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Neues zum Marxismus:Kapitalismuskritik in der Falle

Karl-Marx-Figur

Karl Marx - gestaltet vom Konzeptkünstler Ottmar Hörl.

(Foto: Ottmar Hörl/dpa)

Marx ist nicht gleich Marxismus. Zwei kluge neue Bücher - vom kürzlich verstorbenen Eric Hobsbawm und von Gareth Stedman Jones - erklären jetzt den Unterschied.

Im vergangenen Sommer, einige Wochen vor seinem Tod, wünschte der britische Historiker Eric Hobsbawm, freundlich wie immer, seinem Verlag am Telefon "viel Glück mit meinem neuen Buch". Das neue Buch ist eigentlich ein altes. Es besteht aus 14 Aufsätzen, von denen die meisten 1982 oder davor publiziert wurden. Hobsbawm schrieb sie Jahre vor dem Untergang der Sowjetunion und bevor deutlich wurde, dass die als "Neoliberalismus" bekannte Doktrin sich breitmachen würde. Die gegenwärtige Marx-Renaissance hat es möglich gemacht, die alten Texte neu zu publizieren. Sie sind Spezialfutter für all jene, die Näheres über den Marxismus, seine Entwicklung und seine Rezeption wissen wollen.

Sofern sich die Briten des 19. Jahrhundert überhaupt für den deutschen Zuwanderer interessierten, lasen sie Marx' Schriften mit großer Gelassenheit und ohne die Mischung aus Verachtung und Hysterie, die sich im 20. Jahrhundert breitmachte. Auch in anderen Ländern wurde der Marxismus als ein Beitrag unter vielen zur "sozialen Frage" betrachtet, die in den Vierzigerjahren des 19. Jahrhunderts aufs Tapet gekommen war. Erst die Russische Revolution und "die strikte und zentralisierte Parteiorganisation", die Lenin mit Hobsbawms Worten dem Marxismus "übergestülpt hatte", führte zur Verteufelung des Werks von Marx und Engels. Die Leute schlugen den marxistischen Sack und meinten die üblen Esel im Kreml.

Hobsbawms Aufsätze zeugen davon, wie unideologisch er mit der marxistischen Ideologie umging, die er sich zum Leitstern gewählt hatte. Als Historiker erkannte er, warum die gesammelten Schriften von Marx und Engels in vieler Hinsicht "verwirrend und unklar" waren. So wussten die meisten Leser des 20. Jahrhunderts zum Beispiel nicht, dass die Zeitgenossen Mitte des 19. Jahrhunderts sich unter dem Wort "Partei" lediglich "eine Tendenz oder eine Strömung der Anschauungsweisen oder der Politik" vorstellten.

Zerstörerisch-kreative Dynamik

Als Kommentare zur Finanzkrise und zu der Frage, auf welche Gedanken eine nützlichere Theorie als der Neoliberalismus sich stützen sollte, sind die wenigen neuen Aufsätze in Hobsbawms Buch natürlich besser geeignet. Er schreibt, dass einige "zentrale Motive von Marx' Analyse" nach wie vor gültig seien: zum einen die Einsicht in die unaufhaltsame, zerstörerisch-kreative Dynamik der globalen kapitalistischen Entwicklung. Zum zweiten "die Analyse der Funktionsweise des kapitalistischen Wachstums", das darauf beruhe, "innere 'Widersprüche' hervorzubringen" und allmählich zu einer gigantischen Konzentration der wirtschaftlichen Mittel geführt habe. Und zum dritten meint Hobsbawm: Die Welt der Gegenwart müsse sich "Marx' Fragen stellen, selbst wenn es nicht darum geht, die Antworten seiner verschiedenen Schüler zu übernehmen".

Welche Fragen das waren, zeigt der britische Historiker Gareth Stedman Jones in seiner brillanten Einführung ins "Kommunistische Manifest". Wenn Marxens Antworten auf seine großen Fragen 1848 nicht alle überzeitlichen Wert haben, so liegt es nicht zuletzt daran, dass die Fragen zeitgebunden waren und sich aus der Auseinandersetzung mit der damaligen Philosophie ergaben. Stedman Jones zeigt, wie wenig die meisten Marxisten des 20. Jahrhunderts von Marx verstanden. So lagen "die Wurzeln des Marx'schen Sozialismus gar nicht in der Industrialisierung oder den sozialen und politischen Hoffnungen der Industriearbeiter". Vielmehr habe Marx an die Diskussionen angeknüpft, die Hegels radikale Schüler führten: Welche Ideen sollten "das Christentum, bzw. Hegels rationalisierte Version des Christentums, den ,absoluten Geist', ersetzen"? Und: Wie konnte man Hegels Theorie der bürgerlichen Gesellschaft emanzipatorisch verbessern?

