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Neues Trump-Buch "Pussy":Selbstzufriedene Satire über Trump

Howard Jacobson: Pussy. Aus dem Englischen von Johann Christoph Maass. Mit Illustrationen von Chris Riddell. Tropen Verlag, Berlin 2018. 266 Seiten, 16 Euro. E-Book 12,99 Euro.

(Foto: Verlag; Bearbeitung SZ)

Dem Trump-Roman "Pussy" von Howard Jacobson fehlen echter Biss und Originalität - dafür sagt er einiges über den Zustand des Liberalismus aus.

Noch immer, mehr als ein Jahr nach seinem Amtsantritt, steht die Hälfte der Welt unter Schock, dass ein Präsident Trump möglich ist. Ihre Reaktion besteht teils aus der Empörung darüber, was dieser Mann alles tut und anrichtet, teils in der ungläubigen Belustigung darüber, was für ein totales Minus hier an die Macht gelangt ist. Diese beiden Reaktionen, die moralisierende und die humoristische, kommen selten zur Bindung. Wer macht schon Witze, wenn er wütend ist? Der Brite Howard Jacobson, einer der wenigen Schriftsteller, die den angesehenen Booker Prize zweimal gewonnen haben, hat es trotzdem versucht: Er hat über Donald Trump eine Satire verfasst.

Jacobs entschied sich für die Form des Märchens. Dem fehlt aber der Biss des Aktuellen

In der Satire verzahnen sich Zorn und Witz zum Hohn. Wenn sie gelingt. Hohn verlangt genaues Augenmaß, viel Kraft und langen Atem. All dies hat Jacobson nicht im Repertoire. Es geht schon los mit dem Titel des Buchs, "Pussy". Jeder weiß, wo Trump den Frauen am liebsten hinlangt. So wird von Anfang an klar, dass ein Zuwachs an Erkenntnis und eine Schärfung der Kontroverse bei diesem Buch nicht zu erwarten sind.

Der Autor hat sich für die Form des Märchens entschieden; vermutlich, weil ihm dies das Leichteste zu sein schien. Aber dem Märchen fehlt der Biss des Aktuellen. Vielleicht hätte es seine Berechtigung in einem totalitären Staat, in dem jede Kritik an den Machthabern gefährlich ist und man gut daran tut, zu indirekten Mitteln zu greifen. Aber so gern Donald Trump seine Gegner wohl liquidieren würde: dazu langt seine Macht eben doch nicht. So haftet dem Vorgang der Verschlüsselung und dem Vergnügen, das Gemeinte wiederum zu entschlüsseln, etwas Schales an, etwas Pläsierliches und allzu Selbstzufriedenes: Oh, Prinz Fracassus hat nach vorn geföhntes gelbes Haar - wer das wohl sein mag? (Auch dass er Fracassus heißen muss, nach dem englischen "fracas - Tumult, Aufruhr", als ob dies das Schlimmste an ihm wäre, zeigt, wie wenig der Autor seinen Gegenstand reflektiert hat.) Eine ähnliche intellektuelle Leistung wird dem Leser abverlangt, wenn er im Freundfeindstaat Gnossia China und im Allround-Minister Vozzek Spravchick von Cholm, der gern mit blankem Oberkörper durch die Gegend reitet, Wladimir Putin identifizieren soll. Auch Hillary Clinton hat ihren Auftritt als Tarn-Emanze Sojjourner (mit zwei J bitte!), die sich dem Prinzen als bebrillte hosentragende Garderobiere naht, um ihn später in die Pfanne zu hauen.

Der Autor erklärt, er habe noch nie mit solcher Geschwindigkeit geschrieben. Das merkt man

Das Buch verweilt über seine längsten Strecken bei Kindheit und Pubertät des kleinen Fracassus, und der ist genau so, wie man es sich vorgestellt hat: verwöhnt, stumpfsinnig, übergriffig, maulfaul, eine tyrannische Plage für Eltern, Erzieher und Hauspersonal, der am liebsten im Fernsehen Wrestling guckt und sich den römischen Kaiser Nero zum Vorbild nimmt, den er für einen Zeitgenossen hält und gerne mal treffen würde. Für den Fall, dass jemand die Botschaft nicht kapiert haben sollte, verteilen sich im Buch vignettenhafte Scherenschnitte von einem trotzigen Kind mit vorstoßendem Haarschopf und einer penisartig zwischen den Beinen schwingenden Krawatte.

Leseprobe

Jacobson hat betont, noch nie habe er, der sonst ans langsame Schreiben glaubt, ein Buch mit solcher Geschwindigkeit verfasst wie dieses. Das ist wohl wahr. Es wirkt ziemlich hingeschludert. Selbst fundamentale Überlegungen sind unterblieben, zum Beispiel, wie es funktionieren soll, dass Fracassus zwar als Kronprinz geboren wird, aber sich dennoch in einen Wahlkampf stürzen muss. Was genau wird ihm denn jetzt angekreidet? Die Arroganz, die sich aufs ererbte Privileg stützt? Oder die pöbelhafte Rücksichtslosigkeit des Parvenüs? Offenbar beides auf einmal; aber die Vorwürfe heben sich gegenseitig auf. Zum Eindruck der Lahmheit, den das alles macht, trägt auch die Übersetzung von Johann Christoph Maass bei, die einerseits dem Tempo der Handlung, andererseits der lakonischen Dumpfheit dieses Twitter-Genies nicht gewachsen ist und Sätze liefert wie "Er macht, dass die Leute tun, was er will." Wenn Maass auf Deutsch twittert, geht das Krasse verloren. Auch er musste offenbar vor allem eines: schnell fertig werden.

Als literarisches Werk dürfte "Pussy" kaum ins Gewicht fallen. Interessant ist es als Ausdruck einer bestimmten Haltung in einem bestimmten Milieu. So ähnlich hat das vor Kurzem, in seinem jüngsten Roman "Golden House", auch Salman Rushdie gemacht, nur dass er Trump statt mit einer gelben mit einer grünen Frisur versah. Das Ergebnis war in etwa das gleiche. Den "Trost beißender Satire" habe er spenden wollen, sagt Jacobson. Aber diese beiden Bedürfnisse, das nach Trost und das zu beißen, vertragen sich schlecht miteinander. "Pussy" dokumentiert den hilflosen Hochmut eines Liberalismus, der zu ermattet ist, um über seinen Gegner nachzudenken, und zu schwach, um ihn wirklich zu hassen.

© SZ vom 30.01.2018/kel

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