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Fotograf Nicholas Nixon:Vier Schwestern, vier Jahrzehnte

Ihre Gesichter sind Zeitzeugen: Der amerikanische Fotograf Nicholas Nixon hat das Altern der vier Brown-Schwestern mit der Kamera begleitet. Vierzig Jahre lang.

Von Alex Rühle

6 Bilder

Nicholas Nixon: The Brown Sisters, New Canaan, Connecticut, 1975

Quelle: Nicholas Nixon/courtesy Fraenkel Gallery, San Francisco

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Heather, Mimi, Bebe und Laurie. Vier Leben. Vierzig Fotos. Vierzig Jahre. Dabei fing alles nur mit einem Schnappschuss an: Im August 1974 fotografierte Nicholas Nixon seine Frau Bebe und deren drei Schwestern bei einer Familienfeier. Er war nicht zufrieden mit der Aufnahme und vernichtete sie. Als die vier jungen Frauen sich im Jahr darauf zu Lauries Studienabschluss erneut trafen, bat Nixon sie, sich noch einmal gemeinsam aufzustellen. Seither wiederholen die fünf ihre Momentaufnahme jedes Jahr, ihr ganzes Leben lang.

Nicholas Nixon: The Brown Sisters, Harwichport, Massachusetts, 1978

Quelle: Nicholas Nixon/ courtesy Fraenkel Gallery, San Francisco

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Leben heißt im Licht stehen. Nixon hat alle Bilder in natürlichem Licht aufgenommen, meistens draußen. Auch ansonsten bleibt der Rahmen, in dem diese Aufnahmen stattfinden, so natürlich und konstant wie möglich. Immer stehen oder sitzen die vier Frauen in der gleichen Reihenfolge: Links außen Heather, dann Mimi, Bebe und Laurie. Nie haben die Schwestern ihre Kleidung miteinander abgesprochen. Stets wird möglichst neutral fotografiert, schwarz-weiß, frontal, mit Stativ, mit einer Großbildkamera. Und immer dürfen die Schwestern mit entscheiden, welches Bild das vergangene Jahr repräsentieren sollte.

Nicholas Nixon: The Brown Sisters, Truro, Massachusetts, 1984

Quelle: Nicholas Nixon, courtesy Fraenkel Gallery, San Francisco

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Leben heißt altern. Am Tag der ersten Aufnahme war Mimi 15, Laurie 21, Heather 23 und Bebe 25. Die vier Mädchen deckten also damals in einem Bild die große Spanne zwischen Pubertät, Schulabschluss, Auszug aus dem Elternhaus, Universität und Familiengründung ab; Bebe und Richard hatten kurz zuvor geheiratet. Auf dem jüngsten Foto aus dem Jahr 2014 sind sie alle 40 Jahre älter. Gemeinsam wurden sie durch die Zeit geschoben. Es ist natürlich dieser Aspekt, der alle Betrachter dieser Serie so fesselt. Wie es Nicholas Nixon selbst einmal formulierte: "Wir sind uns alle darüber bewusst, dass die Zeit vergeht, aber merken gar nicht, wie sie vergeht."

Nicholas Nixon: The Brown Sisters, Brookline, Massachusetts, 1999

Quelle: Nicholas Nixon/courtesy Fraenkel Gallery, San Francisco

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Leben heißt auch lieben. Anfangs blicken die vier zuweilen skeptisch in die Kamera, setzen sich manchmal als Einzelfiguren in Szene und damit auch ab von den drei anderen Schwestern. Je länger das Projekt fortdauert, desto inniger werden sie miteinander, ja sie scheinen auf einigen der späten Bilder zur Gruppe zu verschmelzen. Dabei erfährt man nichts aus dem privaten Leben der vier Frauen. Sie zeigen uns ihr Gesicht, aber geben nicht ihre Biografien preis. Gerade dadurch aber wird die Serie stark: Man sieht dem Leben bei der Arbeit zu. Und die vier Gesichter, sie werden zu Zeitzeugen. Nichts am Alterungsprozess wird dabei technisch geschönt. Falten graben sich ein, Haut erschlafft, man ahnt Krankheiten und Schicksalsschläge, und doch sind diese Bilder wunderschön. Auch weil die Schwestern zusammenrücken, als hätten sie gemeinsam auf einem Floß die Zeit überdauert und somit einen sanften Sieg errungen.

Nicholas Nixon: The Brown Sisters, Wellesley College, Massachusetts, 2006

Quelle: Nicholas Nixon, courtesy Fraenkel Gallery, San Francisco

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Leben heißt am Ende immer auch sterben. Irgendwann wird der Tod kommen. Die fünf machen bei ihren Shootings Witze darüber. Aber sie haben sich schon geeinigt, dass sie dann trotzdem weitermachen werden. Eines Tages wird Nixon nur noch drei von ihnen aufnehmen. Dann zwei. "Die Frage ist immer: Was, wenn ich selbst gehe?", sagt Nixon. "Aber ich denke, das überlegen wir, wenn es so weit ist."

Nicholas Nixon: The Brown Sisters, Wellfleet, Massachusetts, 2014

Quelle: Nicholas Nixon, courtesy Fraenkel Gallery, San Francisco

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Zum 40. Jahrestag ist anlässlich einer Ausstellung im New Yorker Museum of Modern Art (MoMA) ein Buch erschienen, aus dem wir die vier Abbildungen entnehmen ("The Brown Sisters. Forty Years". MoMA-Verlag, New York. 96 Seiten, 32,96 Euro).

© SZ vom 27.02.2015/khil/cag

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