Kunst:Neugeburt der Toleranz

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Nackte Figuren auf dem "Liebeshügel": Nicole Eisenmans "Sketch for a Fountain" wurde von der Bürgerinitiative "Dein Brunnen für Münster" zurückgeholt. (Foto: Lino Mirgeler/picture alliance/dpa)

In Bielefeld wird das malerische Werk der US-Künstlerin Nicole Eisenman gezeigt. Derweil hat sich eine Bürgerinitiative in Münster den Brunnen zurückerkämpft, den Eisenman für die "Skulptur Projekte" geschaffen hat und der damals fast zerstört wurde .

Von Till Briegleb

Drei Tage nach der feierlichen Wiedereröffnung sind die liegenden Figuren von Nicole Eisenmans Brunnen für Münster schon wieder übersät mit Fußspuren. Über und über ziert brauner Matsch aus der sumpfigen Wiese an der Kreuzschanze die weißen Riesen an der kleinen Wasserfläche. Aber vermutlich wurden sie diesmal nicht erzeugt von Springerstiefeln, sondern durch Kinderschuhe. Als verlässliches Indiz für die neuen Täterinnen und Täter liegt neben einer der Figuren noch ein Schnuller im Gras. Also nur Lebensfreude, kein neuerlicher Fall von Vandalismus, wie er das Kunstwerk für das Festival "Skulptur Projekte" 2017 international bekannt machte. Damals wurde erst ein Kopf der fünf Rastenden abgesägt, ein anderer zertreten. Später verunstalteten ein Hakenkreuz und homophobe Zeichen das bei Bürgern und Gästen beliebte Ensemble.

Wobei Vandalismus gerade für diesen Fall eigentlich ein unpassender Begriff ist. Denn die Vandalen waren die meiste Zeit ihrer historisch bekannten Existenz auf der Flucht. Von den Hunnen, den Römern, den Franken vertrieben, landete dieser germanische Volksstamm aus dem Gebiet des heutigen Polen schließlich in Karthago, von wo aus die blonden Afrikaner 455 Rom angriffen und systematisch plünderten. Wenn der heutige Begriff des "Vandalismus" nicht an Letzteres erinnern würde, sondern an den lang dauernden Kampf ständiger Vertreibung, der davor lag, dann wäre das Kunstwerk "Sketch of a Fountain" ein Ausdruck von Vandalismus, nicht dessen Opfer.

Der Ort, an dem der Brunnen platziert wurde, war nicht zufällig gewählt

Denn die fünf ruhenden Wesen in unterschiedlichen Posen der Erschöpfung, die von der New Yorker Künstlerin für das alle zehn Jahre stattfindende Festival für Kunst im öffentlichen Raum entworfen wurden, erzählen selbst von Flucht, von Identitäts- und Heimatsuche, von der Sehnsucht nach Glück und Gemeinsamkeit. Das Schicksal ihrer jüdischen Familie, die vor den Nazis fliehen musste, gehörte laut Eisenman zur subtilen Motivation für den Entwurf von der Rast an der Wasserstelle. Aber auch die Akte der Ablehnung, gegen die eine lesbische Künstlerin kämpfen muss, beeinflussten die Gestaltung. Nicht zufällig war der Brunnen auf einer Grünfläche mit dem Spitznamen "Liebeshügel" platziert worden, die als Treffpunkt schwuler Männer gilt, und wo ein Denkmal der Autorin Annette von Droste-Hülshoff steht, die vermutlich lesbisch war.

Durch diese Umstände und die Tatsache, dass die übergroßen nackten Figuren zwar deutlich sekundäre Geschlechtsmerkmale tragen, aber dennoch nicht eindeutig dem Weiblichen oder Männlichen zugeschlagen werden können, wurde der Figurenbrunnen zu einem Statement zur Gender-Debatte, in die Nicole Eisenman seit langer Zeit so tief involviert ist, dass sie inzwischen das Pronomen "they" statt "she" für sich einfordert. Und deshalb fanden die Zerstörungen von 2017 auch so große mediale Aufmerksamkeit. Anders als bei den unzähligen Verunstaltungen von Kunst im Stadtraum, die aus jugendlicher Hormonstau-Entladung geschehen, war die mehrmalige Beschädigung des Eisenman-Brunnens offensichtlich im Geist der Intoleranz durchgeführt worden.

