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Neues "Tindersticks"-Album:Die Hoffnung, ein Schatz

So viele unschuldige, verlorene Seelen: die „Tindersticks“.

(Foto: Richard Dumas & Suzanne Osborne)

So eng mit der Gegenwart verwoben wie auf ihrer neuen Platte war die Musik der "Tindersticks" noch nie.

Ganz am Ende, im Titelsong, ist man schließlich mittendrin in jener gesellschaftlichen Tristesse, die sich nun schon eine gute Weile in weiten Teilen der westlichen Welt breitmacht. Stuart Staples, seit 1993 Sänger, Songschreiber und Kopf der britischen Tindersticks, braucht dabei nicht viele Bilder, um all die Bitternis aufzurufen, die sich im Zuge des anhaltenden politischen Rechtsdralls, des tragikomischen Brexit-Gezerres oder des Realitätsbegriffs mancher Staatsoberhäupter entfaltet hat. Er blickt, allein von ein paar tieftraurigen Pianoakkorden begleitet, aufs Miteinander in den Straßen, in denen er keine Liebe mehr ausmachen kann; blickt in die Herzen, in denen nur noch die Angst haust; singt von Händen, die zur Auszählung erhoben wurden; von Wörtern, mit denen man ganze Gebäude füllte; und von Lektionen, die in Zukunft vielleicht auch mal gelernt und erinnert werden sollten.

Man könnte das alles als wehmütigen Klagegesang, als Kapitulation vor der Vergeblichkeit verstehen, wäre da nicht diese kurze, bittersüße Zeile, die Staples mit seinem markant kreidigen Bariton hier wie ein Mantra einflicht und die auch den Titel des elften Tindersticks-Albums bildet: "No Treasure But Hope" (City Slang). Die Hoffnung als letzter kostbarer Schatz also, der unter all den beharrlich aufgeschütteten Schichten aus Angst, Hassprojektionen, Ressentiments und Zukunftsungewissheit erst wieder ausgebuddelt und zutage befördert werden muss. Schmerzlich wirkt das, zugleich tröstlich, vor allem aber universell und, ja, wahrhaftig.

Dabei ist der Songwriter Staples tatsächlich eines gerade nicht, will es nicht sein und wird es auch nicht mehr werden: ein Aufrüttler und Mahner. Einer, der politische Nadelstiche setzt, schon gar keine allzu offensichtlichen. Er betont das im Telefoninterview mit dem sanften Nachdruck eines Gentlemans, man sieht ihn fast in Deckung gehen in dem Moment, als man auf den besagten Titelsong und all die anderen erstaunlich informierten Textpassagen zu sprechen kommt: "Es ist mir momentan wohl einfach nicht möglich, Songs zu schreiben, ohne dabei zu einem gewissen Grad als Mensch in dieser Welt anwesend zu sein. Als Mensch, der sieht, was um uns herum passiert und uns in unserer Lebensweise beeinflusst", sagt er schließlich. Es wirkt fast wie ein Geständnis.

Ganz unmittelbar verweisen diese Songs auf die brutalen Gleichzeitigkeiten der Zeit

Verwunderlich ist Staples' Reaktion indes nicht wirklich. Tindersticks-Songs, das waren in den vergangenen 25 Jahren vor allem introspektive Songs, in denen Liebesschmerzen mit umwerfender Intensität verhandelt wurden. Was auch an dieser streicherverhangenen und bläsersatzerhabenen Musik selbst liegt, mit der es der Band bereits in den Neunzigerjahren gelang, zu etwas zu finden, was man im Englischen als "Signature Sound" bezeichnet, eine unverkennbar eigene Form des musikalischen Ausdrucks, an der die Band bis heute unbeeindruckt von allen Moden der Gitarrenmusik (Grunge, Brit-Rock, etc.) festhält, innerhalb ihres Kammerpop-Kosmos dabei aber doch erstaunlich beweglich bleibt.

Live steht die Band inzwischen fast mehr auf Theaterbühnen als in Konzerthallen, hat sich als Soundtrack-Lieferant der französischen Regisseurin Claire Denis etabliert, hat Klanginstallationen wie jene für das Weltkriegsmuseum im belgischen Ypern eingespielt, und sich so - fernab der Musikindustrie - auch immer wieder neu inspirieren lassen. Zuletzt, nur so viel zur stilistischen Spannbreite, gab es vor drei Jahren auf ihrem Album "The Waiting Room" mit "Help Yourself" sogar einen Afrobeat-Song zu hören.

So gesehen ist die erstaunliche Neuausrichtung der Tindersticks im Falle von "No Treasure But Hope" auch weniger eine musikalische als eine inhaltliche. Es ist ein beinahe minimalistisches Album, das mit seinen harten Brüchen zwischen dem Taghellen und dem Nachtschwarzen, zwischen schwärmerischer Romantik und Momenten tiefster Trauer auch auf die brutalen Gleichzeitigkeiten unserer Zeit verweist. Oder, wie Stuart Staples es in Bezug auf das dramatisch wogende "For The Beauty" formuliert, den Eröffnungssong: "Ein Album, das sich um die Frage dreht, wie man die Balance hält in einer Welt, die voller Schmerz und Schönheit zugleich ist."

Allein die einst so oft besungenen Liebesschmerzen sind darauf nun gänzlich verschwunden. Mal ist da jetzt ein lustvolles Sehnen, wenn Staples zum süß swingenden Vibraphon der hintersinnig metaphorischen Brexit-Reflexion "The Amputees" die emotionale Abstumpfung mit einem fast freudigen "I miss you / I miss you / I miss you / I miss you sooooo bad" kommentiert. Mal ist da rührende väterliche Fürsorge wie im sacht dahinrollenden Bossa-Schlaflied "Take Care In Your Dreams", in dem er vor dem Hintergrund veränderter Gegebenheiten mit milder Stimme zur Vorsicht mahnt: "When the ground get's shaky / And the world seems wrong / And everyone is faking / That's when you learn to be strong".

Kein Song jedoch bringt den Subtext dieses Albums so klar und beunruhigend auf den Punkt wie das arabesk gitarrenverschnörkelte "See My Girls". Staples macht darin ein weltumspannendes Panorama auf, indem er von den Reisen seiner Töchter berichtet, die ihm Fotos aus allen nur möglichen Ecken der Erde schicken. Vom Eiffelturm und den Pyramiden. Von Antilopen und Wolkenkratzern. Vom Amazonas und dem Grab Bob Marleys. Die reinste Instagram-Pracht ist das, was er da umreißt, bis der Song plötzlich ins Dunkle kippt, die Kameras sich zu verselbständigen scheinen und Bilder einfangen, die auf ganz andere Aspekte der Globalisierung verweisen, auf Unfreiheit, Flucht und Tod: "So many tears ship in this ocean / So many innocent lost souls / So many cries of desperation / Are washed up on these shores", singt Staples dann mit einer Ergriffenheit, die deutlich macht, dass Anteilnahme so viel mehr sein kann als nur ein Wort. So viele Tränen, so viele schuldlos verlorene Seelen, so viele Schreie der Verzweiflung. Es zerreißt einem das Herz.

© SZ vom 21.11.2019

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