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Kolumne "Nichts Neues":Drink notwendig

"Sie sehen aus, als könnte ich einen Drink gebrauchen": Das Buch "Nackt" erschien 1999 auf Deutsch.

Eine Kolumne über ältere Werke , die immer noch interessant sind. Diesmal: "Nackt" von David Sedaris.

Von Johanna Adorján

Ich möchte mich festlegen. Der lustigste Satz, den ich je in einem Buch gelesen habe, steht in einer Kurzgeschichte von David Sedaris und lautet: "Sie sehen aus, als könnte ich einen Drink gebrauchen." So lautet jedenfalls die Übersetzung aus dem Amerikanischen, wie es immer so rätselhaft heißt (sprechen Amerikaner nicht mehr oder weniger Englisch?). Sie ist von Harry Rowohlt. Im Original ist der Satz aber ganz genau so lustig: "You look like I need a drink."

Der Satz steht im Buch "Nackt", das 1999 auf Deutsch erschien, eine Sammlung autobiografischer Kurzgeschichten, und die Person, die ihn sagt, ist David Sedaris' Mutter, und zwar zu einer Lehrerin, die zu ihnen nach Hause kommt, um das seltsame Verhalten des jungen David Sedaris zu besprechen. Der leidet unter Ticks, muss zwanghaft alles Mögliche ablecken, soundsovielmal berühren oder soundso oft einen bestimmten sehr hohen Ton von sich geben. Es gibt wohl in jeder Kindheit eine Phase, in der man nicht auf die Striche der Pflastersteine auf dem Gehweg treten darf (sonst würde etwas Schlimmes passieren - was eigentlich?). Beim jungen David Sedaris war es nur viel, viel extremer.

Es gelingt der Mutter, die Lehrerin mit Charme und Überzeugungskraft auf ihre Seite zu ziehen, sodass diese schließlich mit dem Gefühl geht, dass es ja wirklich nicht weiter schlimm ist, wenn einer ihrer Schüler erst jeden Lichtschalter zehnmal mit der Zungenspitze berührt, bevor er an seinen Platz geht. Die Mutter von David Sedaris ist lange tot, sie starb 1991 an Krebs. Sedaris' Leser haben viel später, in einer anderen Kurzgeschichte, erfahren, dass sie war, was man heute eine Alkoholikerin nennt, auch wenn man das damals nicht so benannte und in der Familie auch niemals aussprach. "Why aren't you laughing?" war der Titel dieser Geschichte, die 2017 im New Yorker erschien: das Porträt einer Frau, mit der jeder, der ihr begegnete, befreundet sein wollte. Ihr Gespür für Timing und Pointen muss legendär gewesen sein. Es sei denn, sie trank. Dann war sie nur noch böse. Der Satz, "Sie sehen aus, als könnte ich einen Drink gebrauchen", ist mit diesem Wissen immer noch sehr lustig. Aber nicht mehr nur.

© SZ/masc
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