"Dann ist man Reaktionär und Utopist in einem"

Anders als Hegel verstand Marx die Weltgeschichte nicht als dialektische Entfaltung des Geistes, ihre Entwicklung ergab sich vielmehr aus dem "Aufeinandertreffen sozialer Kräfte". Dieser Aspekt der "materialistischen" Geschichtsauffassung wurde, so Stedman Jones, "auch außerhalb kommunistischer Kreise weithin akzeptiert" und begründete eine (soziologische) "Form des geschichtlichen und gesellschaftlichen Denkens (. . .), die selbst nach dem Ende des Kommunismus fortbestehen wird".

Ausführlich betrachtet Stedman Jones die Quellen, an denen Marx sich abarbeitete: Die Frühsozialisten, die schottische Aufklärung (Adam Smith), die Junghegelianer, die deutsche Historische Rechtsschule Friedrich von Savignys. Der Clou seiner "Einführung" besteht indes in einer simplen Frage: Wie kam es, dass "Das Kommunistische Manifest" mit dem Lobpreis jener Klasse anhebt, deren Untergang doch seine Programmatik ist: der Bourgeoisie? Stedman Jones zufolge lag es nicht bloß daran, dass Marx die Bourgeoisie und ihre Marktwirtschaft als ein notwendiges Zwischenstadium auf dem Weg zur Revolution und der folgenden klassenlosen Gesellschaft betrachtete.

Diese Entwicklung sei ihm deshalb möglich erschienen, weil der bürgerliche Kapitalismus den großen Vorzug gehabt habe, "ein neues Zeitalter des Überflusses" zu schaffen, "das mit der Urzeit der Menschheit vergleichbar, wenn auch unendlich viel reicher war". Nur der auch von den Frühsozialisten viel zitierte Gedanke eines modernen "goldenen Zeitalters" habe die Vorstellung von einer Gesellschaft möglich gemacht, die nach dem Motto funktionierte "jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen".

"Die richtigen Proportionen früherer Jahrhunderte"

War diese optimistische Annahme haltbar, im Rahmen von Marx' Theorie, die auf die Abschaffung des Marktes zielte? Woher sollte der Überfluss weiterhin kommen, wenn der Markt - das Medium, das ihn hervorbrachte - nicht mehr existierte? Es war ein Paradox.

Stedman Jones zitiert, wie Marx 1847 den französischen Frühsozialisten Pierre-Joseph Proudhon verspottete: Dieser wolle "die richtigen Proportionen früherer Jahrhunderte mit den Produktionsmitteln unserer Zeit, und dann ist man Reaktionär und Utopist in einem". Stedman Jones fügt an: "Aussagen der 1850er und 1860er Jahre deuten darauf hin, dass Marx in dieselbe Falle gelaufen war." Wer für die Abschaffung des Marktes plädierte, lief Gefahr, "den Kapitalismus durch eine vormarktwirtschaftliche Form zu ersetzen". Stedman Jones hält für denkbar, dass Marx das erkannt habe. Er hält für möglich, dass Marx sich eben deshalb in den letzten 15 Jahren seines Lebens vor allem mit vormarktwirtschaftlichen Formen der Ökonomie befasste, anstatt den zweiten und dritten Band des "Kapitals" zu vollenden.

Wie schwierig es ist, gleichzeitig gegen "den Markt" zu opponieren und von seinen Vorzügen profitieren zu wollen, zeigt sich bis heute: David Graeber, einer der Vorreiter der Occupy-Bewegung, hat in seinem Buch "Schulden" geschrieben: Er könne nicht sagen, ob er für oder gegen die Abschaffung des Marktes sei.

Eric Hobsbawm: Wie man die Welt verändert. Über Marx und den Marxismus. Aus dem Englischen von Thomas Atzert und Andreas Wirthensohn. Hanser Verlag, München 2012. 448 Seiten, 27,90 Euro.

Gareth Stedman Jones: Das Kommunistische Manifest von Karl Marx und Friedrich Engels. Einführung, Text, Kommentar. Aus dem Englischen von Catherine Davis. Verlag C. H. Beck, München 2012. 318 Seiten, 14,95 Euro.

© SZ vom 13.12.2012/ihe
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