Poussin-Ausstellung in London und Los Angeles:Das Lächeln der Venus

Lesezeit: 3 min

Poussin-Ausstellung in London und Los Angeles: Nicolas Poussin: "Der Triumph des Pan" von 1636 (Ausschnitt).

Nicolas Poussin: "Der Triumph des Pan" von 1636 (Ausschnitt).

(Foto: The National Gallery, London)

Das Schwere versteckte er in der Fröhlichkeit: Eine Ausstellung über den Tanz entdeckt den klassischen Maler Nicolas Poussin ganz neu.

Von Alexander Menden

Ein Lächeln überzeugend zu malen, ist mindestens so schwierig, wie ein Lächeln vorzutäuschen, wenn einem nicht danach zumute ist. In beiden Fällen gerät das Entblößen der Zähne leicht zum Fletschen. Eine der schönsten Entdeckungen der Ausstellung "Poussin und der Tanz" in der Londoner National Gallery sind daher die lächelnden Antlitze, die den Besucher von den Gemälden herab anblicken. Sei es das Grinsen der weiblichen Zentauren, die in "Triumph des Bacchus" den Wagen des Weingottes ziehen, sei es die enigmatische Fröhlichkeit der Tänzerinnen im "Tanz zur Musik der Zeit" oder das in sich ruhende Lächeln der Venus in "Triumph des Neptun und der Amphitrite". Man könnte meinen, Nicolas Poussin sei der heiterste Barockmaler überhaupt gewesen.

Der neben Claude Lorrain wohl bedeutendste französische Maler des 17. Jahrhunderts war Poussin gewiss. König Ludwig XIV. ernannte ihn sogar offiziell zum "Ersten Maler Frankreichs". Und wie von Lorrain wurden seine Werke in Großbritannien fleißig gesammelt, sodass die National Gallery nach dem Louvre den zweitgrößten Bestand an Poussins überhaupt vorweisen kann. Als heiter oder entspannt gilt der Klassizist unter den Barockkünstlern, der einen Großteil seines Lebens in Italien verbrachte, aber keineswegs. Mit ihm verbindet man eine vom Antikenstudium geprägte, statueske Ernsthaftigkeit, eine - in von Tizian beeinflusste, pastose Farbigkeit gefasste - Intellektualisierung seiner mythologischen Sujets.

Die Ausstellung bringt tatsächlich einen anderen Poussin zum Vorschein

Deshalb ist der Ansatz bemerkenswert, den die National Gallery für ihre erste monografische Schau dieses Künstlers seit gut einem Vierteljahrhundert gewählt hat, die im Februar nach Los Angeles weiterreisen wird: Emily Beeny und Francesca Whitlum-Cooper haben sich auf die Darstellung des Tanzes in seinem Werk konzentriert und dabei tatsächlich einen anderen, einen weit weniger marmornen Poussin zum Vorschein gebracht. Dabei stellt sich heraus, dass er bei seinen bacchantischen, überraschend gewagten Szenen nicht etwa nach dem Leben malte. Während seines ersten Aufenthalts in Rom von 1624 bis 1637 rezipierte er vor allem die Eleganz antiker Skulpturen. Die fünf Frauen, Hand in Hand aufgereiht vor korinthischen Pilastern, auf dem als "Borghese-Tänzerinnen" berühmten römischen Marmorrelief müssen einen besonderen Eindruck auf ihn gemacht haben.

Poussin-Ausstellung in London und Los Angeles: Nicolas Poussin: "Bacchanalisches Fest vor einer Herme" von 1632 (Ausschnitt).

Nicolas Poussin: "Bacchanalisches Fest vor einer Herme" von 1632 (Ausschnitt).

