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Santigold mit neuem Album:Nichts zu verlieren

In Interviews zu "Master of My Make-Believe" erzählt Santigold, ihr Boss Jay-Z sei der Ansicht, es klinge nach Revolution. Das soll wohl gut zu Occupy Wall Street und der politisierten Grundstimmung in den USA passen. Andererseits hat Jay-Z schon recht: Die neuen Santigold-Songs "sind" zwar keine Revolution, zumindest rufen sie nicht verbal explizit zu einer auf, aber sie "klingen" nach Revolte mit ihren scharf geschmirgelten Sounds, mit der geradezu kirre machenden Dauerspannung zwischen hochfrequentem Gebritzel und tief stampfendem Bassdonner, mit den Marschtrommeln und nervösen "Hey! Hey! Hey!"-Chören. Es ist eine Mischung, die für eine Daueragitation des Trommelfells sorgt. Es stellt sich beim Hören ein Affekt der Unmittelbarkeit, Bissigkeit und ja, Radikalität ein.

Hier liegt dann wohl der entscheidende Unterschied zu Maya Arulpragasam alias M.I.A., mit der Santigold ja gerne in einen Topf geworfen wird. Zwar mochte es anfangs zwischen beiden durchaus Parallelen geben, etwa in der Art und Weise, wie sie Hip-Hop, Punk und Dubstep mit Rhythmen aus Angola oder Brasilien verquickten. Doch M.I.A. scheint in letzter Zeit immer mehr zu ihrer eigenen Karikatur zu werden.

Als sie sich von Madonna zuletzt für einen Gastauftritt auf deren Single "Give Me All Your Luvin'" einkaufen ließ, schien es vor allem darum zu gehen, am Ende eines lustlosen Zweizeilers noch einmal die Pistolenschüsse abzufeuern, die sich seit ihrem eigenen Hit "Paper Planes" als Behauptung perkussiver Radikalität etabliert haben. Auch macht M.I.A. neuerdings Musik für Julian Assanges Talkshow. Es fällt zunehmend schwer, sie ernst zu nehmen. Santi White hingegen surft gewieft auf den klanglichen Oberflächen des Radikalen, ohne sich inhaltlich zu verheddern.

Als Chartmaterial betrachtet, erscheint ihr Album "Master of My Make-Believe" mutig. Als Avantgardemusik ist es zu poppig. Man könnte sagen: Santigold besetzt ein sehr interessantes Dazwischen. Wenn es gut läuft, könnten sich einige der Songs zu Hits entwickeln, "Disparate Youth" beispielsweise eignet sich mit seinen hochfrisierten Postpunk-Gitarren und dem Dub-Reggae-Bass vorzüglich als Sommerfestivalhymne. Ebenso "The Keepers", ein Song, der auf der beschleunigten Rhythmusspur von Kate Bushs "Running Up That Hill" basiert, wobei er dem Zitat jegliche Sentimentalität austreibt, indem er einen herausgeschrieenen Refrain über brennende Häuser in Amerika addiert.

Songs für Rihanna und Beyoncé

Wenn es hingegen nicht so gut läuft - und das ist eine Option, die Santigold und ihr Management vermutlich zumindest mit einkalkuliert haben -, dann eignen sich die Stücke immer noch bestens als Samplematerial für Hits anderer Leute. Für die Künstlerin würde sich damit gar nicht viel ändern, sie würde wieder nur ihrem Ruf als Trendscout gerecht.

Da ist zum Beispiel Rihanna, die ebenfalls bei Roc Nation unter Vertag steht: Die braucht dringend neue Impulse. Nach ihrer Serie von Eurodance-Hits steckt sie tief in der Kirmestechno-Falle. Tatsächlich war vor einigen Tagen in der New York Times zu lesen, Rihanna sei im VIP-Bereich des kalifornischen Coachella-Festivals Santigold vertraulich um den Hals gefallen.

Und auch Beyoncé wird bald - nach ihrer Babypause, zwischen eigenem Modelabel und der nächsten Hollywood-Rolle - wieder jemanden brauchen, der ihr beim Finden des momentan avanciertesten Beats zur Seite steht. Es sieht aus, als gäbe es auf dem Thron der rundum vernetzten Pop-Gaukelei, den Santi White sich selbst errichtet hat, rein gar nichts zu verlieren.

© SZ vom 04.05.2012/mapo
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