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Netzkolumne:Fluch der gut gemeinten Idee

Anil Dash

Schwer, optimistisch zu bleiben: Anil Dash beschreibt im Magazin "The Atlantic", wie ihm seine Erfindung entglitten ist.

(Foto: Reggie Cunningham)

Warum Anil Dash, einer der Erfinder der Non-Fungible Tokens, den Hype auf dem Kunstmarkt bedauert.

Von Michael Moorstedt

In einer unwahrscheinlichen Kombination prallen seit Kurzem zwei Welten aufeinander, die eigentlich so gut wie nichts miteinander zu tun haben - die von Kryptowährungen wie Bitcoin und die des spekulativen Kunstmarktes. Die Erklärung dafür trägt die drei Buchstaben NFT. Das bedeutet Non-Fungible Token, also nicht austauschbarer Code. Mittels dieser Technik lässt sich eine digitale Datei, etwa ein Bild oder ein Video also, eindeutig kennzeichnen. Das Prinzip Unikat zieht ein in die Welt des Internets, in der sonst alles beliebig kopierbar ist.

Ist das kapitalistischer Dadaismus? Die bislang beste Verwirklichung der Hyperrealität? Bevor man überhaupt dazu kam, Fragen wie diese zu stellen, wurden sämtliche Gedankenspiele schon von der lärmenden Hype-Maschinerie übertönt. Nach Meinung einiger Vorreiter sind die Original-Dateien das Investitionsobjekt der Stunde. In großen Auktionshäusern werden die NFTs bereits versteigert. Ein Werk des Outsider-Künstlers Beeple kam für 69 Millionen US-Dollar unter den Hammer, das war bisher das Spitzenereignis. Aber auch abgesehen davon werden teilweise sechsstellige Summen für simple Bilder von Memen aufgerufen, siebenstellige für 140-Zeichen-Tweets - es finden sich immer willige Käufer. Die New York Times fasste das Phänomen folgendermaßen zusammen: "Was NFT bedeutet, ist nicht wirklich wichtig, sie sind cool, sie machen Spaß, und man kann sie teuer verkaufen!"

Die traditionelle Kunstkritik dreht angesichts solcher simplen Erklärungsmuster frei. Jerry Saltz, Star-Kritiker des New Yorker, schreibt etwa: "Im Moment ist das nur der Markt, der so dumm ist, dass er nur das kauft, was andere Leute im Markt schon gekauft haben. Es ergibt absolut Sinn, dass die Kannibalen bei Sotheby's und Christie's sich darauf stürzen, die Trottel zu bescheißen. Sie werden alle nur noch mehr zu dem, was sie schon waren - Anti-Kunst."

Die Hoffnung war, Ausbeutung durch diese Technologie verhindern zu können

Doch bevor der Mainstream überhaupt richtig Wind von der Sache bekommt, haben die Early Adopter auch schon wieder die ersten Enttäuschungen des Hypes erfahren. Abzock-Geschäftsmodelle generieren NFTs von Werken, ohne deren Urheber um Erlaubnis zu fragen, bereits gekaufte NFTs werden von Hackern gestohlen, gutgläubige Käufer werden mit Kunst-Spam zugemüllt. Links, die angeblich zu den teuer erstandenen Dateien führen, enden auf einmal im Nichts.

So war das alles nicht gedacht, schreibt Anil Dash, einer der Erfinder der Technologie, nun im Magazin The Atlantic. Als er im Jahr 2014 das Konzept zusammen mit Kollegen erdachte, ging es ihnen darum, Künstler zu schützen und ihnen im Raum der beliebigen Kopie namens Internet mehr Kontrolle über ihre Werke zu ermöglichen. Sie hatten die Hoffnung, verhindern zu können, dass die NFTs nur eine weitere "Methode zur Ausbeutung von Kreativarbeitern" würden. Dass geldgeile Opportunisten die Deutungshoheit über eine neue Technologie an sich reißen, sei kein neues Phänomen, so Dash. Den gleichen Mechanismus habe man etwa schon bei MP3s oder den frühen Blogging- und Social-Media-Diensten beobachten können. Inzwischen sei es schwer geworden, noch Optimismus für den demokratisierenden Effekt neuer Technik aufzubringen.

Dem aufgeheizten Markt sind solche stillen Einlassungen freilich recht egal. Inzwischen hat der Milliardär Elon Musk einen Song über NFTs produzieren lassen und ihn, keine Überraschung, auch als NFT veröffentlicht. "NFT für deine Eitelkeit. Computer schlafen nie. Es ist verifiziert. Es ist garantiert", heißt es dort sehr treffend. Auch künstlerischer Bestrebungen bislang gänzlich unverdächtige Unternehmen steigen in den Hype ein, verarbeiten Werbematerial für Klopapier oder Kartoffelchips zu NFTs und nennen es Kunst. Digitale Ready-Mades, könnte man mit übermenschlichem Wohlwollen meinen. Duchamp hätte seine wahre Freude. Die ganze Aufregung wirkt an sich wieder wie Aktionskunst, deren Position vor allem darin zu bestehen scheint, möglichst viel Kapital zu vernichten.

© SZ/masc
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