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Neues Madonna-Album "Hard Candy":Aus der Ursuppe des Trash

Kopie ihrer selbst: Mit dem neuen Album "Hard Candy" gelingt Madonna eine bisher unbekannte und für unvereinbar gehaltene Kombination - jung zu bleiben und doch in Würde zu altern.

Caroline von Lowtzow

Madonna zu deuten war nie nur eine Domäne der Boulevardmedien. Sie war von Anfang an mehr als nur Sängerin, Tänzerin, Schauspielerin, Videokünstlerin, Skandalfigur. Sie war ein Gesamtkunstwerk. Und brachte sogar einen eigenen Forschungszweig hervor: die "Madonna Studies".

1983 tauchte sie mit "Holiday" aus der New Yorker Disco- und Schwulenszene zur glänzenden Oberfläche des Pop auf und verschwand nicht mehr. Damals, so schrieb Poptheoretiker Diedrich Diederichsen 1993 in dem Reader "Das Madonna Phänomen", sei sie noch ein weißes Underground-Mädchen gewesen, das über schwarze Musik einen Club-Hit landete. Mit einem Sound wie aus einer West-Side-Discothek, wo man billigen, kräftigen Soul hören konnte. "Aus der Ursuppe tiefen, heißen Trashs klang Madonnas Hymne an den einen Tag, den man sich vom Leben frei nimmt, wie die Nahtstelle zu den amerikanischen Massen im Tageslicht."

Produktion und Prostitution

Seit diesem Moment hat sich Madonna immer wieder um die Erneuerung und Aktualisierung von Disco bemüht. Mehr noch, Madonna wurde selbst zur Verkörperung von Disco. Und zur weiblichen Inkarnation des amerikanischen Traums vom "Self-made Man". Denn ihre Inszenierung der erfolgreichen Geschäftsfrau ist das zweite, vielleicht sogar wichtigere Merkmal von Madonna, das sich durch ihr Schaffen zieht. Nach Diedrichsen hat Madonna die Legende ihres vor nichts zurückschreckenden Ehrgeizes selbst offen kultiviert.

Anfangs habe sie damit noch einen bis dahin verborgenen Charakter des Show-Biz offenbart, den der Prostitution - und blieb gerade durch diese Offenlegung der Entstehungsbedingungen souverän. Im Laufe der Jahre blieb davon nur noch die Inszenierung der eigenen harten Arbeit übrig: das harte Training am Körper und das Produzieren immer neuer Skandale, um im Gespräch zu bleiben. Sogar auf ihrer "Confessions of a Dancefloor"-Tour 2006 schaffte sie es noch, ein Skandälchen zu provozieren, als sie an einem Kreuz hängend mit Dornenkrone sang und die Kirchen ihr den Gefallen taten, sich aufzuregen.

Letztlich diente alles dem Geldverdienen. Der im letzten Jahr verkündete 120 Millionen Dollar schwere Wechsel von Warner zum weltgrößten Konzertvermarkter Live Nation konnte deshalb niemanden erstaunen. Genausowenig wie die jetzige Zusammenarbeit mit den Starproduzenten Pharell Williams und Timbaland, deren Songs seit Jahren die US-Hitparaden dominieren.

Genau da will Madonna wieder hin. Denn seit der Aufregung über die erste und später zurückgezogene Version des kriegskritischen Videos zu "American Life" (2003), werden ihre Singles von vielen US-Radiostationen boykottiert. In Che-Guevara-Pose und zwischen Models in Camouflage warf sie damals einem Double George W. Bushs eine Handgranate zu.