(Foto: The National Gallery, London)

Die Leihgabe des Louvre Seite an Seite mit dem "Bacchanalischen Fest vor einer Herme" (1632) zu sehen, eröffnet die Möglichkeit, den direkten Einfluss dieser gleichzeitig gelösten und vollständig ästhetisch durchstrukturierten Szene auf sein Werk zu studieren. Eine Nymphe presst im Reigen eine Faustvoll Trauben in eine Schale, die ein speckfaltiger Putto ihr hinhält. Ein Satyr kniet über einer - offenkundig keineswegs abgeneigten - anderen Nymphe, eine weitere schwingt einen bronzenen Weinkrug. Die ganze Szene besteht aus mythischen, orgiastisch umhergleitenden Gestalten vor einer - wiederum breit grinsenden - Herme Pans. Das Sinistre wird hier nur gestreift, im Vordergrund steht fröhliches Loslassen im Rausch.

Poussin-Ausstellung in London und Los Angeles: Nicolas Poussin: "Die Anbetung des Goldenen Kalbes", 1633/34 (Ausschnitt).

Nicolas Poussin: "Die Anbetung des Goldenen Kalbes", 1633/34 (Ausschnitt).

(Foto: The National Gallery, London)

Tatsächlich ist der einzige Tanz, der bedrohlich wirkt, jener der Israeliten vor dem Goldenen Kalb, eins der Hauptwerke aus der National-Gallery-Sammlung. Vor zehn Jahren von einem Besucher mit roter Sprühfarbe beschädigt, leuchtet es nun in all seiner restaurierten Farbigkeit. Die Muskeln der Taumelnden schwellen in apokalyptischem Licht, während Moses im Hintergrund wutentbrannt seine Gesetzestafeln erhebt, um sie zu zerschmettern. Eine Frau in Weiß streut Blüten - mit dem gleichen Gestus, mit dem eben noch eine Nymphe den Traubensaft ausgepresst hatte. Diese Übertragung des antiken arkadischen Ideals auf die biblische Szene ist erstaunlich, und erstaunlich effektvoll: Die heidnische Ausgelassenheit bekommt eine sündhafte Wendung.

Die Apotheose der Symbolkraft eleganter Choreografie ist der "Tanz zur Musik der Zeit" (1633/36), eine extrem seltene Leihgabe der Wallace Collection, die als ein Höhepunkt im letzten Raum gezeigt wird. Auftraggeber war Giulio Rospigliosi, später Papst Clemens IX., zum Zeitpunkt der Schaffung des Werkes aber Sekretär der vatikanischen Ritenkongregation. Ein Liturgiefachmann also, dem die Bedeutung jeder Geste bewusst war und der Poussin die Bildsprache gleichsam in den Pinsel diktierte.

Poussin-Ausstellung in London und Los Angeles: Nicolas Poussin: "Tanz zur Musik der Zeit", etwa 1633 - 1636 (Ausschnitt).

Nicolas Poussin: "Tanz zur Musik der Zeit", etwa 1633 - 1636 (Ausschnitt).

(Foto: The Trustees of the Wallace Collection)

In einer Heidelandschaft bilden vier Tänzerinnen einen Reigen, Hand in Hand, den Rücken einander zugewandt. Die Tänzerin links richtet den Blick direkt auf die Betrachter, lächelnd. Rechts sitzt ein geflügelter nackter Greis mit sardonischem Gesichtsausdruck, der in die Harfe greift - die Inkarnation der Zeit. Diese Zeit verrinnt, der Tanz wird zum ziellosen Kreisen der irdischen Existenz um das unvermeidliche Ende.

Dass selbst diese Vanitas-Darstellung leicht gerät, dass dieser Tanz ein fröhlicher bleibt, kein manischer oder trauriger wird, ist nicht nur Ausweis der Meisterschaft Poussins, sondern belegt auch, wie klug das Thema dieser erhellenden Schau gewählt, wie überzeugend es präsentiert ist.

Poussin und der Tanz in der National Gallery, London, noch bis 2. Januar 2022, vom 15. Februar bis 8. Mai im J. Paul Getty Museum, Los Angeles. nationalgallery.org.uk; Katalog 20 Pfund.

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