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Kolumne "Nichts neues":Kristin Dombek

Nichts Neues

Einen der meistwiederholten Beziehungsmythen unserer Zeit dreht Kristin Dombek in "Die Selbstsucht der anderen" eben mal um.

(Foto: Johanna Ardoján)

Der narzisstische Boyfriend: Kristin Dombek räumt mit einem Mythos auf.

"Der Bad Boyfriend" heißt ein Kapitel in dem erstaunlichen Essayband der amerikanischen Publizistin Kristin Dombek, der 2016 auf Deutsch bei Suhrkamp erschien: "Die Selbstsucht der anderen". Es geht darin um den Typ Mann, in den sich viele Frauen mal krachend verlieben, weil alles an ihm so faszinierend und anziehend wirkt, am meisten vielleicht seine reizende Bindungsscheu. Typische Sätze beim Kennenlernen wie "Ich möchte derzeit nichts Festes" oder "Meine Freiheit ist mir sehr wichtig" werden gutwillig überhört. Zuletzt ist das Unglück groß, und die Frau liest sich wütend und verletzt durchs Internet, in dem es wimmelt von Artikeln über bindungsscheue Männer, Narzissten und wie man diese in drei Punkten erkennt etc.

Kristin Dombek fordert diese Sichtweise heraus. Sie fragt, ob es sich dabei nicht in Wahrheit um das Spiel der Frau handelt, die all ihre Liebe auf einen Mann wirft, der nicht darum bat und auch nichts von dem Spiel ahnt, in das er hineingerät, denn umgekehrt gibt es keine Websites zum Thema "Liebst du eine Frau, die die Märtyrerin gibt?". Nirgends werde ihm erklärt, dass er es mit einer Person zu tun hat, die ihn anfangs überidealisierte und all seine negativen Eigenschaften, die er nie vor ihr verbarg, ignorierte und nun als persönliche Affronts auffasst. Er hat keine Ahnung, dass die Frau ihn aufgrund ihrer Lektüre inzwischen als pathologisch ansieht, als selbstsüchtige Person ohne Fähigkeit zu Empathie.

"Sollte er sie bei ihren Recherchen ertappen - oder dabei, wie sie einfach nur dasitzt und ihn mit bebender Unterlippe schweigend betrachtet - und sie dann fragen, ob irgendetwas nicht stimme, wird sie sagen, 'Nein, alles in Ordnung!'." Es könne unheimlich sein. "Er hat nicht die leiseste Ahnung, wie viel Zeit sie damit verbringt, vor dem Computer zu hocken, PsychCentral zu lesen und ihm eine Diagnose zu stellen." Es möge ihm vorkommen, als sei in ihr eine Leere, und nichts, was er tun könnte, würde sie füllen. Keine noch so gute Absicht, kein noch so gutmütiges Handeln könnten die Version ändern, an die sie glaubt.

Und damit hat Kristin Dombek einen der meistwiederholten Beziehungsmythen unserer Zeit mal eben umgedreht und entzaubert.

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© SZ/mob
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