Theater in New York:Wie Elsa der Deportation nach Auschwitz entging

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Theater in New York: In einem Wohnzimmer in Manhattan: der Kasseler Ex-Intendant Thomas Bockelmann und die amerikanische Schauspielerin Laura Esterman.

In einem Wohnzimmer in Manhattan: der Kasseler Ex-Intendant Thomas Bockelmann und die amerikanische Schauspielerin Laura Esterman.

(Foto: Frank Hentschker)

Deutsch-amerikanisches Wohnzimmertheater: Thomas Bockelmann und Laura Esterman spielen in New York "Mutters Courage" von George Tabori.

Von Christian Zaschke

Theaterstücke, die in Wohnzimmern aufgeführt werden, sind immer ein Erlebnis. Nun ist es Thomas Bockelmann, dem langjährigen Intendanten des Staatstheaters Kassel, gelungen, das Stück "Mutters Courage" von George Tabori in einem Haus in Manhattan zur Aufführung zu bringen, das den Hollywood-Schauspielern Rip Torn und Geraldine Page gehörte. Beide tot, aber ihr Sohn Tony Torn hatte angeboten, das Haus für die Aufführungen zur Verfügung zu stellen.

Geraldine Page hat unter anderem einen Oscar und zwei Golden Globes gewonnen, Rip Torn war für einen Oscar nominiert und ist wohl am ehesten bekannt für seine Rollen in der "Larry Sanders Show" und in den "Men in Black"-Filmen.

Bockelmann hat dieses Zwei-Personen-Stück in Deutschland in den vergangenen beiden Jahrzehnten rund 150 Mal aufgeführt. In New York spielt er es nun erstmals auf Englisch und hat als Partnerin Laura Esterman gewonnen, die Taboris Mutter spielt. Das war mutig, zum einen, weil Bockelmann als Deutscher auf Englisch spielt, zum anderen, weil Esterman mit ihrer Präsenz nicht nur ein Wohnzimmer ausfüllen kann, sondern auch den Madison Square Garden. Sie ist die Art von Schauspielerin, auf die man schaut, selbst wenn sie nicht spricht.

Es geht in dem Stück darum, wie Taboris Mutter Elsa auf wundersame Weise den Nazis entkommt, obwohl sie bereits auf dem Weg nach Auschwitz ist. Und es geht auch darum, wie so viele andere nicht entkommen sind. Elsa Tabori, so erzählt es ihr Sohn, hat einem SS-Offizier erzählt, dass sie bei diesem Transport gar nicht dabei sein sollte, da sie einen Pass vom Roten Kreuz habe. Diesen habe sie allerdings gerade nicht dabei. Unglaubwürdig? Absolut. Aber ihrem Mut und ihren blauen Augen sei es zu verdanken gewesen, dass der SS-Mann sie habe gehen lassen.

Knapp 25 Zuschauer passen in das Zimmer in der Torn-Residenz. Die Idee ist, dass es sich um das Wohnzimmer von Elsa Tabori in Budapest handelt, in dem der Sohn nun sitzt, einige Jahre nach ihrem Tod, und ihre Geschichte aufgeschrieben hat. Er liest daraus vor, und die tote Mutter erscheint und kommentiert das Gelesene.

Bockelmann und Esterman hatten nicht viel Zeit zum Proben, was insofern kein Problem ist, als Bockelmann das Stück seit zwanzig Jahren spielt und mit Esterman vereinbart hat, dass sie ihn unterbrechen kann, wann immer sie will, dass sie also weniger nach Fahrplan spielen als nach Gefühl.

Estermans Timing war bei der Premiere so gut, dass vermutlich auch Bockelmann bisweilen die Luft wegblieb. Es kann auf der Bühne schwierig oder befreiend sein, mit jemandem zu spielen, der die Kunst der Schauspielerei diesen Tick besser beherrscht; für Bockelmann war es eher inspirierend. Er brauchte eine Weile, sich in die englische Version des Stückes einzufühlen, aber dank Esterman gelang es ihm zusehends besser.

Ungarisches Gulasch und Wein gab es wegen Corona dann doch nicht - seufz

Ursprünglich hatte es geheißen, dass Tony Torn nach der Vorstellung mit einem ungarischen Gulasch aufwarten werde, und Bockelmann, so hieß es auch, werde einen ungarischen Wein aussuchen. Selbstverständlich ist das Publikum nicht (nur) wegen dieser Aussicht gekommen, aber als zu Beginn der Performance angekündigt wurde, Gulasch und Wein würden wegen steigender Covid-Zahlen in New York ausfallen, hörte man einen leisen, einen kollektiven Seufzer im Auditorium.

Statt Gulasch und Wein gab es nach der Vorstellung eine Rederunde mit den Darstellern. Juliane Camfield, Leiterin des Deutschen Hauses an der New York University (es heißt tatsächlich "Deutsches Haus" und nicht German House) moderierte, und als nun allein Bockelmann und Esterman zu Beginn dieser Runde jeweils ein Glas Weißwein gereicht wurde, sagte sie, treffend: "Und ich?"

Da die Gedanken selbst im Wohnzimmer-Theater abschweifen, fragte man sich kurz, wie Geraldine Page und Rip Torn das Stück gespielt hätten, exakt hier, in ihrem eigenen Haus. Aber dieser Gedanke kam und ging, er ist unerheblich, eine Spielerei, und stattdessen war da diese Idee: Das Stück funktioniert auf der großen Bühne, und es funktioniert auf der Leinwand, der deutsche Regisseur Michael Verhoeven hat es 1994 mit George Tabori und Pauline Collins in den Hauptrollen verfilmt, Ulrich Tukur spielte den SS-Mann, der Elsa Tabori das Leben rettet.

Aber vielleicht funktioniert es tatsächlich am besten in einem Wohnzimmer, in Enge und Nähe, und nun, da Bockelmann die großartige Esterman gefunden hat: Wäre es nicht vielleicht eine gute Idee, das Stück - ja, auf Englisch - zurück in die besondere Enge und Nähe nicht eines New Yorkers, sondern eines deutschen Wohnzimmers zu transferieren?

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