'"Nightcrawler" im Kino Geschickte Distanzierung vom Pathos einer Erfolgsgeschichte

Auf der Treppe sind Blutspuren, aber natürlich filmt der "Nightcrawler" weiter.

(Foto: Concorde Film)

Bald heuert Louis einen Beifahrer an, der für ihn navigiert, bald hat er eine bessere Kamera und ein viel schnelleres Auto, und beim Verhandeln mit der Fernsehproduzentin Nina, die seine Bilder kauft und doppelt so alt ist wie er (Rene Russo, in einem tollen und mutigen Wiedereinstieg ins Filmgeschäft), wird er erst beruflich und dann auch privat immer härter. "Ich lerne schnell", sagt er zu ihr. Was ausnahmsweise die reine Wahrheit ist.

In der Art, wie "Nightcrawler" die Sensationsgier und Doppelmoral des amerikanischen Lokalfernsehens überspitzt, ist der Film eine moralisch angehauchte Mediensatire. "Stell dir den Aufmacher als eine schreiende Frau vor, die mit durchschnittener Kehle die Straße herunterläuft", sagt Nina einmal zu Louis, völlig im Ernst. Solche Medienkritik gibt es allerdings im Dutzend billiger, das ist hier noch nicht der Kern der Sache.

In der Art, wie Louis ständig Erfolgsformeln aufsagt, die er auf Webseiten zur perfekten Unternehmensführung oder in Selbsthilfe-Ratgebern studiert hat, distanziert sich der Film auch geschickt vom Pathos einer Erfolgsgeschichte. Dieser gelehrige Schüler des amerikanischen Traums, der sich als völliger Soziopath entpuppt, nimmt all das Gerede vom Bessersein, vom Gasgeben, vom Dranbleiben nämlich tödlich ernst. Und einem Konkurrenten, der dem eigenen Geschäft zu sehr schadet, schneidet er dann kurzerhand die Bremsschläuche durch.

Auch das ist wichtig, aber es ist noch nicht der entscheidende Moment. Der kommt in jener Nacht, als ein Hilferuf aus dem Funkgerät quäkt und Louis sogar vor den Polizeistreifen am Tatort ist. Drinnen in der Villa wird noch geschossen, doch der Bilderjäger hockt schon im Gebüsch. Er filmt, wie die Täter herauskommen und davonfahren. Dann geht er, die Kamera auf der Schulter, selbst da rein - ohne eine Sekunde des Zögerns.

Eine Macht, viel älter als das Kino

Das ist der Augenblick der Wahrheit, auch für uns Zuschauer. Wir sind dabei, mit seinen Augen. Aber wollen wir ihn, innerlich, aufhalten? Rufen wir ihm zu, die Kamera abzuschalten und den verschiedenen Opfern zu helfen, die gerade ihr Leben ausröcheln? Diese Bilder werden Louis' Durchbruch sein, sie werden ihn in eine völlig andere Liga katapultieren - das spüren wir hier so unmittelbar wie das Pochen seines Herzschlags.

Und die Wette gilt: Welcher Zuschauer wird, wenn er sich überhaupt in diesen Film wagt, hier innerlich "Stop" rufen? Wird nicht mitfiebern, mitjagen, mitglotzen, wird diesem dunklen Sog widerstehen, statt sich ihm lustvoll hinzugeben? Die Macht des Kinos und der Bilder ist groß, und sie zieht den Betrachter hier genau in die andere Richtung.

Eine Richtung allerdings, die niemandem ganz fremd sein dürfte. Was ist es denn, das uns langsamer fahren und angestrengt spähen lässt, wenn am Rand der Autobahn Blaulicht leuchtet und Blut geflossen ist? Es ist dieselbe Macht, viel älter als das Kino, die das Publikum früher zu den Richtplätzen und Scheiterhaufen trieb.

Alles Reden über Mediengewalt und Paparazzi-Wahnsinn hat diesen blinden Fleck der Selbsttäuschung. Denn wo wären diese Bilder, wenn niemand sie will? Und wer will sie überhaupt? Natürlich immer die anderen. Das Tolle an dem Film "Nightcrawler" ist, dass er solche einfachen Ausflüchte nicht zulässt.

Nightcrawler, USA 2014 - Regie und Buch: Dan Gilroy. Kamera: Robert Elswit. Mit Jake Gyllenhaal, Rene Russo, Riz Ahmed. Concorde, 119 Min.