bedeckt München 11°
vgwortpixel

Neues zum Marxismus:"Dann ist man Reaktionär und Utopist in einem"

Anders als Hegel verstand Marx die Weltgeschichte nicht als dialektische Entfaltung des Geistes, ihre Entwicklung ergab sich vielmehr aus dem "Aufeinandertreffen sozialer Kräfte". Dieser Aspekt der "materialistischen" Geschichtsauffassung wurde, so Stedman Jones, "auch außerhalb kommunistischer Kreise weithin akzeptiert" und begründete eine (soziologische) "Form des geschichtlichen und gesellschaftlichen Denkens (. . .), die selbst nach dem Ende des Kommunismus fortbestehen wird".

Ausführlich betrachtet Stedman Jones die Quellen, an denen Marx sich abarbeitete: Die Frühsozialisten, die schottische Aufklärung (Adam Smith), die Junghegelianer, die deutsche Historische Rechtsschule Friedrich von Savignys. Der Clou seiner "Einführung" besteht indes in einer simplen Frage: Wie kam es, dass "Das Kommunistische Manifest" mit dem Lobpreis jener Klasse anhebt, deren Untergang doch seine Programmatik ist: der Bourgeoisie? Stedman Jones zufolge lag es nicht bloß daran, dass Marx die Bourgeoisie und ihre Marktwirtschaft als ein notwendiges Zwischenstadium auf dem Weg zur Revolution und der folgenden klassenlosen Gesellschaft betrachtete.

Diese Entwicklung sei ihm deshalb möglich erschienen, weil der bürgerliche Kapitalismus den großen Vorzug gehabt habe, "ein neues Zeitalter des Überflusses" zu schaffen, "das mit der Urzeit der Menschheit vergleichbar, wenn auch unendlich viel reicher war". Nur der auch von den Frühsozialisten viel zitierte Gedanke eines modernen "goldenen Zeitalters" habe die Vorstellung von einer Gesellschaft möglich gemacht, die nach dem Motto funktionierte "jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen".

"Die richtigen Proportionen früherer Jahrhunderte"

War diese optimistische Annahme haltbar, im Rahmen von Marx' Theorie, die auf die Abschaffung des Marktes zielte? Woher sollte der Überfluss weiterhin kommen, wenn der Markt - das Medium, das ihn hervorbrachte - nicht mehr existierte? Es war ein Paradox.

Stedman Jones zitiert, wie Marx 1847 den französischen Frühsozialisten Pierre-Joseph Proudhon verspottete: Dieser wolle "die richtigen Proportionen früherer Jahrhunderte mit den Produktionsmitteln unserer Zeit, und dann ist man Reaktionär und Utopist in einem". Stedman Jones fügt an: "Aussagen der 1850er und 1860er Jahre deuten darauf hin, dass Marx in dieselbe Falle gelaufen war." Wer für die Abschaffung des Marktes plädierte, lief Gefahr, "den Kapitalismus durch eine vormarktwirtschaftliche Form zu ersetzen". Stedman Jones hält für denkbar, dass Marx das erkannt habe. Er hält für möglich, dass Marx sich eben deshalb in den letzten 15 Jahren seines Lebens vor allem mit vormarktwirtschaftlichen Formen der Ökonomie befasste, anstatt den zweiten und dritten Band des "Kapitals" zu vollenden.

Wie schwierig es ist, gleichzeitig gegen "den Markt" zu opponieren und von seinen Vorzügen profitieren zu wollen, zeigt sich bis heute: David Graeber, einer der Vorreiter der Occupy-Bewegung, hat in seinem Buch "Schulden" geschrieben: Er könne nicht sagen, ob er für oder gegen die Abschaffung des Marktes sei.

Eric Hobsbawm: Wie man die Welt verändert. Über Marx und den Marxismus. Aus dem Englischen von Thomas Atzert und Andreas Wirthensohn. Hanser Verlag, München 2012. 448 Seiten, 27,90 Euro.

Gareth Stedman Jones: Das Kommunistische Manifest von Karl Marx und Friedrich Engels. Einführung, Text, Kommentar. Aus dem Englischen von Catherine Davis. Verlag C. H. Beck, München 2012. 318 Seiten, 14,95 Euro.

© SZ vom 13.12.2012/ihe
Zur SZ-Startseite