Niederländische Literatur Halbmondscheinsonate

Mano Bouzamour: Samir, genannt Sam. Roman. Aus dem Niederländischen von Bettina Bach. Residenz Verlag, Salzburg 2016. 296 Seiten, 22 Euro. E-Book 14,99 Euro.

Das Spitzbuben-Märchen "Samir, genannt Sam" war in den Niederlanden ein großer Erfolg. Der Autor Mano Bouzamour entstammt wie der Held einer aus Marokko eingewanderten Familie. Seine Räuberpistole ist zu schön, um wahr zu sein. Aber das spricht nicht gegen sie.

Von Till Briegleb

Bloß nicht Opfer sein! Das ist der Grundton dieses erwachsenen Jugendromans aus dem Amsterdamer Viertel De Pijp, wo viele Familien marokkanischer Einwanderer wohnen. Hier lebt auch Sam, der seinen großen Bruder für dessen scheinbar unantastbare Coolness anhimmelt. Der arbeitet in einem Sushi-Imbiss, trägt aber eine goldene Rolex Submariner und setzt sich als Gauner mit gutem Herz erfolgreich dafür ein, dass Sam die aufstiegsrelevante Gymnasialbildung an einer Schule des Guteleutviertels erhält. Bis der Leitwolf des Kleinen nach dem Überfall auf einen Geldtransporter zu sechs Jahren Zuchthaus verurteilt wird und sein Welpe sich allein beweisen muss.

Dass dieses Spitzbuben-Märchen in Holland ein Riesenerfolg wurde, um dessen Filmrechte hoch gepokert wurde, liegt nicht zuletzt an der Behauptung, es sei autobiografisch und somit vorbildhaft. Der schlagende Beweis für die Authentizität der Integrationsnovelle ist das Happy End: Wie der Autor Mano Bouzamour wird auch sein Protagonist "Samir, genannt Sam" trotz denkbar ungünstiger Familienkonstellation ein bewunderter Klaviervirtuose.

Tatsächlich verneint Bouzamours Alter Ego derartig konsequent alle Vorurteile, die man über migrantische Milieus hegen mag, dass es an ein Wunder grenzt. Der Sohn gläubiger Muslime, die nicht lesen und schreiben können, sucht sich ausgerechnet Anne Frank als Leitstern, wehrt sich gegen jede Form von Antisemitismus in seiner muslimischen Gang und sucht sich als Schulfreund den wohlhabenden, aber stotternden Juden Ei-Ei-Eisbrand Paars aus. Sam kommt mit den blasierten Zöglingen der Amsterdamer Oberschicht überwiegend bestens zurecht und führt ohne elterlichen Kreditkartenservice eine Dreiecksbeziehung mit den schärfsten Töchtern dieses Supershopping-Milieus. Bei dieser Konstruktion eines Ideal-Migranten ist man froh, dass Sams "Paradies" wenigstens ein haschverqualmtes Jugendzentrum sprücheklopfender Kleinkrimineller ist, die statt Anne Frank Pornos lesen, mit Dartpfeilen auf Geert Wilders Konterfei werfen und lieber Controller für Ballerspiele im Stakkato drücken als weiße und schwarze Tasten.

Aber zieht man mal ab, dass diese Räuberpistole mit Bachbegleitung entschieden zu schön ist, um wahr zu sein, dann bekommt die flott erzählte Botschaft ihres Autors eben doch etwas sehr Ermutigendes. Samir ist eine sympathische Trotzgestalt, ein einsamer Volksheld. Sein souveräner Umgang mit versteckten Rassismen und den Feindbildern der importierten Maghreb-Kultur, die Seelenruhe, mit der dieser Teenie fast immer die richtigen Entscheidungen fällt und sich nur spielerisch mit den Frustreaktionen marginalisierter Migrantenkinder befasst, das taugt für einen Traum von Gleichberechtigung. Wenn dabei die deprimierende Realität typischer Schicksale der zweiten und dritten Generation von Einwanderern ein wenig zu kurz kommt, dann verzeiht man es dieser Eulenspiegelei schnell und gerne. Denn in einem politisch vergifteten Klima mögen schöne Lügen heilender sein als traurige Wahrheiten.