20 Jahre nach den Anschlägen: 9/11 und die Musik:Sound der Stadt

MCCARTNEY

Paul McCartney gemeinsam mit Rettungskräften beim "Concert for New York" am 20. Oktober 2001 im Madison Square Garden.

(Foto: BETH A. KEISER/AP)

Trauer, Erinnerung oder Wut? Wie Musiker nach den Anschlägen vom 11. September nach dem richtigen Ton suchten.

Von Andrian Kreye

Es war an einem dieser New Yorker Spätsommerabende, an denen die Luft wie Seide zwischen den Häuserzeilen hängt. Die Ehrengäste und die Abonnenten versammelten sich im Saal der New York Philharmonics, der Avery Fisher Hall, die rechts von der Metropolitan Opera die prächtige Nordflanke des modernistischen Lincoln Center bildet. Die Anschläge vom 11. September waren schon über ein Jahr her und die Trauerfeiern zum ersten Jahrestag eine Woche. Es sollte ein historischer Abend werden, so viel war klar. Lorin Maazel würde seinen Einstand als neuer Chefdirigent geben. Und das mit einer Auftragsarbeit, die das erste offizielle Stück Musik zum Gedenken der Katastrophe sein würde. John Adams hatte ein Stück für Orchester, Chöre und Tonbänder mit dem Titel "On the Transmigration of Souls" komponiert. Über die Seelenwanderung. Kein anderer Komponist, kaum ein Künstler hatte es bis dahin gewagt, sich an eine Aufarbeitung des Themas zu wagen. Zu nah war den Amerikanern die Katastrophe, zu überwältigend. Steve Reich etwa komponierte sein Gedächtnisstück "WTC 9/11" für das Kronos-Quartett erst in den Jahren 2009 und 2010.

John Adams wollte weder die Trauer noch die Erbauung bedienen

Trauer war schwierig gewesen in der unmittelbaren Zeit nach den Anschlägen. So hatten die Philharmoniker und andere Orchester auch kaum Requien gespielt. Beethovens "Ode an die Freude" wurde zur inoffiziellen Hymne der Zeit nach den Anschlägen. Nicht nur in New York, im ganzen Land. Erbaulich sollten Konzerte sein. So auch dieses, bei dem Maazel nach der Uraufführung von Adams' Werk ebenfalls Beethovens 9. aufführte.

John Adams wollte weder die Trauer noch die Erbauung bedienen. Er lieferte ein Stück Erinnerungskultur, das einzigartig war. "Memory Space" nannte er seine Form. Ganz ruhig begann das Werk mit Bandaufnahmen von Straßengeräuschen aus dem sommerlichen New York. Dann begannen Stimmen Namen zu nennen, Worte und Sätze wie "vermisst", "Ihr fehlt uns", "Wir lieben euch", "Wir werden euch nie vergessen". Allesamt Schriftfetzen, die er von den handkopierten Vermisstenzetteln kopiert hatte, die nach den Anschlägen Bauzäune und Mauern bepflasterten. Erst dann setzte der Kinderchor ein, das Orchester, der volle Chor. Eine Klanglandschaft aus Harmonien baute sich auf, die weder die Trauer noch die Katharsis erlaubte, sondern die Stadt zur Erinnerung zwang, die doch viel lieber aufbauen wollte, weitermachen, stark sein.

Online-/Digital-Grafik
(Foto: SZ-Grafik)

Die zeitgenössische Musik sollte das Gedenken in den Kulturkanon tragen. Doch im Pop beschäftigte sich die Musik mit der Katastrophe, sehr viel schneller als die Hochkultur.

Nur wenige Wochen nach den Anschlägen versammelte Paul McCartney Bands, Stars und Prominente auf der Bühne des Madison Square Garden, um die Helden und Opfer von 9/11 zu ehren und Spenden zu sammeln. In den Tagen zuvor tauchte er höchstpersönlich und ohne Presse oder Entourage in den Feuerwachen und Polizeirevieren auf und verteilte Ehrenkarten an die Einsatzkräfte, die beim Einsturz der Zwillingstürme so viele ihrer Kolleginnen und Kollegen verloren hatten.

Im Publikum standen viele, die einen geliebten Menschen verloren hatten

Die Gefühle wallten immer wieder auf während der fünfeinhalb Stunden des "Concert for New York City" am 20. Oktober 2001. Das begann mit einem emotionalen Doppelschlag. David Bowie, der nur wenige Blocks von Ground Zero entfernt wohnte, sang erst Paul Simons Ballade "America" und dann sein Crescendo-reiches "Heroes". Viele Lieblingsmusiker der Einsatzkräfte traten auf. The Who, Billy Joel, Elton John, Bon Jovi, Mick Jagger und Keith Richards, Jay Z. Und die fanden mit der Popgeschichte die richtigen Worte: "Seen the Lights go out on Broadway", "New York State of Mind", "Livin' on a Prayer", "Miss You", "With a Little Help from my Friends". Im Publikum standen viele, die einen geliebten Menschen verloren hatten und zu den Hymnen der Rockgeschichte Bilder der Toten in die Luft streckten.

Es dauerte nicht lange, bis Pop und Rock eigene Worte für 9/11 fanden. Und keiner brachte die Gefühle der Stadt und der Nation so sensibel auf den Punkt wie Bruce Springsteen. Im Juli 2002 veröffentlichte er schon sein Album "The Rising". Die Liste der Songs macht alleine schon klar, wie sehr er da auf den Punkt kam: "Waitin' on a Sunny Day", "Empty Sky", "You're Missing" und eine Neuinterpretation seines Songs "My City of Ruins". Gemeinsam mit der E-Street Band, die er für dieses Album wieder zusammengebracht hatte, spielte er seinen Hochdruckrock verhalten und mit dieser Traurigkeit, die bei ihm oft tiefer geht als der pop-taugliche Herzschmerz.

Neben Springsteen war es der Hip-Hop, der den Ton am besten traf

Die Liste der 9/11-Songs ist ansonsten lang. Da gab es die großen Melancholiker wie Leonard Cohen ("On that Day"), Tori Amos ("I Can't See New York") oder die Eagles ("Hole in the World"). Im Country nahmen dagegen Stars wie Toby Keith ("Courtesy of the Red, White and Blue (The Angry American)"), Alan Jackson ("Where were you (When the World Stopped Turning)") oder Randy Travis ("America Will Always Stand") eine patriotische Wende, die das Genre für viele Liberale im Land schwer erträglich machten.

Neben Springsteen war es der Hip-Hop, der den Ton am besten traf. Denn es waren vor allem die Hymnen an die Stadt, die nicht nur ihre Bewohner als die großartigste Metropole der Welt empfinden, hemmungslos lokalpatriotische Oden wie von Jay-Z mit Alicia Keys ("Empire State of Mind"), den Beastie Boys ("An Open Letter to NYC") und 50 Cent ("Patiently Waiting"), die den Geist von New York zu fassen kriegten. Denn was dort von 9/11 übrig bleibt, sind weder die Trauer noch der Patriotismus, sondern die Überzeugung, dass nichts und niemand New York in die Knie zwingen wird. Das beweist die Stadt gerade in diesen Tagen mit ihrem schon fast euphorischen Aufbruch in die Normalität, nachdem New York nicht nur Ground Zero des Kriegs gegen den Terror, sondern auch der Seuche war.

© SZ
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