1985, kaum zwei Jahre nach "Holiday" und der Veröffentlichung ihres ersten Albums, erschienen bereits die ersten wissenschaftlichen Artikel über Madonna, und Anfang der neunziger Jahre setzte ein Publikationsboom ein. Sie wurde als Ikone der Emanzipation und Vertreterin des Postfeminismus gesehen, als Botschafterin von Queer und als Prototyp der Postmoderne. Ihr Werk wurde wahlweise mit den Theorien von Lacan, Foucault oder Baudrillard gedeutet. Es gab eine Madonna für fast jeden theoretischen Zweig, was sogar eine Parodie auf diese zahlreichen Deutungen nach sich zog: einen "Postmodernismus Generator" im Internet, der nach dem Zufallsprinzip sinnlose Texte über Madonna im postmodernen Jargon zusammenstellte.

Auf der nächsten Seite: Wie Madonna zum neufeministischen Star wurde und warum "Hard Candy" einen Rückgriff auf ihre musikalischen Anfänge darstellt.

Aus der Ursuppe des Trash

Zunächst wurde sie im feministisch-emanzipatorischen Kontext diskutiert. Als Frau, die wie keine andere für sexuelle Befreiung stand, für die Selbstermächtigung der Frau und für die Freiheit, weibliche Sexualität auszudrücken und mit ihr zu spielen. Madonna hat Macht, wie sie sonst nur Männer haben.

Trash de luxe: Madonnas neuestes Plattencover.

(Foto: Foto: AP)

Selbst wenn Madonna als "Material Girl" Marilyn Monroe zitiert, ist diese Marilyn kein Opfer, sondern eine starke Frau, die bekommt, was sie will. "Stärke und Weiblichkeit schließen sich nicht aus. Das ist meine Botschaft. Ich bin keine Feministin, aber meine Kunst ist feministisch", sagte sie schon 1985 in einem Interview. Genau dafür wurde sie als neofeministischer Star gefeiert: "Madonna hat durch die Wiederherstellung der weiblichen Herrschaft über das Reich der Sexualität die Gebrechen des Feminismus geheilt", jubelte die Kulturwissenschaftlerin Camille Paglia.

Postmoderne Theoretiker liebten sie für ihre anspielungsreichen Videoclips, die Anschauungsmaterial für Collagetechniken und Zitierstrategien postmoderner Kunst lieferten und noch heute in einschlägigen Proseminaren analysiert werden. So bedient sich etwa "Express Yourself" bei Fritz Langs Klassiker "Metropolis", für "Material Girl" plünderte sie sowohl bei "Blondinen bevorzugt" als auch bei "Manche mögen's heiß", und in "Vogue" erscheint sie als Göttin der Leinwand in Posen von Marlene Dietrich, Rita Hayworth oder Carol Lombard.

Mehrere Identitäten gleichzeitig

Zum Theorie-Superstar wurde Madonna durch die Veröffentlichung von Judith Butlers 1990 erschienener Studie "Gender Trouble". Die Literaturwissenschaftlerin kritisiert darin den Feminismus dafür, dass er Frauen als eine homogene Gruppe beschreibt, deren Grundlage eine gemeinsame weibliche Identität sei, und trennt scharf zwischen dem biologischen Geschlecht (Sex) und dem kulturellen oder sozialen Geschlecht (Gender). Soziale geschlechtliche Identität, so Butler, sei etwas Performatives, Veränderbares, etwas, das sich immer wieder neu und anders zusammensetzen könne. Madonna war dafür das perfekte Beispiel, weil sie nicht nur die Identitäten wechselte, sondern auch mehrere Identitäten gleichzeitig verkörperte.

Echte Falschheit

Sie verknüpfte Muster, die bisher als unvereinbar gesehen wurden: Religion und Sexualität, Heterosexualität und Homosexualität, Subkultur und Mainstream, gestählter Körper und weibliche Formen, männlich-dominantes Auftreten und weibliches Verhalten. Ein Original, eine ursprüngliche Identität gibt es nicht. Madonna ist Marilyn ist Marlene ist Evita ist Diana ist Mummy ist Madonna ist Boy Toy ist Material Girl ist S&M-Madonna ist spirituelle Madonna ist Cowgirl-Madonna ist Che-Guevara-Madonna ist Aerobic-Madonna ist Madonna-Madonna.

