Kolumne "Nichts Neues":Für immer

Georges Perec

Georges Perec

(Foto: AFP/SZ Grafik)

Der amerikanische Schriftsteller Harry Mathews erinnert an seinen Kollegen und Freund Georges Perec.

Von Johanna Adorján

Kennt jemand hier zufällig Joe Brainards serielle I-Remember-Texte? Auf die nämlich bezieht sich ein kleines Büchlein, das der amerikanische Schriftsteller Harry Mathews nach dem Tod seines Oulipo-Schriftsteller-Kollegen und engen Freundes Georges Perec schrieb, der 1982 im Alter von nur 46 Jahren an Lungenkrebs starb: "Der Obstgarten: Erinnerungen an Georges Perec". Man hat es in zehn Minuten durchgelesen (zwölf, wenn man sehr langsam liest), aber es hallt lange nach, weil die Form so genial ist.

Es sind einfach unzusammenhängende Erinnerungen des Autors an Georges Perec, alle formelhaft beginnend mit: "Ich erinnere mich". Mal sind es wichtige Ereignisse, mal banale Details, die Auswahl ist so zufällig und erratisch wie Erinnerung eben funktioniert. So erfahren wir, dass Perec braune Augen hatte, sich oft den Bart kratzte, als Beifahrer im Auto stets denselben blöden Witz machte (er kommentierte die zuschlagende Autotür mit einem gespielt gepeinigten "Aie!"). Dass die beiden geteilter Meinung waren über Tolstoi, Thomas Mann und die Peanuts aus dem Comic. Dass Perec nichts lieber aß als Baguette mit Butter. Und dass er immer mindestens eine Stunde vor Abfahrt seines Zuges am Bahnhof war.

Der Autor selbst bemerkt im bescheidenen Vorwort, dass solche Gelegenheitsnotate letztlich zu nichts führen, aber das stimmt ja nicht. Denn auf einmal erinnert man sich mit ihm an einen Menschen, den man nie kannte und hier durch den zärtlich genauen Blick eines Freundes schätzen lernt. Einmal rauchten die beiden Brahms' Requiem hörend einen Joint und kugelten dabei vor Wonne über den Teppich. Ein andermal erklärte ihm Perec, was ihm seine eben abgeschlossene Psychoanalyse gebracht habe: Wenn er die Straße hinuntergehe, um auf der Post einen Brief aufzugeben, wisse er nun, dass er die Straße hinuntergehe, um auf der Post einen Brief aufzugeben.

"Ich erinnere mich, dass Georges Perec das Skifahren liebte."

"Ich erinnere mich, dass Georges Perec sich niemals wiederholte."

"Ich erinnere mich, dass der Tod meines Vaters erträglicher wurde, weil es Georges Perec in meinem Leben gab."

Was für eine schöne Freundschaft muss das gewesen sein.

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© SZ/hert
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