In Bielefeld wird derzeit die erste Retrospektive von Eisenmans Werken gezeigt

Das löste bei einigen Bürgerinnen und Bürgern dieser westfälischen Studenten- und Verwaltungsstadt einen solchen Schock aus, dass sie als Bürgerinitiative vier Jahr energisch dafür kämpften, die freundlichen Wasserspeier mit Bierdose und Schnecke auf der Schulter zurückzubekommen - die wie alle Kunstwerke der "Skulptur Projekte" nach Ende des Festivals abgebaut worden waren. Bei rund 10 000 Spendern und 150 Firmen sammelte die Initiative rund 600 000 Euro und konnte mit Zuschüssen von Stadt und Land schließlich auch die restlichen 100 000 Euro aufbringen, um den Eisenman-Brunnen in einer unzerstörbaren Version wiederaufzustellen - was am Samstag groß mit Bier, Reden, Trommel-Umzug und Kindern am ursprünglichen Platz gefeiert wurde.

Parallel zu der Neugeburt der Toleranz im plastischen Jungbrunnen zeigt im 70 Kilometer entfernten Bielefeld die dortige Kunsthalle die erste Retrospektive von Eisenmans malerischem Werk in Europa. Die stilistisch enorm vielfältige Künstlerin lässt sich tatsächlich weniger durch ästhetische Eigenarten identifizieren als durch eine spezielle Form des Kommentierens von Konflikten mit Traummotiven. In den 25 Jahren ihrer Aneignung von Malstilen hat Eisenman sich sowohl beim Renaissance-Porträt wie beim Underground-Comic, bei der pseudo-naiven Darstellung eines Henri Rousseau wie beim Altarbild, an den Schreckensmotiven von Goya, Munch und Dix wie an den Gesellschaftskarikaturen von George Grosz oder James Ensor orientiert - um damit die Vielfalt der Perspektiven aufzuzeigen, die ein empfindsamer Mensch bei der Auseinandersetzung mit Liebe und Gewalt in der amerikanischen Gesellschaft erlernen muss, um nicht zu verzweifeln.

Dieser Kampf der individuellen Behauptung ist das durchgängige Motiv von Nicole Eisenmans narrativer und figürlicher Malerei, wie es die Schau "Köpfe, Küsse, Kämpfe" zeigt. Von großformatigen Kompositionen bis zu Zeichnungen erfindet Eisenman Menschenbilder in surrealen Welten voller symbolischer Verweise. Auch hier zählt das Verwischen von Geschlechterzuweisungen zu einem wiederkehrenden Motiv, aber auch die Sehnsucht nach gelassener Selbstverständlichkeit. Gewalt und Zerstörung, sei es durch Aggression, Vergiftung der Umwelt oder metaphysische Kräfte, paaren sich auf ihren Gemälden mit sinnlichen Badeszenen, komischen Einfällen und Szenen der Ruhe.

Zwei Panoramagemälde von 2006 über wirklichen und vorgestellten Fortschritt erzählen in Dutzenden Szenen von menschlicher Schöpfungskraft seit der Entdeckung des Feuers. In dem Doppelmotiv "Mining" mischt sich ein nacktes Arkadien mit Schwerstarbeit, um Berge von Farbe aus der Erde zu holen. In ihren Biergartenszenen vereinen sich Lust und Aggression zu einem Abbild der Gesellschaft in ihrer Trinkkultur. Und selbst innerhalb einer Motivgruppe verwendet Nicole Eisenman verschiedene Epochenstile, zitiert Manet, Modigliani oder Maria Lassnig, um zu zeigen, dass die Homogenisierung der Welt durch einen Malstil nur die Verzerrung der Wirklichkeit ergeben kann. Eisenmans Vandalismus an der Welt ist eben getragen vom Wunsch nach vielfältigem Glück. Und das verstehen auch tobende Kinder in Münster sofort.

Köpfe, Küsse, Kämpfe. Nicole Eisenman und die Modernen. Kunsthalle Bielefeld, bis 9. Januar 2022.

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