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New York:Stell dir vor es ist Prime Time und nichts passiert

Goldberg-Variationen in New York: Eine Gemeinschaftsarbeit der Künstlerin Marina Abramović und des Pianisten Igor Levit sorgt für Aufsehen - durch Ruhe.

Von Peter Richter

Eigentlich ist die Sache einfach: Der Pianist Igor Levit spielt ein Stück, das er gerade für eine Plattenproduktion erarbeitet hat, die Goldberg-Variationen von Johann Sebastian Bach. Die Künstlerin Marina Abramovič wiederum tut das, was sie zuletzt auch in ihrem Prototyp für das Marina Abramović Institute in Toronto getan hatte: Sie sammelt Telefone und Uhren ein und zwingt die Leute mal ganz ausschließlich in sich selbst hineinzuhören. Dazu bekommen sie Lärmschutzkopfhörer aufgesetzt, darunter sollen sie sich eine halbe Stunde lang sammeln, bevor in der großen Exerzierhalle der Park Avenue Armory die Musik einsetzt.

Man kann das Ergebnis dieser Zusammenarbeit aber nicht wirklich würdigen, wenn man nicht vorher ein paar Worte über die Orte verliert, in denen klassische Musik üblicherweise aufgeführt und angehört wird in dieser Stadt, und die sind ja zum Teil sehr namhaft: Die heißen Carnegie Hall nach einem Stahltycoon oder Avery Fisher Hall nach einem Gönner, der den New Yorker Philharmonikern 1973 zehn Millionen Dollar gespendet hatte, wobei die Avery Fisher Hall seit diesem Jahr genau genommen David Geffen Hall heißt, was Herrn Geffen 100 Millionen Dollar wert war, wovon angeblich ein Teil wiederum als Trost an die Nachfahren von Herrn Fisher gingen.

Beide sind überaus renommierte, allerdings auch überaus lebhafte Hallen. Die Plätze werden dort tendenziell eher erst nach Beginn der Musik eingenommen (und noch während des Schlussapplauses meist fluchtartig wieder verlassen, sodass es hier so gut wie nie zu Zugaben kommt). Mäntel streifen dabei über die Lehnen, und wenn es Körperäußerungen gibt, die den Titel besitzanzeigendes Für-Husten verdienen, dann hier: ein Husten, in das oft gleich noch ein Niesen eingeflochten ist. Das Publikum im Parkett ist überwiegend recht betagt, es hat den Laden mit seinen Spenden gekauft, und wer sich krachend bemerkbar macht, wo immer ein Pianissimo dazu einlädt, der zeigt immerhin, dass er noch lebt.

Unter Musikern ist die geschäftige Lautstärke der New Yorker weltberühmt. Aber solange das alle wissen und auch gar nicht anders erwarten, weil es natürlich sehr zum rabiaten Selbstverständnis von New York passt, ist im Prinzip alles in Ordnung. Allerdings tatsächlich nur im Prinzip. Am Ende verlangt das Selbstverständnis von klassischer Musik nämlich doch oft eher nach den Tempelfassaden, Säulen, Prunkportalen und Freitreppen, die einen aus der Alltagsgeschäftigkeit der Stadt herausheben sollen.

Bachs Werk ist bei aller Pracht und Üppigkeit ein strenges Exerzitium

Das Paradox im Musikleben New Yorks besteht darin, dass diese Effekte festlicher Erwartungsstimmung sich eher an Orten einstellen, die einmal für viel prosaischere Zwecke gebaut wurden. Die Park Avenue Armory, die einen ganzen Straßenblock in der Upper East Side einnimmt, war ein überdachter Truppenübungsplatz. Hier hat im vertäfelten Offizierskasino Igor Levit vergangenes Jahr sein gefeiertes New-York-Debüt gegeben (mit Ludwig van Beethovens letzten Klaviersonaten), und hier haben die Berliner Philharmoniker mit dem Rundfunkchor ein paar Monate später in der Exerzierhalle Peter Sellars' szenische Matthäuspassion aufgeführt. Hier lief aber eben auch "The Live and Death of Marina Abramović" in der Regie von Bob Wilson.

Vielleicht ist es an der Zeit zu sagen, dass die Armory zu dem Ort geworden ist, wo die intensivsten Aufführungen in der Stadt zu erleben sind. Vielleicht liegt das auch daran, dass der ehemalige Militärbau heute so oft als Ort für bildende Kunst genutzt wird, wo "Dauer" und "Durchstehen" vor Videos und Performances eingeübte Kategorien sind.

Nun sind die 32 Teile der Goldberg-Variationen von Johann Sebastian Bach bei all ihrer Pracht und Üppigkeit auch ein strenges Exerzitium: Fast anderthalb Stunden vergehen, bis die Aria wieder bei sich selber ankommt. Aber sie ist danach natürlich nicht mehr die Gleiche, der Hörer ist es nicht, der Pianist schon gar nicht.

Dieser erhebenden Spiralbewegung hat Abramović in der Armory nun eine Art Zeit-Passepartout vorgelegt, eine Warteschleife, deren Ende, wenn man drinsteckt, nicht abzumessen ist, weil man ja keine Uhr tragen darf und kein Telefon. Es hilft nicht allen, dass die Sitze Strandliegen sind. Einige schlafen ein. Andere winden sich vor Rückenschmerzen. Alle, da darf man sich sicher sein, lauschen unter den Schallschutzkopfhörern nur noch dem Rauschen in ihrem Kopf, während ein Flügel mit Levit dahinter langsam in die Mitte des abgedunkelten Saals gefahren kommt, was schon sehr pathetisch aussieht, aber wenn in New York mal eine halbe Stunde lang nichts passiert, zur Prime Time, dann ist ein fahrender Flügel mit wartendem Pianisten immerhin schon mal was.

Endlich erklingt ein Gong, die Kopfhörer dürfen runter, und augenblicklich brüllt einen der Raum an wie ein Wasserfall. Und hinter dem Raum die Stadt. Man meint, man höre sämtliche Krankenwagen New Yorks mit vollen Sirenen die Avenues hinunterheulen. Diese Stadt, das merkt man da mal wieder, ist gerade dann, wenn alle ganz leise sind, einfach immer und überall und unentrinnbar: laut. Dann schafft es jemand, seinen Kopfhörer exakt in dem Moment auf den Boden knallen zu lassen, in dem Levit den ersten Ton spielt. Und dann frisst das Klavier, Note für Note, den Lärm.

© SZ vom 11.12.2015
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