Anfang des neuen Jahrtausends lässt die Madonnatheorieflut erstmals nach. Ein Sättigungsgrad scheint erreicht. Seit ihrer 1998 veröffentlichten Platte "Ray of Light" hat sie Glaubwürdigkeit, Yoga, Liebe, Familie, sprich vermeintlich private Dinge, ins Zentrum gerückt. Das Wichtigste an der frühen Madonna war dagegen, dass sie die Distanz zwischen ihren Inhalten und ihrer Person in den Mittelpunkt ihrer Kunst stellte.

Mit der neuen Platte "Hard Candy", die heute erscheint, knüpft Madonna wieder an diese echte Falschheit an, bezieht sich damit jedoch erstmals nicht auf die Geschichte anderer, sondern auf ihre eigene. Schon das Vorgänger-Album, die "Confessions On A Dancefloor", führte musikalisch und optisch in die achtziger Jahre zurück. Aber Madonnas eigene musikalische Wurzeln waren nicht ABBA, deren "Gimme Gimme Gimme" in "Hung Up" gesampelt wird.

Madonnas Wurzeln waren auch nicht die Aerobic-Videos von Jane Fonda, die ein Jahr vor Madonnas Durchbruch mit "Holiday" auf den Markt kamen. Madonnas Wurzeln lagen im Italo-Disco-Sound Giorgio Moroders und im schwarzen Disco-Sound New Yorks der siebziger Jahre. Mit Pharell Williams und Timbaland versuchen jetzt zwei Produzenten diese Wurzeln wieder zu Tage zu fördern, deren eigene musikalischen Wurzeln ebenfalls in der schwarzen Musik liegen.

Jung bleiben und würdig altern

Auf dem Cover von "Hard Candy" sieht Madonna dann auch zum ersten Mal aus wie eine Kopie ihrer selbst - den Mund lasziv geöffnet, die Augen halb geschlossen wie auf dem "Erotica"-Cover, im bekannten Bondage-Style gewandet, die Frisur erinnert an die ihrer ersten Alben. Damals waren ihre Handgelenke mit Lederbändchen und Silberketten bandagiert, heute sind es die schwarzen Bandagen eines Boxers. Das Cover sieht so trashig aus, wie schon lange keines mehr, und selbst im Titel "Hard Candy" ist der Bezug zu ihren 25 Schaffensjahren zu lesen: das Wechseln zwischen dem lasziv und scheinbar ewig jungen weiblichen Körper, dem "soft Body", und dem stählern durchtrainierten, kalt berechnenden "Hardbody".

Dazu die doppeldeutige Provokation, denn "Hard Candy" ist Slang für minderjährige Lustobjekte im Internet. Und Songs wie "Heartbeat", "She's Not Me" oder "Incredible" wecken sofort Assoziationen an ihre frühe Schaffensphase - inklusive mädchenhafter Piepsstimme. Ein Durchdeklinieren des eigenen Schaffens unter gegenwärtigen Bedingungen mit den beiden besten Produzenten, die es derzeit gibt.

Madonna mag also mit ihrer Entscheidung für Williams und Timbaland als Produzenten nicht gerade weit vorne liegen. Um sich an das Nachdenken über ihr eigenes Werk zu trauen, sind die beiden genau die Richtigen. Mit "Hard Candy" wird Madonna zum Zitat ihrer selbst. Damit ist ihr erneut eine bisher unbekannte und für unvereinbar gehaltene Kombination geglückt: gleichzeitig jung zu bleiben und doch in Würde zu altern. Äußerlich tut sie zwar so, als sei sie noch 32 und geht mit Botox gegen ihre Vergänglichkeit vor, auf der Ebene ihrer Kunst aber hat sie mit "Hard Candy" ihr Alterswerk begonnen.

© SZ vom 25.4.2008/ehr
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