"News of the World": Scotland Yard Die Legende von Scotland Yard

Die Schockwirkung, die von den Korruptionsenthüllungen ausgeht, wurzelt aber weniger in der Diskrepanz zum Image, das Scotland Yard sich selbst gibt, als in seiner überaus positiv besetzten fiktionalen Parallelexistenz. Bereits in den 1840er Jahren machte sich Charles Dickens, um mit dem Kriminalhistoriker Ian Ousby zu sprechen, zum "Förderer und Sprecher des Detective Departments" der Met, indem er Scotland-Yard-Detektive in seinen Romanen auftreten und sehr gut aussehen ließ. In "Bleak House" etwa ist Inspektor Bucket, logisch, präzise und tolerant gegenüber menschlichen Schwächen, eine wichtige Figur.

Grob gesprochen verdanken wir dem Goldenen Zeitalter des britischen Krimis zwei Typen des Scotland-Yard-Beamten, an denen sich die meisten späteren Darstellungen bewusst oder unbewusst orientierten: Den einen verkörpert Arthur Conan Doyles Inspektor Lestrade, der als erster den Beinamen "of the Yard" trug. Benannt nach einem Studienfreund des Autors, ist er eine Figur, deren intellektuelle Fähigkeiten weit hinter denen von Doyles wahrem Helden Sherlock Holmes zurückbleiben. Er wird leicht ungeduldig, wenn der Privatdetektiv ihn nicht in seine genialischen Ermittlungsmethoden einweiht. Aber Lestrade ist korrekt und höflich, zeigt Mitgefühl mit den Opfern von Verbrechen, und wird von Holmes mit dem charakteristisch arroganten Kompliment bedacht, er sei noch "der beste unter den Professionellen".

Den zweiten Typ repräsentiert Inspektor Joseph French. Er wurde vom irischen Autor Freeman Wills Crofts erdacht und ist weit weniger berühmt als Lestrade. Dennoch ist er von entscheidender Bedeutung für die Entwicklung eines ganzen kriminalliterarischen Genres, des verfahrensorientierten "Police Procedural": Anders als Sherlock Holmes, der sich ganz auf seine Geisteskräfte verlässt, begreift French seine Arbeit als Handwerk. Sein Vorgehen ist langsamer, methodischer und wirkt realistischer. Ian Rankins Edinburgher Inspektor Rebus ist direkter literarischer Nachfahre Joseph Frenchs. Und sowohl Lestrade als auch French verkörpern einen Modus Operandi, für den Scotland Yard seitdem in Literatur und Film steht: maßvoll, verlässlich, unbewaffnet, bürgernah - und unbestechlich.

Bei dieser fiktionalen Überhöhung gerät leicht aus dem Blick, dass Korruption bei der Metropolitan Police eine lange Tradition hat. Im Jahre 1877, 100 Jahre vor "Operation Countryman", wurden drei Detektive vom Crime Investigation Department des großangelegten Wettbetrugs bei französischen Pferderennen überführt. Seitdem hat die symbiotische Beziehung von Teilen der Met mit der Unterwelt immer wieder zu Skandalen geführt. Notorisch ist der Fall des sogenannten "Porn Squad". Unter Detective Chief Superintendent Bill Moody beteiligte sich die Sitten-Einheit der Met rege am Handel mit pornographischem Material und der Prostitution im Rotlichtbezirk von Soho. Das Schmiergeld, das die Strip-Club-Besitzer zahlten, wurde nach Dienstgrad aufgeteilt. Erst der neue Scotland-Yard-Chef Robert Mark räumte weitgehend mit dieser Praxis auf. Er nannte das Criminal Investigation Department damals in einem internen Gespräch die "am routinemäßigsten korrupte Organisation in London".

Ob dieser Ruf die Metropolitan Police bei ihren News-of-the-World-Ermittlungen einholen wird, ist noch nicht abzusehen. John Yates stellte vergangene Woche vor dem parlamentarischen Untersuchungsausschuss jedenfalls sachlich fest: "Wir alle wissen, dass es korrupte Leute bei der Met gibt, und dass das immer so sein wird.". Dennoch wird jede Korruptionsaffäre bei der Met aufs Neue als ebenso überraschend wie niederschmetternd aufgenommen.

Die Legende "Scotland Yard" ist eben dauerhafter ist als jede schmerzliche Erfahrung. Und deshalb wird der frei erfundene, aber stets korrekte Lestrade of the Yard wohl auch dann noch das Bild der Met prägen, wenn Yates of the Yard längst wieder vergessen ist.