bedeckt München

Netzkolumne:Zugang zum Idol

Courtne Smith

New-New-Gründerin Courtne Smith war früher im Management des Rappers Drake und hat schon drei Startups gegründet.

(Foto: NewNew)

Neue Apps versprechen Fans kurze Wege zu Stars und Influencern, deren Alltag sie dann mitgestalten können.

Von Michael Moorstedt

Es gibt Menschen, von denen nicht ganz klar ist, ob sie nur ein bisschen verrückt sind, oder ob sie nicht einfach schon in der Zukunft leben. In der ausgehenden Spaßgesellschaft der Nullerjahre hörte man immer wieder von Projekten, in denen etwa angehende Schauspieler das Publikum für einen Tag ihre Handlungen bestimmen ließen. Andere versteigerten ihren Körper zu Höchstpreisen an interessierte Unternehmen und ließen sich deren Markenlogos dann unter die Haut tätowieren.

Inzwischen ist es längst zu einer anerkannten Profession geworden, das eigene Selbst auf Social-Media-Kanälen zu vermarkten. Professionelle Influencer sind es gewohnt, ihr Tun und Handeln darauf abzustimmen, wonach das Publikum verlangt. Die Fans an den Endgeräten sind schier unersättlich, und die Stars klagen bereits über Burnout-Symptome, weil sie nicht genügend Videos produzieren können. Zum Glück gibt es bereits einige Apps wie New New oder Wishbone, die Abhilfe von der Content-Krise versprechen. Etwa indem man die Fans künftig einfach in die täglichen Fragen seines Alltags mit einbezieht. Ihre Anhänger können dann darüber votieren, welchen Pulli Star A oder Promi B heute tragen soll.

Nun ist die Idee, Abstimmungen über Social Media zu schalten, nicht unbedingt neu. Ähnliche Funktionen gibt es auch auf Instagram oder Twitter. Neu ist, die Möglichkeit zur Stimmabgabe zu monetarisieren. Das bedeutet: Wer nicht löhnt, der hat auch nichts zu sagen. Letztendlich wird hier also nur mal wieder eine uralte Grundregel des Kapitalismus auf einen weiteren Aspekt des Lebens angewandt: "Wer zahlt, schafft an!"

Jede noch so kleine Handlung an die Öffentlichkeit auslagern

Man weiß nicht, ob der New-New-Gründerin Courtne Smith das alte Sprichwort geläufig ist, gewiss ist aber, dass sie auch selbst einige Weisheiten in petto hat. Sie selbst vergleicht ihre App jedenfalls mit einer Aktienbörse, auf der man Anteile erwerben kann, "um bis zu einem gewissen Maß das Leben einer anderen Person zu kontrollieren". Eine andere Plattform namens Pearpop verspricht einen noch direkteren Zugang zum Idol. Man spart sich den Umweg über die Umfrage und bestellt die gewünschte Interaktion einfach direkt. Dazu gehört etwa ein Kommentar des Stars unter dem eigenen Content oder sogar ein zusammen aufgenommenes Video. Die Social-Media-Persönlichkeiten können dafür selbst den Einstiegspreis wählen und je nach Popularität des infrage stehenden Influencers aber schon richtig tief in die Tasche greifen. Manche beginnen erst ab 1000 US-Dollar, überhaupt die Finger zu rühren.

Auf einmal sind Konzepte, die man damals noch mit gutem Willen als performative Kritik an der übertriebenen Ego-Gesellschaft interpretieren konnte, interessant für die großen Risikokapitalgesellschaften. Investoren wie Andreessen Horowitz haben bereits Anteile an New New erworben. Social-Voting nennt man das Phänomen.

Noch scheinen hauptsächlich harmlose Fragen zur Abstimmung zu stehen. Ob man mit seinen Freunden lieber Fangen oder Brennball spielen, welche Sneaker man anziehen, oder mit welchen anderen Medienpersönlichkeiten man mal ein Video aufnehmen sollte. Wer die Dynamiken der sozialen Medien aber schon eine Weile verinnerlicht hat, weiß, dass es dabei wohl nicht lange bleiben wird. Für professionelle Influencer stellt die App jedenfalls einen weiteren Weg dar, um jede noch so kleine Handlung an die Öffentlichkeit auszulagern.

Dass die vermarkteten Mikromomente zu einem Gutteil von größtmöglicher Banalität sind, scheint dabei nicht weiter bedenkenswert. "Es ist egal, wie langweilig du dir selbst erscheinst, irgendwo da draußen gibt es jemanden, der dich so interessant findet, dass er bereit ist, dafür zu bezahlen", sagt die App-Aphoristikerin Smith. Und wäre da nicht das leidige Wörtchen bezahlen, könnte man sich den Satz auch gut in einer modernen Selbsthilfe-Fibel vorstellen.

© SZ
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema