von Bob Dylan.

Vorbereitet wurde diese Wandlung durch eine Reihe von Neubesetzungen in der Akademie. Horace Engdahl, Sprecher der Akademie in den Jahren 1999 bis 2009, mag seiner Herkunft nach noch ein poststrukturalistischer Theoretiker sein - in der Akademie wirkte er, ausweislich seiner literarhistorischen Veröffentlichungen, offenbar eher als Traditionalist. Berühmt wurde seine Erklärung aus dem Jahr 2008, die amerikanische Literatur spiele in der Schwedischen Akademie keine Rolle, denn sie sei "zu isoliert, zu insulär", schon weil sie allzu wenig von der Literatur anderer Weltgegenden wisse. Von anderem Charakter hingegen war sein Nachfolger Peter Englund. Die Unbefangenheit, mit der dieser Historiker mit Literatur umgeht, geht wohl nicht zuletzt auf seine Vergangenheit als Journalist und Kriegsberichterstatter zurück. Auch seine historischen Sachbücher zeugen von diesem Einfluss - und von einem gründlichen Umgang mit der Mentalitätsgeschichte, bei der es ja ebenfalls darum geht, den Anteil des Alltäglichen und Profanen an den großen Ereignissen der Geschichte angemessen zu würdigen.

Und schließlich unterhalten auch die beiden jüngsten Neubesetzungen innerhalb der Akademie ein inniges Verhältnis zur populären Kultur: der Schriftsteller und Drehbuchautor Klas Östergren, der mit dem Boxerroman "Gentlemen" (1980) berühmt wurde, und die Autorin Sara Stridsberg, zu deren Werk nicht nur eine Romanfantasie zu Valerie Solanas gehört, der Frau, die Andy Warhol zu erschießen versuchte, sondern die überhaupt ein intensives Verhältnis zu einer spezifisch amerikanischen Prominenz zu unterhalten scheint.

So gründlich vollzieht sich offenbar gegenwärtig eine Neuorientierung der Akademie, dass sich Horace Engdahl im Frühjahr dieses Jahres für das schwedische Fernsehen auf eine "Bildungsreise" begab, zusammen mit der Cartoonistin Liv Strömquist. Als die beiden ungleichen Reisenden Recanati erreichten, die kleine Stadt in den italienischen Marken, in der ein zuweilen etwas schwermütiger Dichter namens Giacomo Leopardi aufgewachsen war, erklärte die Zeichnerin, einen solchen Menschen würde man wohl heute für eine beschwerliche Figur halten. Horace Engdahl widersprach nicht.

Doch man mache sich nichts vor: Die Entscheidung, einen Autor mit dem Nobelpreis für Literatur auszuzeichnen, gründet nicht nur auf einem literarischen Urteil. Moral und Proporz spielen eine mindestens gleichermaßen große Rolle. So mag es sein, dass im kommenden Jahr wieder eine ganz und gar konventionelle Entscheidung gefällt wird, für Marilynne Robinson zum Beispiel oder für Peter Handke. Trotzdem ist nicht zu übersehen, dass die Akademie derzeit nach neuen Kriterien urteilt. Vielleicht hatte es ja einen höheren Sinn, dass Sara Danius auch eine Ausbildung zum Croupier besitzt.

© SZ vom 14.10.2016

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